Ein Maori bietet einen Hummer zum Tausch an, Zeichnung des tahitianischen Priesters Tupaia;Neuseeland, 18. Jh., © The British Library, London

Geht fort!

Captain Cooks Entdeckungsreisen – in Bonn neu entdeckt

//   Wie muss die Geschichte der Entdeckungen erzählt werden – heute, im Zeitalter globaler Vernetzung und kultureller Diversität, nach dem Ende der europäischen Wertehegemonie über die Welt?

Als Amundsen den Südpol erreichte, war niemand dort. Kolumbus, Magellan, da Gama, Tasman, de Bougainville aber trafen auf Kulturen, die so gültig waren wie die Ihre. Und James Cook? Seine drei Weltreisen inszeniert jetzt eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle nach, opulent und glänzend wie immer. 400 der 2.000 Stücke, die der legendäre Kapitän und seine nicht minder legendären Mitreisenden auf den Inseln der Südsee, in Australien und Nordamerika gesammelt hatten und die seitdem in Europa verstreut waren, werden erstmals zusammengeführt. Die Ethnologin Adrienne L. Kaeppler, die als erste – nach 200 Jahren! – die Früchte der Cook-Reisen wissenschaftlich aufarbeitete, wurde Kuratorin der Schau. Wunderbar ist das Amulett aus Neuseeland anzusehen, betörend der Brustschmuck eines tahitianischen Kriegers, verstörend das priesterliche Trauergewand von dort, unheimlich die Nootka-Maske von Vancouver Island – der rot-gelbe Federgott ki’i hulu manu aus Hawaii; die hölzerne Keule aus Tonga; Bogen und Köcher aus Tahiti; die Schneckentrompete von der Nachbarinsel Tahuata; die Schnitzverzierung eines Maori-Hauses; die Zeichnung des Gesellschaftsinsulaners Omai, der mit Cook nach England zurück reiste und dort durch die High Society gereicht wurde (und Schlittschuhlaufen lernte und bei der nächsten Reise mit Cook zurück fuhr). Und immer dabei nagend die Frage: Durfte man das, »entdecken«? Ist entdecken nicht immer: einverleiben?

Als Cooks erstes Schiff »Endeavour« am 5. April 1769 in der Matavai Bay in Tahiti vor Anker geht, wird sie von den Bewohnern der pazifischen Insel freundlich empfangen. Auch der Kontakt mit den Maori Neuseelands verläuft recht harmonisch, nicht zuletzt weil – freiwillig – ein tahitianischer Priester und sein Gefährte mitgefahren sind, die die dortige Sprache verstehen. Allerdings gibt es einige Clans, die die Fremden lieber angreifen, als sich mit ihnen zu verständigen. Sie versuchen zu töten und werden selbst getötet. Auf Tonga im Südpazifik zeigen die dort lebenden Polynesier sich gegenüber den 1773 ihr Reich betretenden Weißen herzlich, ihre Häuptlinge geben zu Ehren Cooks und seiner Mannschaft ein Fest. Dankbar tauft der Seefahrer die Archipelgruppe »Freundschaftsinseln«. Später wird bekannt, dass die Feier der Täuschung dient, die Gastgeber haben die Absicht, die Eindringlinge während der Tanzzeremonie zu ermorden. Nur weil sie sich untereinander über den Zeitpunkt nicht einig werden, scheitert der Plan.

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William Hodges: Cooks Schiffe »Resolution« und »Adventure« in Matavai Bay, Tahiti, 1776,© National Maritime Museum, Greenwich, London, Ministry of Defence Art Collection

 Immer wieder versuchen die Bewohner der Südseewelt, mit denen Cook über Wochen oder Monate Umgang pflegt, sich von der Ausrüstung seiner Schiffe und Mannschaften anzueignen, was ihnen kostbar oder heilig scheint. Die Briten, gewohnt, Diebstahl auf See als schlimmes Vergehen zu werten, ahnden die Übergriffe mit oft tödlicher Gewalt. Die Ureinwohner Australiens, dessen Ostküste Cook absegelt, um sie zu vermessen, begegnen den Europäern mit feindseligem Desinteresse, die Antwort auf Geschenke sind Speere. »Warra! Warra! Wai! – Geht fort!«, rufen sie. 1774 schätzt Cook die Bevölkerung Tahitis auf 204.000 Menschen. Knapp 100 Jahre später kommt eine französische Volkszählung nur noch auf 7169 Insulaner: Von ihren »Entdeckern« mitgebrachte Keime, Alkohol und Waffen sind die Ursache. Die Hawaiianer, die Cook als erster Europäer 1778 erblickt, erkennen ihrerseits in dem unter weißen Segeln aus dem Meer auftauchenden Fremden eine Erscheinung ihres Gottes Lono, dessen Herankunft just fällig ist. Nahrungsgeschenke und die Übergabe heiliger Dinge sind die Folge. Als Cook wenige Zeit später wegen eines Schiffsschadens zurückkehrt, verletzt er ahnungslos den rituellen Ablauf der Welt, wie die Hawaiianer ihn kennen. Nun wird der Umgang feindselig. Am 14. Februar 1779 wird Cook von denen, die ihn noch vor kurzem verehrten, umgebracht – erstochen, erschlagen, zerstückelt. Clash of Civilizations. »Ich bin der Meinung, dass gerade die Völkerschaften am besten weggekommen sind, die sich immer von uns entfernt gehalten«, resümiert der Naturforscher Georg Forster, der zusammen mit seinem Vater Johann Reinhold Captain Cook auf dessen zweiter Reise begleitet. Er schwärmt aber auch, niemand habe in ähnlich kurzer Zeit »die Grenzen unseres Wissens in gleicher Weise erweitert« wie Cook.

»Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung«, notierte der Aphoristiker Lichtenberg in seinen »Sudelbüchern«. Der Aufklärer Lichtenberg jedoch setzte dem verstorbenen Cook ein literarisches Denkmal von trockener Freundlichkeit, wohl weil er in ihm einen Geistesverwandten sah: einen Außenseiter, einen Abenteurer, wenn auch nicht des Geistes – Lichtenberg betont Cooks Unbildung –, so doch der Tat. Und Cooks Entdeckungsreisen hatten über das Geografische hinaus in der gesamten »gesitteten Welt« größtes Interesse hervorgerufen, weil die Neuigkeiten über »Naturvölker«, die sie mitbrachten, der damals hochaktuellen Reflexion über die Natur des Menschen im Allgemeinen und Rousseaus Idee vom »edlen Wilden« im Besonderen Nahrung gaben. Der französische Seefahrer Louis de Bougainville hatte Tahiti, auf das er 1768 gestoßen war, als Paradies und das Leben dort als denkbar glücklich beschrieben. Diderot nahm seinen Bericht zum Anlass, sexuelle Freiheit zu fordern, waren doch die tahitianischen Frauen für die christliche Sexualmoral (und die hormonelle Verfassung monatelang auf See eingeschlossenen Matrosen) von atemberaubender Freizügigkeit. Vor allem: Dass man jetzt um reale Alternativen zur eigenen europäischen Staats- und Religionsverfassung wusste, war Brennstoff für das Licht der Aufklärung und Wind ins Feuer der sich anbahnenden Revolution. Der »Wilde« wurde der Archimedische Punkt, von dem aus die eigene Gesellschaft grundstürzend zu kritisieren war. Bedeutete dies Hochschätzung oder Missbrauch der »Naturvölker«?

Wie also muss man diese Geschichte erzählen, wie erzählt sie die Ausstellung in Bonn? Sie feiert vor allem Cooks Leistung: die nautische, die wissenschaftliche, die aufklärerische. Drei Entdeckungsreisen unternahm Cook zwischen 1768 und 1779, jede dauerte rund drei Jahre. Sie alle dienten zwar auch der Landnahme für die englische Krone, aber mit ungleich größerem Aufwand der wissenschaftlichen Forschung; die Gelehrtengesellschaft »Royal Society« war treibende Kraft. Auf der ersten Reise sollte von günstiger Position im Pazifik aus ein Venustransit beobachtet werden, Astronomen erhofften sich davon eine Möglichkeit zur Messung der Entfernung zwischen Erde und Sonne. Die erste wie die zweite Reise folgte zudem der (zunächst geheimen) Absicht, jene seit der Antike aus Gründen der Erdstabilität postulierte Terra australis incognita zu finden, den unbekannten Südkontinent. Sowie neue und die bereits oberflächlich bekannten Inseln der Südsee genau zu kartografieren, um die dortigen Meere befahrbar zu machen. Mit an Bord aber waren auch Botaniker, Geologen und Künstler, die die exotischen Länder und ihre Flora und Fauna zu systematisieren respektive zu porträtieren hatten. Keine Expedition zuvor kam mit so großen wissenschaftlichen Erträgen zurück wie die Cook’schen. Die Chimäre Südkontinent fand Cock auch beim zweiten Versuch nicht. Doch er fand unzählige andere Inseln oder maß halbwegs bekannte aus. Seine Reisen sind ein Beleg dafür, dass die Aufklärung – wie das Licht, von dem sie ihre Begriffsmetapher nimmt – ihrem Wesen nach vor nichts Halt macht. Andererseits: Wäre eine Welt mit dauerhaft voneinander isolierten Kulturen denkbar?

James Cook wurde 1728 in Nordengland geboren, ging bei einem Krämer in die Lehre, heuerte mit 18 Jahren auf einem Kohlenschiff an, mit 26 bei der Royal Navy. Dort lernte er Navigieren und Kartografieren und beides so perfekt, dass die Wahl auf ihn als Kapitän einer Expedition fiel, die endlich Klarheit darüber bringen sollte, wie die Erdkugel südlich des 40. Breitengrads aussah. Sein Schiff, die »Endeavour«, war ein umgebautes Kohlenschiff von 34 Metern Länge und viel Stauraum, schließlich musste Proviant für 18 Monate mit an Bord. Auf und unter Deck drängten sich 94 Menschen, elf davon Wissenschaftler wie der Botaniker Joseph Banks, ein Anhänger Linnés, nach dessen Taxonomie er die exotische Fauna und Flora klassifizierte. Hinzu kamen Schweine, Katzen, Hunde, Hühner sowie eine Ziege, deren Milch den Offizierskaffee aufhellen sollte. Bei der Rückkehr drei Jahre später waren von den 94 noch 38 am Leben.

Als die erste Reise zu Ende ging, hatte Cook nachgewiesen, dass Neuseeland aus zwei großen Inseln besteht und nicht Teil des südlichen Kontinents ist. Dass ein Meer Australien und Neuguinea trennt. Dass der Pazifik aus riesigen Weiten landlosen Wassers besteht und für Terra austra-lis kein Platz mehr war. (Australien hieß damals Neu-Holland.)

Wir sehen einen Globus vor und nach Cook. Wir sehen eindrucksvolle Gemälde von den glücklichen und den blutigen Episoden jener Reisen (vor allem aus der Hand des englischen Landschaftsmalers William Hodges, der die zweite Fahrt begleitete und daraus nur leicht exotische arkadische Idyllen schuf); wir bewundern packend genaue kolorierte Zeichnungen von Georg Forster (»Fischgiftbaum aus Tahiti«). Wir sehen Sextant, Oktant und Chronometer und lernen per Video, wie kompliziert die Ortsbestimmung auf landloser See war. Die furchtbare Problematik all dieses furchtlosen Entdeckens lesen wir nur im Katalog, dort aber gründlich und ohne rückwärtsweisendes moralisches Verdikt. Cook war von seiner Admiralität gehalten, mit den Fremden freundlich umzugehen. Dass er dies weitgehend tat, kann man in Georg Forster faszinierender »Reise um die Welt« nachlesen. Dort ist auch zu erfahren, dass die nach Europa gebrachten Artefakte erhandelt und nicht etwa geraubt wurden. Von den Männern des 18. Jahrhunderts zu verlangen, dass sie wie heutige Ethnologen hätten handeln sollen, ist naiv. »Man mag es bedauern, dass diese großartigen Stücke nicht zurück an ihre Herkunftsorte gelangen. Doch wären sie nicht bei den Entdeckungsreisen gesammelt worden, hätte man sie einfach weiter verwendet, verschlissen und schließlich weggeworfen.« So lässt sich Salote Pilolevu Tuita, Ihre Königliche Hoheit Prinzessin von Tonga, in diesem Katalog zitieren.

Eine bittere, freilich auch erhellende Ironie will, dass nicht wenige der von Cook entdeckten oder kartierten und damit unserer Welt hinzugefügten Inseln – durch den Klimawandel unterzugehen drohen.

Nachbau von Cooks erstem Schiff, der Endavour

»James Cook und die Entdeckung der Südsee«, bis 28.2.2010. Katalog 29,90 €. Tel.: 0228/9171-0. www.kah-bonn.de

Kulturgeschichte
09 / 2009

Geht fort!

Von: Ulrich Deuter


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