Das Sisyphus-Spiel

Einige Anmerkungen zum Mythos Fußball

Erschöpft lagen die Spieler auf dem Rasen und ließen sich von den Masseuren die Krämpfe aus den Muskeln schütteln. Nach 90 berauschenden Minuten in der Hitze des Rheinstadions stand die Verlängerung des Pokalfinales 1.FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach an. Mitten unter den Gladbacher Spielern noch im Trainingsanzug: Günter Netzer. Eigentlich hätte dieses Finale sein großes Abschiedsspiel werden sollen, aber Hennes Weisweiler hatte ihn auf der Bank schmoren lassen. Der »Rebell am Ball«, so der Titel einer Biografie von 1971, hatte zuvor seinen Wechsel zu Real Madrid bekannt gegeben, was ihm der autoritäre Trainer übel genommen hatte. Noch in der Halbzeitpause hatte Netzer selbst eine Einwechselung abgelehnt. Aber jetzt war das Drama fortgeschritten. Christian Kulik konnte, vollkommen erledigt, nicht weiterspielen. Netzer zog sich, ohne Rücksprache zu halten, die Trainingshose aus. »Ich spiel dann jetzt«, raunte er in Richtung des Trainer-Übervaters, der nicht reagierte. Keine drei Minuten waren nach der spektakulären Selbsteinwechselung gespielt, als Berti Vogts dem Mittelfeldregisseur fast ehrfurchtsvoll den Ball überließ. Mit seinen ersten Ballkontakten trieb der Mann mit der langen blonden Mähne das runde Leder in Richtung des gegnerischen Strafraums, spielte einen Pass zu Rainer Bonhof, der zurück in die Gasse, und schließlich wuchtete Netzer den Ball zum entscheidenden 2:1 in den Winkel. Dass ihm dabei der Ball »über den Schlappen rutschte«, wie er später selbst eingestand, tat der Katharsis des Moments keinen Abbruch.

Die Presse überschlug sich nach dem Spiel in Superlativen: ein »Rausch von Laufen, Schießen, Dribbeln, Hechten, Springen« schrieb die »Rheinische Post«. Netzers Abschied vom Niederrhein war zwar auch Thema, aber im Mittelpunkt der euphorischen Kritiken stand das Finale als Gesamtkunstwerk. »Für uns war das englische Cup-Finale immer das große Vorbild. Aber dieses Endspiel war besser als das beste Cup-Final, das ich erlebt habe«, brachte der so genannte Fußball- Professor Dettmar Cramer seine Begeisterung auf den Punkt. Die Erhebung von Netzers Selbsteinwechselung zum alles überstrahlenden mythischen Sujet geschah erst post festum. Vor allem durch das Feuilleton. »Netzer kam aus der Tiefe des Raumes« schrieb Karl-Heinz Bohrer in der FAZ schon 1972 und inspirierte mit diesem Steilpass die Goalgetter in den Kulturredaktionen, die sich, bevor sie auf dem Fußballrasen ihre Position fanden, mit der neuen Subjektivität der »Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt« (Peter Handke) bescheiden mussten. Jetzt konnten sie endlich das Runde ins Eckige hämmern.

Die 90 Minuten des Spiels aller Spiele wurden zum Stoff, aus dem die Träume sind: »Netzers Gang auf das Feld … Ein Athlet stellte sich dar, und die Augen der Kameras hoben jeden Schritt so hervor, als hätte für das Wiedereintreten des ›schmollenden Helden‹ das ganze griechische und trojanische Heer noch einmal seine Augen gerichtet auf jenen uralten Augenblick, in dem der schmollende Held Achill wieder auf dem Schlachtfeld von Troja erschien, um den erschöpften Kampf zu lösen und zu beenden«, so die Eloge der FAZ. Gerade Günter Netzer und die Gladbacher Fohlenelf wurden so weit über den Fußballplatz hinaus zum verklärten Sinnbild von Radikalität, Reform und Utopie. »Die zeitgenössischen Dramen voll Schicksal und Tragik und Liebe finden nicht mehr auf den überholten Bühnen der Stadttheater statt, sondern in den Fußballstadien«, attestierte Helmut Böttiger, Feuilletonredakteur der »Frankfurter Rundschau« und der »ZEIT«, und mit den 70er Jahren begann sich der Fußball, als kulturelles Phänomen erkannt, aus dem reinen Sportressort zu lösen – ein Spielball zwischen biografischer Erinnerung, gesellschaftlicher Analyse und Epos. Aber worin liegt das Mythische im Fußball überhaupt? Sind es die Legenden, die sich um Spieler und Spiele ranken, Weisheiten wie »Ein Spiel dauert 90 Minuten« oder Gary Linekers berühmter Ausspruch »Fußball ist, wenn 22 Mann spielen, und am Ende gewinnt immer Deutschland«? Ist es die Erfahrung der Kollektivität unter Verwendung religiöser Symbole und Metaphern, wie sie in der Erinnerung von Ulrich Homann, Chefredakteur von »Reviersport«, zum Ausdruck kommt, wenn er sich an den Schalker Abstiegskampf 1966 erinnert, als die Königsblauen Spieltag für Spieltag mit einer jungen Regionalliga-Mannschaft um den Klassenerhalt kämpften: »Die Gesänge – ›Aber eins, aber eins, das bleibt bestehn, der FC Schalke wird nie untergehn‹ – verursachten nicht einfach nur Gänsehäute, die Leute, die da sangen, waren keine ›Schlachtenbummler‹ ausgewiesen durch Fahne, Hut und Tröte. Es war auch kein bierseliges Gröhlen. Mir fällt kein anderer Vergleich ein: Die Leute sangen wie in der Kirche.« Oder dient der Fußball letztlich doch nur dazu, ähnlich wie die marxistische Kritik auch die gesellschaftliche Funktion des Mythos definiert, sozialen Zusammenhalt zu erzeugen und gleichzeitig den Istzustand der Welt und damit die konkreten Herrschaftsverhältnisse zu konservieren?

Auch der historische Diskurs liefert keine klare Antwort. Es ist signifikant, dass der Siegeszug des Fußballs in einer Phase der bürgerlichen Gesellschaft einsetzte, als durch die Säkularisierung ein Verlust von traditionellen religiösen Identifikationen und Werten zu konstatieren war. Gerne wird im Ruhrgebiet die Entstehung des Fußballs zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus den einfachen Malocher-Verhältnissen erklärt: »Schalke um die Jahrhundertwende: ein Kumpel- Dorf. Rund um die Zeche Consolidation als Brötchengeber. Qualm und Ruß in der Luft.. … Der Gang zum Schacht, die Fahrt mit dem Förderkorb. Abends noch ein paar Bier in einer mickrigen Pinte. … Fußball – das war ein Stück wirkliches Leben. Das gehörte zum täglichen Einmaleins wie der Qualm aus Schalker Schloten«, entwarfen Hans-Josef Justen und Jörg Loskill in ihrem Buch »Anstoß. Fußball im Ruhrgebiet« (1985) das Entstehen des Traditionsvereins im Revier als sozial-romantisches Bild. Nur: Auch an Ruhr und Emscher waren es um 1900 vor allem junge Bürgersöhne, die dem als »Fußlümmelei« diffamierten neuen Sport huldigten. Der Wittener FC, 1892 aus dem Real-Gymnasium entstanden, ist der älteste Fußballclub der Region. In Recklinghausen gründete sich 1904 als erster Fußballverein der Schülerclub »Sanssouci«, der schon in seinem Namen nichts mit dem »Kohlenpott« gemeinsam hatte. Fußball wurde vor allem zu einem Teil der Angestelltenkultur und man versuchte, in Habitus, Kleidung und mit Vereinsnamen wie »Borussia« oder »Westfalia« die den Angestellten verschlossene Welt des studentischen Verbindungswesens zu imitieren. Bis Mitte der 20er Jahre dominierten die bürgerlichen »Lackschuhvereine « wie ETB Schwarz-Weiß Essen oder der Duisburger SV, bevor sie durch die ersten »Arbeitervereine« wie BV Altenessen und eben Schalke 04 abgelöst wurden. Der Gründungsmythos, das wilde Kicken auf Straßen und Hinterhöfen sei Ausdruck des Lebensgefühls der Malocher und habe den Fußball quasi naturwüchsig hervorgebracht, bedarf zumindest einer Relativierung.

Als wahrer Urstoff der Fußball-Mythologie gilt bis heute die Zeit der Oberliga West von 1947 bis 1963. So klingt allein die Abschlusstabelle der ersten Saison wie eine sagenumwobene Karte aus einer längst vergangenen Zeit: 1. Borussia Dortmund, 2. Sportfreunde Katernberg, 3. STV Horst-Emscher, 4. Hamborn 07. Der »Pott« war damals noch das, was heute nur noch die Älteren kennen: die Region von Stahl und Kohle, der Motor des deutschen Wirtschaftswunderlandes. In dieser städtebaulich und kulturell kargen Region entwickelte sich der Fußball zur Abwechselung Nummer Eins und »die Straßenbahn-Liga« zog die Menschen in die legendären Stadien. Wohl zu keiner Zeit zuvor oder danach war die Identifikation der Anhänger mit den lokalen Vereinen so groß. Die Mannschaften blieben oftmals über Jahre hinweg zusammen, und die Spieler stammten meistens noch aus dem Umfeld. Gleichzeitig fanden die Zuwanderer des Reviers, die Heimatvertriebenen und Neubergleute, in den Vereinen eine ideale Plattform, um sich in die »neue Heimat« zu integrieren. »Die Liga ist seit 1963 ein Mythos. Weil die Spieler auf denselben Werken arbeiteten wie die Zuschauer. Foulte ein Gegner den heimischen Spieler, schienen seine Arbeitskollegen den Schmerz und die Ungerechtigkeit zu fühlen. … Bis heute noch, sind in Horst-Emscher und Oer-Erkenschwick Cracks von einst im Ort zu treffen, die immer wieder von den einstigen Spielen berichten können. Aber immer weniger können sich noch selbst daran erinnern«, resümiert Hans Dieter Baroth, der mit seinem 1988 erschienenen Buch »Jungens, Euch gehört der Himmel!« so etwas wie »Die Odyssee« der Oberliga West geschrieben hat, aus dessen Motiven und Zitatenschatz sich unzählige Autoren bedienten. Fährt man heute die legendären Orte zwischen B1 und A42 mit dem Auto ab, trifft man oft auf baufällige Stätten, in denen nur noch unterklassiger Fußball, Tristesse und Nostalgie beheimatet sind. Der Mythos scheint nur in der Erinnerung zu finden zu sein, denn gerade die damaligen Revierclubs symbolisierten eine Einheit von Fußball, Arbeit, Stadtteilkultur, Menschen und Identität, die vor dem Hintergrund des heutigen neoliberalen Fußball-Business gerne romantisch verklärt wird.

Dabei soll dem Mythos »Das Geld hat den Fußball kaputt gemacht« jedoch nicht Tür und Tor geöffnet werden. Gerade die (anfangs verdeckte) Professionalisierung des Fußballsports hat den Aufschwung der »Arbeitervereine« erst möglich gemacht. Wie sonst hätten Spieler wie Ernst Kuzorra oder Helmut Rahn ihr Spiel spielen sollen? Horst Szymaniak, der noch auf der Zeche Fortsetzung in Erkenschwick unter Tage gearbeitet hatte und später als einer der ersten in die Profiliga Italiens wechselte, brachte die Chance, die der professionelle Fußball für ihn bedeutete, auf den obligatorischen Elfmeterpunkt: »Mein Vater war Bergmann, mein Bruder war Bergmann. Und viele Bergleute sind früh gestorben. Ich weiß nicht, ob ich heute noch leben würde, wenn ich im Pütt geblieben wäre.« Das jahrzehntelange Beharren auf dem Amateurideal, auf Tugenden wie »Charakterstärke« und »Opfermut «, blockierte lange Zeit die Entwicklung des Fußballs und hat viel mit deutscher Ideologie und der Machterhaltung der bürgerlichen Elite auch im Fußballsport zu tun. Nicht umsonst sind die Schalker Knappen bereits 1930 vom Westdeutschen Fußball-Verband wegen unerlaubter Zahlungen zu »Berufsspielern« erklärt worden, was de facto einem Spielverbot gleichkam. Schalkes Finanzobmann Willi Nier beging aus Scham Selbstmord im Rhein-Herne-Kanal. Als die Königsblauen im Juni 1931 erstmals wieder nach einem Jahr Sperre zu einem Freundschaftsspiel aufliefen, wollten an die 70.000 Menschen in der überfüllten Glückauf-Kampfbahn die Wiedergeburt des Schalker Kreisels verfolgen. Bereits damals lagen Pläne für die Einführung einer reichsweiten Profiliga in den Schubladen, verschwanden aber wieder mit der »Machtübernahme« der Nazis, da für diese Profi-Fußball, wie er seit ca. 1924 in Österreich, Ungarn und in der Tschechoslowakei existierte, als »jüdisch« und »undeutsch« galt.

Erst die Gründung der Bundesliga 1963 brachte mit dem Lizenzspielerstatut die ersten offiziellen »Profis« und liefert so bis heute, Samstag für Samstag, einen reichhaltigen Fundus für künstlerische Sujets und poetische Imagination: Bei klassischen Derbys wie zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund ist der Kampf um die Punkte eher sekundär, denn es geht für die Eingeweihten um nichts weniger als um das ewige Ringen zwischen Gut und Böse. Gescheiterte Helden wie »Stan« Libuda oder Rudi Brunnenmeier, freche Clowns wie Willi »Ente« Lippens, Autoritäten wie »Kaiser« Franz und Günter Netzer, junge Haudegen wie Lukas Podolski und Borderliner wie Oliver Kahn liefern die Geschichten, aus denen die modernen Mythen entstehen – egal ob als Alltagsmythos, Religion oder Ersatzreligion, Legende oder stilisierte Erinnerung. Vielleicht wird es daher Zeit, selbst die klassischen Mythen neu zu interpretieren: Nach tausenden von Jahren hatte selbst Sisyphus endgültig die Nase voll. Er entledigte sich seiner Kleider und zog sich stattdessen eine kurze Hose und ein buntes Trikot über. Die Nr.4 prangte auf seinem Rückkehr und er musste grinsen, da er sich an die alte Vorstopper-Weisheit »Nicht Mensch, nicht Tier, die Nummer Vier« erinnerte. Der Stein, den er einst unermüdlich den Berg hinauf rollte, war nun ein Lederball und er begann munter zu kicken. Sisyphus, so Albert Camus, der von sich selbst behauptete, »alles was ich über Moral und Verpflichtung auf lange Sicht am sichersten weiß, verdanke ich dem Fußball«, hat man sich als einen glücklichen Menschen vorzustellen: der Mensch am Ball, der Mensch in der Revolte. //

Ralf Piorr hat, zusammen mit Stefan Goch, den im Klartext-Verlag 2006 erschienenen Band »Wo das Fußballherz schlägt. Fußball-Land Nordrhein-Westfalen« herausgegeben.

Kulturgeschichte
06 / 2006

Das Sisyphus-Spiel

Von: Ralf Piorr


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