Modell der Bebauung des Dombezirks in Paderborn zur Zeit Meinwerks, Detail

Eine heilige Zeit

Vor tausend Jahren wurde Bischof Meinwerk geweiht. Eine Ausstellung in Paderborn lässt seine Welt wiedererstehen.

//   Vor drei Jahren war in Paderborn »Canossa« das Thema einer großen Ausstellung: der legendäre Bußgang König Heinrichs IV. zu Papst Gregor VII. im Jahre 1077. Der Name der Auseinandersetzung zwischen den beiden mittelalterlichen Machtzentren Papst und Kaiser, Kirche und Reich, lautet Investiturstreit; an dessen Ende stand die ansatzweise Trennung von Kirche und Staat.

Jetzt ist Paderborn erneut Schauplatz einer Ausstellung, die tief ins hohe Mittelalter führt, diesmal knapp 70 Jahre und zwei Heinriche zurück: in eine Zeit, da im ostfränkischen Reich der Ottonen und Salier das theokratische System der Reichskirche noch in voller Blüte stand. Es sah Bischöfe und König vereint im Bemühen um eine gottgefällige Politik, die Weltliches und Geistliches nicht trennte. Geheimnisvoller Titel dieser neuen Ausstellung in Diözesanmuseum und Kaiserpfalz: »Meinwerk«.

Meinwerk – so hieß der zehnte Bischof von Paderborn, geweiht vor 1000 Jahren. Viele Paderborner kennen diesen Mann mit dem seltsamen Namen, weil seine emsige Bautätigkeit die Stadt bis heute prägt. Doch sei, betont Museumsleiter Christoph Stiegemann, »Meinwerk« keineswegs als Ausstellung über einen Local Hero konzipiert. Vielmehr werde der Paderborner als Teil eines »Netzwerks« europäischer Bischöfe gezeigt, die um die erste Jahrtausendwende fast überall ihre »sedes« ausbauten und im ostfränkischen Reich zu wichtigen Säulen der Königsherrschaft wurden.

Geboren wurde Meinwerk um 975. Er stammte aus hochadliger sächsischer Familie, sein seltener, wenn nicht einmaliger Name bedeutet so viel wie »mit starker Kraft wirkend«. Als nachgeborener Sohn von Beginn an für die geistliche Laufbahn bestimmt, besuchte er die Domschulen in Halberstadt und Hildesheim. Der junge König und Kaiser Otto III. holte Meinwerk spätestens 1001 als Kapellan an seinen Hof – die Stelle war klassisches Sprungbrett zu einer Bischofskarriere. Als Otto bald darauf starb, behielt Nachfolger Heinrich II. den jungen Geistlichen bei sich und die beiden wurden enge Vertraute.

Sechs Jahre später ergab sich die passende Vakanz für den Bischofs-Aspiranten Meinwerk: In Paderborn starb Bischof Rethar. König Heinrich, in Goslar weilend, beriet sich mit Bischöfen und Fürsten – und entschied sich für Meinwerk, nicht zuletzt wegen dessen hochadliger Herkunft und des damit verbundenen Reichtums. So jedenfalls berichtet es die wesentliche Quelle für Meinwerks Leben, die 130 Jahre später von einem Paderborner Mönch niedergeschriebene »vita meinwerci«. Darf man ihr trauen? Im allgemeinen zeichne diese Biografie ein glaubwürdiges, nicht schöngefärbtes Bild Meinwerks, sagt Professor Stiegemann. Doch die Bischofserhebung 1009 sei ein Punkt, bei dem politische Absicht einige Details verzerrten. So habe laut Vita der König seinem Kapellan symbolisch einen Handschuh überreicht – »frei erfunden«, widerspricht Stiegemann. Ebenso, dass Meinwerk überrascht gewesen sei von der Entscheidung, sich gar geziert habe.

In Wahrheit habe Heinrich II. die Investitur durch die Überreichung von Bischofsstab und womöglich auch Bischofsring vorgenommen. Gerade diese Übung aber war nach dem Investiturstreit, zur Zeit der Niederschrift der Vita, zum Sinnbild der »Simonie« geworden, des unzulässigen Zugriffs von Laien auf kirchliche Ämter. Investitur mit Ring und Stab war nun allein dem Papst vorbehalten. Deswegen erfand der Chronist das seltsame Handschuh-Bild als Verlegenheitslösung. Und Meinwerks vorgebliche Überraschung sollte den Leser darüber hinwegtäuschen, dass die Wahl längst im zeittypischen Konsensverfahren zwischen König und Bischöfen abgesprochen war, dass Meinwerk sich zudem durch eine demonstrative Zuwendung an die arme Diözese selbst beizeiten für die zu erwartende Vakanz in Position gebracht hatte.

Die eigentümliche Aufgabenteilung zwischen König und Bischöfen ist zentrales Thema der Ausstellung; auf den Punkt gebracht durch die Darstellung einer Synode von 1105. Damals versammelte Heinrich II. seine Bischöfe in der Dortmunder Königspfalz. Bischof Thietmar von Merseburg selbst berichtete wenige Jahre später, Heinrich habe sich dort mit seinen »coepiscopi« getroffen, also seinen Mitbischöfen: Als Gesalbter und Geweihter war er ihr Kolleg …

Bis 21. Feb. 2010. Katalog 34,90 €. Tel.: 05251/125-1400. www.meinwerk-ausstellung.de

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Kulturgeschichte
11 / 2009

Eine heilige Zeit

Von: Martin Kuhna


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