Einer der Autobiografen, Halil Ibrahim Y., mit seinen Arbeitskollegen bei Thyssen. Foto: Begegnungsstätte Merkez-Moschee Duisburg/ privat

DER LANGE WEG

In der Gemeinde der Duisburger Merkez-Moschee erwachte 2010 der Wunsch, die Lebensgeschichten der türkischen Einwanderer erster und zweiter Generation nicht verloren gehen zu lassen. 15 Männer machten sich an die für sie beschwerliche Arbeit, Bilder ihrer Kindheit und Eindrücke ihrer Begegnung mit Deutschland aufzuschreiben – ungewöhnlich, dass auch (insgesamt acht) Frauen dazu bereit waren. Die türkischen Texte wurden von Mitarbeitern der Begegnungsstätte übersetzt und behutsam geglättet; eine Buchveröffentlichung ist geplant. K.WEST druckt hier erstmals Auszüge aus diesen Lebensbeschreibungen: drei von Männern, zwei von Frauen.

 

Mehmet S.

Ich wurde im Jahre 1943 an einem verschneiten Tag geboren. Mein Vater war ein armer Bauer aus Kirsehir. Wir sind drei Geschwister. Ich habe einen älteren und einen jüngeren Bruder.

Wir hatten zu Hause keinen Ofen, sondern nur eine Grube, in der wir Stroh oder Zeitungspapiere verbrannten. Wir schliefen auf einer Strohmatte. Meine Mutter kochte häufig nur Suppe, die aus Mehl und Wasser bestand. Manchmal aßen wir auch Weizengrütze. Fleisch konnten wir uns nur ein bis zwei Mal im Jahr leisten.

1950 wurde ich eingeschult. Im Tausch gegen Eier kauften wir uns Schulhefte. Wenn wir eins vollgeschrieben hatten, radierten wir alle Seiten wieder aus und benutzten es nochmal. Ich besaß nur einen Bleistift zum Schreiben.

Als ich die dritte Klasse besuchte, wurde vom Dorfwächter eine Ansage ausgerufen: »Oh Leute! Hört her. Salih besitzt ein neues Gerät, das spricht und gleichzeitig auch singt. Er wird es euch allen zeigen.« Auf diese Ansage hin versammelte sich das ganze Dorf vor Salihs Haustür. Salih war ein älterer Herr, der sich finanziell in guter Lage befand. Salih ließ dann eine Platte auf dem Grammofon abspielen. Wir waren alle sehr erstaunt. Man fragte sich, woher denn die Stimme kam. Einige schauten sogar unter den Tischen nach, ob sich denn da jemand befand. (…)

Eines Tages erhielt ich einen Brief von meinem Bruder. Er arbeitete in Kirikkale und wollte, dass ich auch dorthin gehe. Dort arbeitete ich in einer Munitionsfabrik und später holte ich meine Eltern nach. Gleichzeitig bewarb ich mich in Deutschland. Da ich einen entsprechenden Abschluss vorzeigen konnte, musste ich nicht so lange auf die Bestätigung warten. Am 27. April 1969 bin ich als Schweißer nach Bremen gekommen. Die ersten Tage fielen mir sehr schwer, da ich die Sprache nicht sprechen konnte. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Im Jahre 1971 habe ich in der Türkei geheiratet und seitdem lebe ich in Deutschland mit meiner Familie.

Auch wenn ich mich mit der Zeit in Deutschland einlebte, wollte ich immer wieder in die Türkei zurück. Der Hauptgrund dafür war, dass damals, also 1971, immer wieder neue Gesetze für die Einwanderer entworfen wurden. Wir wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten. Wir versuchten nur, Geld zu verdienen und zu sparen. Deshalb besaßen wir auch als Möbel nur das Nötigste.

1972 kam meine erste Tochter Elif zu Welt. Meine Frau beschäftigte sich viel mit Elif. Ihr fiel das Leben in Deutschland sehr schwer. Sie sehnte sich sehr nach ihrer Heimat. Als Elif zweieinhalb Jahre alt wurde, kam unsere zweite Tochter Canan zur Welt. (…) 1978 bekamen wir unsere dritte Tochter Handan. Wir haben uns nie, wie einige, darüber beschwert, drei Töchter zu haben. Im Gegenteil, wir freuten uns sehr. (…)

Ich habe vor dem Jahr 2000 die Doppelstaatsangehörigkeit beantragt und vermeide so erhebliche Probleme.

 

Sait Z.

Ich bin 1942 in Denizli-Acipayam im Dorf Gümüs geboren. Wir sind neun Geschwister – sieben Jungs und zwei Mädchen. Wir hatten ein Einzimmerhaus. In diesem Haus lebten wir mit zwölf Personen, neun Geschwister, Vater, Mutter und Oma. Das waren meine Kindheitstage. Wir waren weder ordentlich gekleidet noch waren wir richtig satt. Ich schlief mit drei weiteren Geschwistern in einem Bett, getrennte Betten gab es nicht. Wir hatten auch keine getrennte Löffel oder Teller, da wir sehr viele Personen waren, hat mein Vater eine große, runde Essplatte machen lassen, und wir saßen auf dem Boden um diese Essplatte herum. Wir hatten in der Mitte einen großen Teller, und einer nach dem anderen aßen wir aus dem Teller mit Holzlöffeln. Wer einen Löffel genommen hatte, reichte ihn weiter, damit der andere auch einen Löffel benutzen konnte. Als Kind trugen wir als Kleidung schwarze primitive Pumphosen und ein langes Hemd aus dem gleichen Stoff. (…)

Mein Ziel war Wiesbaden, man empfing mich am Bahnhof und brachte mich zur Firma West-Bau. Die ersten Tage vergingen mit Lernen, ich lernte die einfachsten Begriffe, wie Schippe, Zement und Karre. Mein Vorarbeiter war Herr Skaliski und unsere Firmenchefs waren Herr Hiltner und Herr Spaciker. In kürzester Zeit überzeugte ich alle von meiner Arbeit. Herr Hiltner entging es anscheinend auch nicht, da er mich zu sich nach Hause mitnahm und mich damit beauftragte, den Rasen zu mähen. An den Wochenenden arbeitete ich auch in anderen Gärten, denn ich wollte so schnell wie möglich viel Geld verdienen. Zwischen November 1965 bis Ende 1966 verdiente ich 6000 Mark. Ich fuhr in den Urlaub in die Türkei. Am 5. Januar 1967 heiratete ich. Da in Deutschland eine Krise war, konnte ich nicht zurück. Ich habe meine Freunde in Deutschland gebeten, dass man mich wieder von meiner Firma beantragt, und ich konnte 1970 zurück nach Deutschland. Dieser Antrag kostete mich 1500 Mark. Bis 1974 arbeitete ich in Wiesbaden. Anschließend ging ich nach Duisburg in die Firma Thyssen. In der Zwischenzeit war ich Vater von drei Kindern. 1977 stellte ich einen Antrag auf Familienzusammenführung, und meine Frau und meine Kinder kamen nach Deutschland. Ich mietete eine Wohnung im vierten Stock, wir hatten kein fließendes Wasser in der Wohnung und das WC war draußen. Ein Jahr lebten wir unter diesen Umständen. (…)


Dervis S.

(Ich bin) geboren am 1. Juni 1945 in Cirkinköy Sivas. Wir sind insgesamt acht Geschwister, fünf Jungs und drei Mädchen. Meine Eltern betrieben Landwirtschaft und ich half ihnen. Mit einem Wort zusammengefasst, hatte mein Vater das Sagen, als zweites meine Mutter. Aber die Zeiten damals waren sehr gute Zeiten.

Meine Kindheit war angenehm, ich war der älteste von den Geschwistern und wir verstanden uns sehr gut. Wir hatten alle eigene Betten, weil wir Schafe besaßen. Neben den Schafen bereitete unsere Mutter unsere Betten vor. Wir aßen gewöhnliches Essen und alle aus einem Teller. Wir kleideten uns wie die anderen Dorfbewohner. Damals gab es nur Gummischuhe, deshalb trugen wir diese. Als ich die Schule besuchte, bekam ich ein Heft und einen Stift. Diese wurden gekauft bevor der Winter einbrach, weil dieser bei uns sehr lang war. Wir kauften extra Stifte auf Vorrat, damit mir im Winter meine Stifte nicht ausgingen und sie bis zum Sommer reichten.

Ich hatte ein gutes Verhältnis zu Mädchen und dachte auch daran zu heiraten, aber ich musste zuerst meine Eltern um Erlaubnis fragen. Erst wenn sie die Erlaubnis gaben, konnte man heiraten und Kinder bekommen. Wer wünscht sich denn nicht Kinder zu haben? Kinder sind der Lehm der Ehe, es verbindet die Familie. (…)

Ich bin mit dem Zug nach Deutschland gekommen, mit der Absicht, Geld zu verdienen und nach ein paar Jahren zurück in meine Heimat zukehren. Alle hatten die gleiche Absicht. Meine war ein Haus und einen Laden zu kaufen, womit ich meinen Unterhalt verdienen kann. Aber leider sind wir hier geblieben und sind noch nicht zurückgekehrt. Ich hatte keine Angst, ich habe mir gedacht, dass es auch nur Menschen sind. Drei Tage sprachen wir über die Arbeit, die uns erwartete, weil wir bis dahin nur Landwirtschaft betrieben hatten. Aber es war besser als ich es erwartet hatte.


Gülseher D.

Ich bin am 3. November 1955 in einem Dorf in Artvin-Savsak geboren. Wir sind vier Geschwister – zwei Mädchen und zwei Jungen. Als ich vier Jahre alt war, starb meine Mutter. Nach zwei Jahren heiratete mein Vater eine Frau, die nicht hören und sprechen konnte. Meine Kindheit verlief sehr schwer. Meine Stiefmutter behandelte mich sehr schlecht.

Ich bin nie zur Schule gegangen. Da meine ältere Schwester mit zwölf Jahren verheiratet wurde, musste ich mich um meine jüngeren Geschwister kümmern. Ich habe sehr oft auf dem Feld gearbeitet und mich um die Tiere gekümmert. Meine Stiefmutter kümmerte sich nie um den Haushalt oder um meine Brüder.

Ich hatte nie ein eigenes Zimmer. Ich teilte mein Zimmer mit meinem Bruder. Wir besaßen auch keine Spielzeuge. Als mein älterer Bruder älter wurde und anfing, selbstständig in die Stadt zu gehen, brachte er mir Stoff und Faden mit, damit ich Puppen basteln oder Handarbeiten stricken konnte. Jedes Mal wenn meine Stiefmutter die Puppe oder meine Handarbeiten sah, verbrannte sie sie im Ofen. Sie wollte nicht, dass ich was lerne. Sie sagte immer, dass ich noch zu jung für solche Sachen wäre. Deswegen konnte ich viele Sachen nicht lernen.

Ich habe 1968, also mit 13 Jahren, geheiratet. Ich kannte meinen Mann vorher nicht. Ich habe ihn zum ersten Mal am Hochzeitsabend gesehen. Wir waren sechs Monate verlobt. Sein Dorf war weit entfernt, es war eine arrangierte Ehe. Sein Vater bat meinen Vater um meine Hand, und mein Vater stimmte zu. Damals hatten viele Väter bei meinem Vater um meine Hand angehalten, aber ich hatte nie den Gedanken zu heiraten. Die Hochzeit fand im Dorf statt. Es wurde ein Hennaabend unter den Frauen veranstaltet. Am Hochzeitstag brachte man mich mit einem Traktor zum Dorf meines Mannes. (…)

Im Jahre 1972 ging mein Mann nach Deutschland (…), blieb sechs Jahre in Deutschland, besuchte uns aber während dieser Zeit ein bis zwei Mal im Jahr. Inzwischen brachte ich auch mein drittes Kind zur Welt. Beim letzten Besuch sagte er, dass er uns mitnehmen wolle. Meine zwei älteren Kinder blieben in der Türkei. Mein Mann, mein neugeborener Sohn und ich kamen dann nach Deutschland. Mein Mann arbeitete bei Thyssen Krupp. Mit den deutschen Familien haben wir uns sehr gut verstanden. Wir wurden immer gefragt: »Hattet ihr keine Angst vor Deutschen?« Aber nein, wir hatten keine Angst. Meine deutschen Nachbarn waren sehr gute Menschen. Meine Nachbarin half mir in jeder Hinsicht. Wenn ich etwas nicht wusste oder Hilfe benötigte, klopfte ich bei ihr an der Tür. Da ich kein Deutsch sprechen konnte, kommunizierten wir mit Körpersprache. Die Einkäufe machte immer mein Mann. Er besorgte das Nötigste. Später haben wir auch meine beiden Kinder aus der Türkei nach Deutschland hergebracht. Meine Tochter war sechs Jahre alt, als sie hierher kam. Mein Sohn kam mit 21 Jahren nach Deutschland.


Nigar Y.

Ich bin nach den Daten in meinem Ausweis am 1. Januar 1963 ca. 150 km westlich von Istanbul in einem Dorf als zweites Kind von insgesamt fünf Geschwistern geboren. Der Zweifel an meinem Geburtsdatum ist berechtigt, weil ich offiziell erst zu existieren begann, als für uns ein Pass ausgestellt werden musste. Mir wurde später gesagt, dass nach einem Erlass der türkischen Regierung alle Kinder, die zu spät eingetragen werden, den ersten Januar als Geburtsdatum erhalten. Bei mir macht das wenig aus; denn meine Mutter erinnert sich ohnehin nicht an unser Geburtsdatum, so dass ich mit meiner älteren Schwester und meinem jüngeren Bruder am selben Tag Geburtstag habe.

An meinen ersten Tag in Deutschland kann ich mich nicht erinnern, aber ich erinnere mich an die Reise nach Deutschland. Das war vor genau 43 Jahren. (…)

Das eigene Unwissen der Einrichtung Schule und eine wohl vom Vater übernommene Ablehnung staatlicher Einrichtungen muss der Grund dafür gewesen sein, dass wir Kinder ebenfalls nicht zur Schule geschickt worden sind. Ich war acht und mein Bruder sechs, als sich eine Nachbarin (in Duisburg), wir nannten sie Oma Schneider, über uns beschwerte und mein Vater in die Schule zitiert wurde. Zu dieser Zeit konnte ich bereits lesen, schreiben und ein wenig rechnen. (…)

Eine weitere Zäsur in meinem Leben erfuhr ich im Jahre 2000, als ich arbeitslos wurde. In diesem Jahr war mein Sohn eingeschult worden und ich hatte vormittags sehr viel Zeit. Wie durch einen Zufall erfuhr ich von der Möglichkeit, meinen Hauptschulabschluss nachzumachen und eventuell das Abitur. An einem Septemberabend ging ich zu einer Informationsveranstaltung nach Oberhausen und meldete mich auch sofort an. Aus geplante sechs Monaten wurden drei Jahre, denen ein Studium in Bochum folgte.

Mein Interesse zu Integrations- und gesellschaftspolitischen Fragen wurde durch mein Studium der Politikwissenschaften in den Jahren 2005-2008 an der Ruhr-Uni zusätzlich verstärkt. Ob ich mein Traumziel, in der Politik zu landen, erreichen werden kann, weiß ich nicht.


Dokumentation: Ulrich Deuter

Dorte Huneke & Jeannette Goddar (Hg.): »Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich«; 240 S., 4,50 €, zu bestellen bei der Bundeszentrale für politische Bildung unter info@bpb.de.

www.50jahre-migration-tuerkei.de

www.migration-audio-archiv.de

 

 

 

Kulturgeschichte
09 / 2011

DER LANGE WEG


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