Schädel einer jungen Frau, um 3600 v. Chr. und Gesichtsrekonstruktion. Gelochte Tierzähne von Schmuckketten, Erwitte- Schmerlecke, um 3500 v. Chr.

Schöpf-Ensemble aus dem Brunnen in Erkelenz-Kückhoven. Fotos: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn

Ein Fortschritt aus dem Paradies

Vor 7000 Jahren wanderten Menschen sesshafter Lebensweise ins heutige NRW ein, verdrängten die Jäger und Sammler. Eine Ausstellung in Bonn rückt diese neolithische Revolution ganz nah.

Text: Ulrich Deuter

Mit Mühsal sollst du dich nähren dein Leben lang«, so verflucht Gott den Adam: »Du sollst dich vom Gewächs des Feldes nähren.« Sohn Kain bekommt noch eine Verwünschung mehr: »Unstet und flüchtig sollst du auf der Erde sein.«

Da waren Sorge und Unrast in der Welt. Was wohl bedeutet, sie waren es immer schon, eine Verdammnis seit Menschheitsbeginn. – Oder gehört auch die mythische Zeit davor, das Paradies, zu unserer realen Vergangenheit? Die Genesis, das erste Buch des jüdischen Tanach, hat sich als Erzählung irgendwann im späten Neolithikum oder sogar noch danach herausgebildet, als die Welt des Vorderen Orients bereits seit Jahrtausenden von Ackerbau und Viehzucht lebte. Um 10.000 v. Chr. hatte der Mensch dort begonnen, sesshaft und Bauer zu werden. Doch es gab ein Davor, und dies hat unvorstellbar viel länger gewährt: zweieinhalb Millionen Jahre. War vielleicht diese Ära das Paradies, aus dem uns Gott als Folge einer Fehltat vertrieben hat, aus einem Dasein ohne Unrast und Sorge? Wenn ja, dann war die fluchwürdige Sünde nicht der Biss in den Apfel, sondern das Ausstreuen von Samenkörnern des Wildgetreides. War sie die nach und nach erblühte Erkenntnis, dass der Mensch – produzieren kann.

Zu dieser Auffassung muss kommen, wer nicht nur die faszinierende Ausstellung »Revolution Jungsteinzeit« im Bonner LVR-Landesmuseum besucht, sondern auch den zugehörigen Katalog aufschlägt. Finden sich doch dort in einer erschütternden Tabelle Pros & Cons der beiden einzigen Lebens- und Wirtschaftsformen aufgelistet, die die Menschheit seit ihrer Entstehung kennt: Jäger und Sammler; oder Vierzüchter und Ackerbauer (samt allem, was sich daraus entwickelt hat bis heute).

Und da schneidet die Wildbeuterei ganz klar besser ab. Archäologie und Ethnologie wissen: Die kleinen Gruppen der Jäger und Sammler »arbeiten« drei bis vier Stunden am Tag für ihren Unterhalt, besitzen gute Gesundheit, egalitäre Sozialstrukturen und hohe Wertschätzung des Einzelnen. Krieg ist unbekannt. Bei den immer größer werdenden Bauernsozietäten ist in allen Punkten das Gegenteil der Fall. Kurz gesagt: Sämtliche Problematiken der Jetztzeit von der Fron der Arbeit, sozialen Konflikten, Krieg und Überbevölkerung bis zur Umweltzerstörung fangen mit dem Sesshaftwerden an, in der Jungsteinzeit. Und die Sorge um die Existenz eben auch.

Mit Ausnahme weniger Jahrzehnte (etwa nach dem Zweiten Weltkrieg) sind die Menschen immer auf dem Globus herumgewandert; freilich hatten sie stets Gründe dafür. Freibeutergruppen wachsen kaum; Bauerngesellschaften sehr wohl: Kohlehydrat- und fettreiche Ernährung ermöglichen beinah jährliche Geburten. Irgendwann werden die Ressourcen – das Ackerland – knapp, Migrationsdruck folgt. Etwa um 5300 v. Chr. kommen wandernde sesshaft Gewordene auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen an. Im Gepäck das Neolithische Paket.

So bezeichnet man die Kenntnisse, die sich im Laufe von fünf Jahrtausenden im Gebiet des »Fruchtbaren Halbmondes« ansammelten und die Revolution Jungsteinzeit auslösten. Im wesentlichen sind dies: Haustierhaltung; Kulturpflanzenanbau mit zugehöriger Erfindung von Pflug und Dechsel (Beil); sesshafte Lebensweise mit Hausbaufertigkeit; Bewässerung und Brunnenerrichtung; Produktion von Keramik und Steinschliff. Menschengruppen mit diesen Fähigkeiten – kulturell gesehen Linearbandkeramiker – lassen sich samt ihren Nutzpflanzen und -tieren in den hiesigen Lössgegenden nieder, brandroden die Lindenwälder, legen kleine Felder an, bauen Häuser, weiden ihr Vieh am Waldesrand. Eisbohrkernuntersuchungen zeigen, im Neolithikum wächst der CO2-Gehalt der Atmosphäre, denn die Düngung durch Baum-asche trägt nur ein Jahr, erfordert also immer neue Rodung; am Ende der Jungsteinzeit gibt es zwischen Rhein und Weser keine Lindenwälder mehr. Sowieso finden unsere Vorfahren Eiche und Buche besser.

Ja, unsere Vorfahren – das heutige NRW war nicht nur bei der industriellen, auch bei der neolithische Revolution vorn dabei. Hier ist herausragendes neolithisches Gebiet. Bereits vor 7000 Jahren ist es dicht besiedelt, etwa 35.000 Jungsteinzeitbauern leben hier. Zusammen mit (getrennt von?) Jäger-und-Sammler-Populationen, die die immer noch waldreichen Mittelgebirgslagen bevorzugen. Zu ersehen an dem berühmten Schädelfund aus der Hagener Blätterhöhle: eine 17 bis 22 Jahre alte Frau aus der Zeit von 3600 v. Chr. (das Gesicht konnte forensisch rekonstruiert werden), die Isotopenanalyse beweist eine Ernährung ausschließlich durch Fisch und Fleisch.

Auch dem mächtigen Skelett eines Auerochsen steht man in Bonn gegenüber, die Kuh starb im heutigen Mönchengladbach durch Pfeilbeschuss, wurde danach von Jägern zerlegt – die mesolithische Feuerstelle fand die Archäologie gleich daneben. Das Gros der Ausstellung aber bringt die modernere neolithische Lebensform nah vor Augen. Beginnend mit der (Teil-)Rekonstruktion eines der damals typischen Langhäuser, Giebelhöhe sechs, Länge 40 Meter, Fachwerk; man weiß, so eine Großfamilienbehausung war bemalt und mit Rinde bedeckt, war von kleinen Feldern umgeben und von anderen Langhäusern flankiert. Mittelpunkt des »Dorfes« ist der Brunnen, denn die sichere Verfügbarkeit von Frischwasser scheint mit das Wichtigste für jene Menschen zu sein. Das ist eine relativ neue Erkenntnis, erst 1990 grub man die erste neolithischen Zisterne aus, weil man bis dahin überzeugt war, Siedlungen seien stets an Fließgewässern entstanden. Heute weiß man es besser, und Bonn präsentiert nun die (Reste der) Brunnenanlage von Erkelenz als das größte bislang geborgene Architekturmonument der Jungsteinzeit in Mitteleuropa. Der aus Eichenbohlen überraschend genau errichtete Blockbau reichte 15 Meter in die Tiefe. Auf der Sohle lagen eine Schöpfkelle sowie eine Kniehacke, beide aus Ahorn, ein 30 Zentimeter hoher Schöpfbeutel aus Lindenrinde und anderes. Jetzt für uns aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit ans Licht geholt.

Ein Mini-Getreidefeld mit den damals angebauten Sorten Emmer und Einkorn; Schmuck- und Kultgeräte; punktlinienverzierte Tongefäße in allen Größen; Skelette und Grabbeigaben; übergroße Prunkklingen aus Jadeit. Aber die archäologischen Relikte sind eine Schrift, die nicht jeder lesen kann – erst der Audio Guide lässt Beziehungen und Gestalten entstehen. Kann etwa erzählen, wie die geologische Forschung zweifelsfrei herausfinden konnte, dass vor etwa 6000 Jahren Jadeit-Beilklingen aus demselben alpinen Gesteinsblock ins spätere NRW gelangten – und nach Schottland. So wie eine Bernsteinperle von der Ostsee in ein hiesiges Grab gelegt wurde. Identische Keramik-Ornamentik beweist kulturelle Verbindungen quer über den Kontinent – welch ganz anderes Bild der Steinzeit zeigt sich uns da?

 

LVR-Landesmuseum Bonn, bis 3. April 2016. Tel.: 0228/2070-351. www.landesmuseum-bonn.lvr.de. Katalog 450 S., 29,95 Euro

Kulturgeschichte
10 / 2015

Ein Fortschritt aus dem Paradies

Von: Ulrich Deuter


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