GÜNTER NETZERS KULL

Letzte Runde für das Gladbacher Stadion Bökelberg

 

TEXT: DIRK GRAALMANN

Dichter wie Peter Handke schwärmten schon früher vom Fußball; doch spätestens seit Nick Hornbys legendärem Buch »Fever Pitch« 1992 ist der Ballsport anerkannter Bestandteil der Kultur. Einen Verein kann man sich nicht aussuchen, man wird hinein geboren, heißt es bei Hornby. Und Fußballstadien werden dort aufgewertet als Erinnerungsorte, Horte von Vater-Sohn-Beziehungen. Mittlerweile sind Stadien zu respektierten Kultstätten geworden, werden als »Fußball-Oper« vergöttert oder zum »Theater der Träume« stilisiert. Mythische Orte, die auch verklärt werden als Symbol einer bestimmten Region, Wesensart oder Denkrichtung. So haftet dem Berliner Olympiastadion zeit seiner Existenz der Ruch der Olympischen Spiele 1936 in Hitler-Deutschland an, samt seiner verklärenden Leni-Riefenstrahl-Inszenierung. So war das Stuttgarter Neckarstadion immer das Sinnbild eines strengen, disziplinierenden Funktionalismus, der in Baden-Württemberg als Kern der wirtschaftlichen Prosperität gesehen wird. Inzwischen heißt die modernisierte Arena sogar Gottlieb-Daimler-Stadion; die Nähe zur Ökonomie ist offenbar geworden.

Am Niederrhein aber steht der Gegenentwurf: der Gladbacher Bökelberg. Steht noch, um es genau zu sagen. Denn seit Beginn dieser Saison ist der Heimatverein aus dem bewohnten Stadtteil Eicken an den Rand der Stadt gezogen und hat sein neues Quartier bezogen – den Nordpark. Die neue Arena, ein gigantisches Projekt für Mönchengladbach. Eine Kapazität von bis zu 60.000 Zuschauern, mit Sponsoren-Logen und den obligatorischen Business-Seats. Der Verein geriert neue Erlös-Möglichkeiten, sieht sich wieder auf Augenhöhe mit anderen Klubs aus der Reihe der so beliebig gewordenen Vereine. Nach dem durch die rechtlich erzwungene Freigabe der Wechselmöglichkeiten (Stichwort: Bosman-Urteil) einsetzende Flut von kickenden Söldnern wird am Beispiel des Umzugs vom Bökelberg zum Nordpark deutlich: Fußball als Business gehört die Zukunft. Fußball als individuelle, durch Kleinigkeiten wirkende Erfahrungswelt ist obsolet geworden. Der Nordpark ist das in Stein gegossene Eingeständnis, dass sich Fans zu Kunden (oder besser neudeutsch: »Customers«) wandeln, nur noch gewollt werden als »Anhänger ohne Nebenwirkungen«, wie es der Fußball-Publizist Christoph Biermann zurecht geißelte.

Der Mythos Borussia wird damit zu Grabe getragen. Der Fußball insgesamt droht sich in seiner angepassten Massenkultur mit Multifunktionsarenen zu verlieren, deren größte Individualität aus einer andersfarbigen Laufbahn (wie in Berlin) oder einem verschiedenfarbig beleuchtbaren Dach (wie in München) besteht.

Wie anders der Bökelberg – eine Stätte des Aufatmens, zum Symbol des Nonkonformismus verklärt. Was dem politischen, pop-kulturellen Deutschland die 68er Bewegung, war den Fußball-Deutschen der Bökelberg, war Günter Netzer, war die erfrischend bis teilweise hemdsärmelig naiv spielende »Fohlen-Elf«. Dieses kleine, enge Stadion, inmitten eines Wohngebiets im Mönchengladbacher Stadtteil Eicken gelegen, galt in und seit den 70er Jahren – geprägt durch seine Heimelf Borussia Mönchengladbach – als Fanal des Aufbruchs, der Befreiung.

Der Bökelberg hat in dieser Zeit viele denkwürdige Momente erlebt. So wie das Europacup-Spiel der Landesmeister 1971 gegen die damals legendäre Elf von Inter Mailand, das bis heute als bestes Europacup-Spiel eine deutschen Elf vergöttert wird. Weil es 7:1 für die Borussen endete, aber vor allem, weil der Büchsenwurf auf Inters Starkicker Roberto Boninsegna nicht nur die Wertung annullierte, sondern eben auch den Mythos der kleinen Borussen, die um den verdienten Lorbeer gebracht werden, stärkte. Ebenso wie der Bruch eines Torpfostens sechs Monate zuvor im Spiel gegen Werder Bremen, der die Borussen um ein Haar die Deutsche Meisterschaft gekostet hätte.

Dabei hat das Stadion eine viel längere Tradition. Am 21. September 1919 wurde die Sportanlage am Bökelberg eröffnet. Eine ähnlich alte Spielstätte hatte zuletzt allein Kaiserslautern mit dem Betzenberg (seit 1920) vorzuweisen sowie Bochum mit dem Stadion an der Castroper Straße (1911 eröffnet). Der Volksmund titulierte den Platz, der offiziell als »Westdeutsches Stadion« firmierte, schnöde als »de Kull« – die Kuhle. Das Stadion war schließlich auf dem Gelände einer ausgeschachteten Kiesgrube erbaut. Die Natur-Anlage war in der damaligen Zeit ein Prachtbau – viele folgten wie die Glückaufkampfbahn in Gelsenkirchen (Eröffnung 1928, dem vor der WM 1974 das Parkstadion und 2001 die Arena AufSchalke folgte), das Düsseldorfer Rheinstadion (1926 – inzwischen gesprengt und von einer Multifunktionsarena verdrängt) oder auch das Dortmunder Stadion Rote Erde (ehe zur Fußball-WM 1974 das Westfalenstadion entstand).

Der von einem Sportjournalisten so getaufte Bökelberg aber (das Wort meint eine mit Buchen bewachsene Anhöhe, der »Berg« ist mit 61 Metern eine eher sanfte Erhebung) gewann seine symbolische Kraft auch aus dem Unfertigen, dem ewigen Provisorium. Er war mit zuletzt maximal 34.500 Plätzen bald hoffnungslos zu klein. Er war, trotz mehrerer Um- und Ausbauten, bis zuletzt kein bequemes Stadion mit langen Wegen und steilen Rängen; die Qualität der Beschallung war bescheiden. Erst 1964, als der Verein Borussia mit dem Umzug ins benachbarte Grenzlandstadion nach Rheydt drohte, erhielt das Stadion ein Dach. Die Technik, berichtete der lange zuständige städtische Beamte, sei museumsreif.

Aber eine Sanierung war auch nie geplant, nie finanziell denkbar. Man hangelte sich mit dem Stadion von Notwendigkeit zu Notwendigkeit, der Platz für Phantasie war riesengroß und gleichzeitig begrenzt. Doch gerade dieser Mangel machte den Mythos Bökelberg als bedeutenden Erinnerungsort erst möglich, machte ihn wertvoll.

Viel wird von ihm nicht bleiben: Die Stadt Mönchengladbach, seit 1954, als die klamme Borussia die Arena verkaufen musste, Eigentümerin des Stadions, will sich dessen günstige Lage zu Nutze machen. »Qualitativ gehobene Wohnbebauung« soll dort entstehen. Der Bökelberg für jedermann. Ende eines Traums. Eine kleine Gedenktafel vielleicht. Ein letztes Bild. Das war’s. Reichlich wenig für einen Mythos.

 

Kulturgeschichte, Architektur
12 / 2004

GÜNTER NETZERS KULL

Von: DIRK GRAALMANN


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