Masurinnen vor der Kirche, Gelsenkirchen 1920/1930. Foto: Institut für Stadtgeschichte, Gelsenkirchen.

Dachschäden

Von der Einheit in die Vielheit: Die Ausstellung »Der geteilte Himmel« im Ruhr Museum zeigt Luthers Reformation und was darauf folgte.  

TEXT ANDREAS WILINK

Theodor Fontane lässt in seinem Roman »Frau Jenny Treibel« den Gymnasial-Professor Wilibald Schmidt, einen weltfrommen, humorvoll-skeptischen Mann vom Schlage des alten Stechlin, das Anekdotische und Genrehafte, das so ganz nach seinem Herzen ist, verteidigen: »Das Nebensächliche, so viel ist richtig, gilt nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts drin steckt. Steckt aber was drin, dann ist es die Hauptsache.«

Bezogen auf die vom Ruhr Museum konzipierte Ausstellung zur Reformation und religiösen Vielfalt mit dem schönen Titel »Der geteilte Himmel«, der sich einmal nicht auf das Farbspiel von Blau und Grau und damit auf Klima und Luftqualität bezieht, heißt das: In scheinbar Nebensächlichkeiten steckt eine ganze Menge. 

Da liegt zum Beispiel in einer Vitrine ein Fläschchen Klosterfrau Melissengeist. Eine Nonne aus Coesfeld hatte 1825 das Unternehmen für Heilwasser gegründet, als Reaktion auf die Säkularisierung und damit notwendig gewordene Selbstorganisation von Mönchen und Nonnen, die nunmehr auf sich allein gestellt waren. Preußen erhielt 1802 etwa das Reichsstift Essen und die Reichsabtei Werden zugesprochen. Unter der protestantischen Hoheit Berlins wurden die konfessionellen Parteiungen geschärft und vergifteten das Zusammenleben nachhaltig, sodass etwa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im katholischen Münsterland und Westfalen die evangelische Diaspora gern getriezt wurde. 

Zweites Beispiel. In einem anderen der zehn Kapitel und 20 Abteilungen steht ein besonderer Weihnachtsschmuck: eine Bergmanns-Krippe unter einem naturgetreuen Förderturm mit einer Szenerie unter Tage inklusive Lore und Kohlenstaub. Der Mensch schuf sich Brauchtum entlang seiner Lebenswirklichkeit. Die hatte auch zu tun mit Tradition, Herkunft und der eigenen, eigensinnig gewahrten »Leitkultur«. Der Einwanderer aus Oberschlesien mit seinem Altlutheraner Glauben hatte anderes im Sinn als der polnischsprachige Katholik. Man verband sich in Verein und Gemeinde, gründete Landsmannschaften. Bis sich der ursprünglich zweigeteilte oder dreigeteilte Himmel (nimmt man das eingesessene Judentum hinzu) aufgefächert hat: mit Bezirken für (...)

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Bis 31. Oktober 2017; Katalog: Klartext Verlag, Essen, 430 S. mit zahlreichen Abb., 24,95 Euro.

Kulturgeschichte
06 / 2017

Dachschäden

Von: Andreas Wilink


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