Der Gasometer ist mehr als ein Industriedenkmal. Seit seiner Stilllegung vor rund 20 Jahren hat er sich zum Wahrzeichen der Stadt Oberhausen entwickelt. Foto: Ruhr Tourismus/Jochen Schlutius

Etwas bewahren, das nicht bewahrt werden sollte

Was wird aus dem Projekt der Route Industriekultur?

TEXT STEFAN LAURIN

Zwei große Projekte hinterließ die IBA. Die Renaturierung der Emscher, an der die Emschergenossenschaft seit fast 20 Jahren arbeitet und die bis 2020 abgeschlossen sein soll, und die Route der Industriekultur. Industriekultur wurde zum Markenzeichen des Ruhrgebiets. Sie wird mit Autobahnschildern beworben, stand im Zentrum des Kulturhauptstadtjahres 2010; und ein Garant der Ruhrtriennale ist, dass die Aufführungen an den ehemaligen Industriestandorten in Bochum, Duisburg, Essen oder Gladbeck stattfinden. Die Route der Industriekultur ist mit 54 sogenannten »Hauptattraktionen« und fünf Großstandorten ein gewaltiges Projekt – und erfolgreich. 

Gut sechs Millionen Besucher werden pro Jahr gezählt. Allein die Zeche Zollverein, seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe, verzeichnet weit über eine Millionen Besucher. Doch die Route der Industriekultur ist auch teuer. Viele der Gebäude müssen saniert werden. Das  kostet: Geld, das der Regionalverband Ruhr und das Land NRW zumindest für die Hauptstandorte zusammenlegen wollen. Beide werden wohl die Finanzierung des Landschaftsparks Duisburg-Nord, des Gasometer Oberhausen, der Zeche und Kokerei Zollverein, der Jahrhunderthalle und des Westparks Bochum und der Kokerei Hansa Dortmund nicht nur weiter führen, sondern auch aufstocken. 

2,5 Millionen Euro gab der RVR, 3,6 Millionen das Land bislang im Jahr für die fünf Industriekultur-Höhepunkte aus. Künftig will der RVR 3,9 und das Land NRW sogar 5,6 Millionen zahlen. So soll der Erhalt der Gebäude bis 2026 gesichert sein. Fast zehn Millionen Euro, aber die Summe wird nicht reichen.  Das zumindest ist Ergebnis eines Gutachtens der Assmann-Gruppe, das den Bedarf zur Sicherung der Großstandorte bis zu dem genannten Zeitpunkt ermittelt hat (und dies bereits 2006 für das Land und den RVR bis 2016 getan hatte). Die Dortmunder Berater kommen zu dem Schluss, dass in den kommenden zehn Jahren 22 Millionen Euro pro Jahr benötigt würden, um die Gebäude nicht nur zu sichern, sondern ihre Funktionsfähigkeit voll zu gewährleisten. Diese Sicht wird von der Politik im RVR nicht geteilt, dort regieren SPD, CDU und Grüne gemeinsam. Man ist mit der Etaterhöhung und sich selbst zufrieden. Assmann, so sagt ein Regionalpolitiker, der nicht namentlich zitiert sein möchte, habe zu großzügig gerechnet; das Geld, das man nun zusammen habe, würde ausreichen, die Zentren der Industriekultur zu sichern – darauf komme es erst mal an.

Beim RVR sieht das Ulrich Heckmann etwas anders. Er gilt als Experte für Industriekultur, hat die verschiedenen Themenrouten mit entworfen. Er bedauert, dass die 22 Millionen nicht beisammen sind, sieht aber RVR und Land nicht allein in der Pflicht. »Industriekultur hat es immer noch schwer. Gäbe es eine Finanzierungslücke beim Erhalt des Kölner Doms, würden Kölns Bürger einspringen. Geht es um Zollverein oder die Zeche Hansa, ist das noch nicht der Fall.«

In Köln hat der Dombauverein 14.000 Mitglieder. Vergleichbares würde sich Heckmann auch für die Stätten der Industriekultur wünschen. »Vielleicht haben wir so etwas ja in 100 Jahren, das Interesse ist noch jung...« Außerdem sei die Geschichte und die Lage der Stätten ein Problem. Der Dom war seit Jahrhunderten, auch schon als ewige Baustelle, das zentrale Gebäude der Stadt. Bei der Jahrhunderthalle oder Zollverein sei das anders. Viele der industriekulturell bedeutenden Gebäude lägen halt in Vororten oder seien jahrzehntelang für die Bürger nicht sichtbar gewesen. Die Mauern der Fabriken umgaben sie. Da fehlt es im Bewusstsein. Dazu, so Heckmann, seien sie oft mit einer schmerzhaften Geschichte verbunden. Was heute Konzerthalle, Park und Museum ist, war Stahlwerk oder Zeche. Der Neuerfindung ging die Schließung voraus, der Verlust von Arbeitsplätzen, manchmal der Niedergang ganzer Stadtteile. So prächtig Zollverein mit dem Ruhr-Museum, dem Tanzzentrum PACT und dem Restaurant Casino auch ist: Dem Viertel Stoppenberg ging es wirtschaftlich besser, als dort noch Kohle abgebaut wurde.

Heckmann weiß, dass der Erhalt der zentralen Stätten seinen Preis hat. Auch deshalb, weil sie, im Gegensatz zum Kölner Dom oder Frankfurts Oper, nicht für die Dauer gebaut wurden. Als Industriegebäude sollten sie für eine bestimmte Zeit genutzt werden. Ihren Erbauern war klar, dass sie danach abgerissen werden würden. »Wir bewahren etwas, das nicht dafür gebaut wurde, bewahrt zu werden.« Dauerhaft könne das keine Aufgabe sein, die nur das Land und der RVR zu bewältigen hätten. Für Heckmann ist es eine Sache des Bundes, des Landes und der Zivilgesellschaft. Sie müsse erkennen, welches kulturelle Erbe die alten Hallen, Stahlwerke, Gasometer, Zechen etc. darstellen, und bereit sein, dafür die Kosten zu tragen. Es droht zu verfallen, wenn nicht weitere Mittel eingeworben werden. Auch die Nutzung könnte sonst eingeschränkt werden müssen. Damit wäre das zentrale identitätspolitische Projekt des Ruhrgebiets gefährdet. Labil wie die gesamte gern behauptete Ruhrgebietsidentität.

Kulturgeschichte
10 / 2016

Etwas bewahren, das nicht bewahrt werden sollte

Von: Stefan Laurin


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