Venus, 2. Jh.n.Chr., Marmor Marsala, Museo Archeologico Regionale »Baglio Anselmi« © Giuseppe Mineo

Die Insel des Geträumten

»Sizilien – Von Odysseus bis Garibaldi« in der Bundeskunsthalle Bonn

//»Ein Volk mag in seiner Geschichte so einschneidende Veränderungen erfahren, daß man es zum Schluß mit einem anderen Volke zu tun hat. Das ihm zugewiesene Stück Erde, die Sprache, auch gewisse Erinnerungen, Neigungen, Versuchungen sind dann wohl noch die gleichen, aber die Lebensart ist eine völlig andere geworden; die Arbeit, die Wünsche und Befriedigungen, der Glaube, die Feindschaf-ten, die Ängste, Träume und Lüste der Existenz. Das Neue wird stärker als das Alte, verdrängt es, setzt sich ganz an seinen Platz. Die Geschichte bricht ab. Man tut wohl noch so, als sei sie aus einem Stück seit grauer Vorzeit bis zum heutigen Tag, ein Held, ein Sinn, ein Schicksal, aber in Wahrheit ist sie’s nicht mehr.«

Dies schrieb – bezogen auf das deutsche Volk im forsch gekürten Kaiserreich von 1870/71 – der Historiker Golo Mann, besser: der historische Schriftsteller, dessen stilistische Qualität diese wenigen Zeilen bezeugen. Was er beschreibt, ist überall dasselbe, ist überall ganz anders.

Die Veränderung – nur bedingt eine Dauer im Wandel – gilt auf dem europäischen Schauplatz gewiss und exemplarisch für »Sizilien – Von Odysseus bis Garibaldi«, die von den Zeitläuften so sehr geprägte, die aus der Zeit gefallene Insel. In dem den Katalog zur Ausstellung der Bundeskunsthalle eröffnenden Beitrag zitiert der (neben Giulio Macchi) verantwortliche Kurator Wolf-Dieter Heilmeyer sogleich den berühmtesten Roman über Sizilien, Lampedusas »Gattopardo«. Der Autor lässt den Fürsten Salina, ein Ebenbild von Lampedusas Urgroßvater, vom Alter, der Müdigkeit und der Leere dieser durch 25 Jahrhunderte okkupierten Kolonie sprechen. Was Heilmeyer nicht zitiert, ist die Fortsetzung im Dialog des »Leoparden« Fabrizio mit dem Piemonteser Abgesandten Chavalley. Der Aristokrat verbindet gedanklich mürbe Weltverachtung und Todessehnsucht mit der Tatenlosigkeit: »Alle sizilianischen Handlungen sind geträumte Hand-lungen«. Als habe Sizilien stets nur passiv reagiert und sich den Zugriffen seiner oft heftigen Werber überlassen.

Mit dem Tod hat es nicht erst seit der christlichen Epoche – symbolisiert etwa in der ausdrucksvollen Darstellung vom »Triumph des Todes« auf dem spätmittelalterlichen Fresko in dem zum Bürgerspital umgewidmeten Palazzo Sclafani – besondere Bewandtnis auf Sizilien. In der Antike wurde der Kult um die Göttin Ce-res/Demeter, die die Fruchtbarkeit vertritt, und deren Tochter Persephone, die in den Hades hinab entführt und Königin der Unterwelt wird, auf Sizilien besonders begangen. Werden und Vergehen als Einheit wie jene von Mutter und Tochter. Wir haben das Bild der Kornfelder und Ölbaumplantagen Siziliens, vom Konsul Cato »die Vorratskammer unseres Staates, die Ernährerin des römischen Volkes« genannt, nicht zuletzt aus Mario Puzos /Sergio Leones »Der Pate«-Trilogie vor Augen.

Damit wurden bereits einige Eroberer kurz gestreift, die in dieser Erde Spuren hinterlassen haben. Die Bonner Schau mit ihren 300 Fundstücken, Kunstwerken und Alltagsgegenständen belegt einerseits die von Aufund Abschwüngen begleiteten kulturellen Einflüsse und dokumentiert zum anderen die autonome Leistung Siziliens, die sich das Fremde angeeignet und nutzbar gemacht hat; auch dank vorhandener kreativer Ressourcen.

Die ersten, die an der Küste der größten Insel des westlichen Mittelmeeres landeten, waren der iberische Stamm der Sikaner; sodann Trojaner, die nach der Zerstörung ihrer Stadt das Weite suchten; Phokier aus Mittelgriechenland; die aus Italien übersetzenden Sikuler, die sich etwa 1000 vor Christus ansiedelten; und Phöniker (Punier) aus Afrika. Die mythische Überlieferung wiederum raunt, dass die Kyklopen hier ihre Heimat hatten, deren berühmtester Spross, der einäugige Polyphem, durch die List des irrfahrenden Odysseus gefällt wurde. Ob nicht vielleicht auch die ansehnlicheren, aber kaum weniger gefährlichen Damen Kirke und Kalypso und die betörenden Sirenen auf Sizilien anzusiedeln wären, wissen allein die Götter.

In einer »Schichtenabfolge« (Heilmeyer) überlagern sich die Überreste der oft Jahrhunderte währenden Fremdherrschaft durch Griechen und Römer, gefolgt von islamischem und normannischem Erbgut und den Dynastien der Staufer, der französischen Anjou und des spanischen Hauses Aragon, der Habsburger und Bourbonen. Diese zivilisatorischen Zeugnisse aber sind nicht immer säuberlich geschieden und isoliert zu betrachten, sondern finden sich in durchmischter Form; wie in der Kathedrale von Cefalù, die Stile und Epochen von der Antike über Byzanz bis zum Barock in sich vereint.

Die einzelnen Stufen werden entlang der Exponate ausgeschritten, beginnend mit Keramikprodukten aus der prähistorischen Phase. Die griechische Besiedlung, Städtegründungen nach dem Ideal der Polis mit ihrer egalitären Gesellschaftsordnung, überhaupt der hellenische »Lustsinn« (Heinrich Heine) schaffen sich eine spezifische Architektur. Sie zeigt sich in den vom Mutterland unterschiedenen Ekklesiasterien (Bauten für Volksversammlungen und Festlichkeiten) oder den enormen Befestigungsanlagen von Syrakus und in den Prunkstücken der dortigen Tyrannenherrschaft; zeigt sich auch in Agrigent mit seinen schon von Winckelmann gepriesenen Tempeln.

In der römischen Periode, nebst anderem überliefert in Mosaiken, Porträts, Grabfunden und Schrifttum, hat die Bildung riesiger agrarischer Besitztümer ihren Ursprung. Die prächtige Villa von Piazza Armerina ist Beleg dafür, wie nach einem Rückfall in die Bedeutungslosigkeit Roms erste Provinz im dritten und vierten Jahrhundert wieder zur begehrten Adresse einer reichen Oberschicht wird. Die Latifundien der Großgrundbesitzer werden im 19. Jahrhundert dann zu den Auswanderbewegungen der ausgebluteten Landbevölkerung führen.

In der chronologischen Fortsetzung ergeben nun die Rezeption der arabischen Kultur des Mittelalters und das christliche Vermächtnis ein reizvolles Zusammenspiel. Im Jahr 948 wird Sizilien zum Emirat; Palermo gilt bald als zweites Cordoba. Es folgt das Intermezzo eines normannischen Königreiches mit der Toleranz und Vielsprachigkeit des Mehrvölkerstaates und der Selbstinszenierung von Roger II. und den Seinen, die in dem monumentalen Areal Monreale zu Stein geworden ist.

Jede kulturelle Marke im Detail zu resümieren, verbietet sich angesichts der Materialfülle, die immer in Beziehung zu den Wechselfällen der Geschichte Siziliens mit seiner Lage an der Peripherie und zugleich an der Schnittstelle von Handelsrouten, politischen und wirtschaftlichen Interessensgebieten und künstlerischen Einflusszonen eingeordnet und zudem vor dem Hintergrund innerer Spannungen zwischen östlichen und westlichen Regionen oder auch Rivalitäten zwischen Palermo und Messina betrachtet werden muss.

Allein das Kapitel über die Kunst von der Renaissance bis zum Barock, in dem sich die »Archäologie der Monumente« zu einer »Archäologie der Bilder« (Heilmeyer) verschiebt, bietet beträchtliche Informationen. So manifes-tieren sich in der Malerei und Skulptur flämische, katalanische, toskanische, lombardische venezianische, neapolitanische, sienesische und römische Einflüsse und bestimmen das Werk von Künstlern wie Antonello da Messina, Francesco Laurana und Antonello Gagini im 15. Jahrhundert. Das Kunsthandwerk spezialisiert sich bei liturgischem Gerät auf die Verarbeitung von Korallen oder fertigt Einlegearbeiten aus farbigem Marmor.

Später wird der epochale Caravaggio, der auf seiner Flucht 1608 Sizilien erreicht und in Palermo, Syrakus und Messina bedeutende Bildwerke hinterlässt, eine Schar von Nachfolgern, an der Spitze Pietro Novelli, inspirieren, die seine Hell-Dunkel-Dramatik aufnehmen. Steht nicht eben diese den Kontrast und geschärften Akzent herausfordernde Malerei und der Künstler aus Italiens Norden selbst in seiner sinnlichen, gewalttätigen Natur für das Schicksal des südlichen Siziliens und seine »Träume und Lüste der Existenz«? Auch nach 1860, wo die Ausstellung mit Garibaldis »Zug der Tausend« und der Landung auf Sizilien ihre Zäsur setzt, leben sie weiter. //

Bis 25. Mai 2008; Tel.: 0228 / 9171-0; www.kah-bonn.de

Kulturgeschichte
02 / 2008

Die Insel des Geträumten

Von: Andreas Wilink


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