Fotos: Claus Langer

Hinauf ins Unterirdische

Das neue Ruhr Museum auf Zollverein in Essen

//   Kein Vergleich. Nicht zum früheren Ruhrlandmuseum in enger, bedrängender Nachbarschaft zum Folkwang-Museum auf der Goethestraße. Nicht zur Selbstdarstellung avancierter Museumsneubauten. Nicht zu ähnlich ausgerichteten Sammlungs-Sparten und -Inhalten. Denn da müssten sich Naturhistorisches Museum, Historisches Museum, Architekturmuseum, Technik- und Industriemuseum und vielleicht auch Heimatmuseum – im weiteren Sinn – zusammenfinden. Insofern spricht Ulrich Borsdorf, langjähriger Chef des Ruhrlandmuseums und nun Gründungsdirektor des Ruhr Museums, von einem »Hybrid-Museum« und »amorphen Etwas«, das den Makel der Heterogenität zur Stärke umformuliere. Natur, Kultur und Geschichte werden hier integrativ zusammengedacht und -gebracht, statt jedes Element für sich isoliert zu betrachten.

So wie sich das Ruhrgebiet aus etablierten Mustern löst, gar erlöst, und sich neu ordnet, folgt das Ruhr Museum dieser Suchbewegung – oder gibt sie vielmehr vor in seinem komplexen und reflexiven Bezug gegenüber Identitäts-Wahrnehmung und -Schaffung. Man kann Enzensberger zitieren: »Die Geschichte ist eine Erfindung, zu der die Wirklichkeit ihre Materialien liefert.« Das Ruhr Museum übernimmt die Deutungshoheit über seinen nach allen Seiten offenen Gegenstand. Dieser Gegenstand ist das Ruhrgebiet – als Region, deren Grenzen und Selbstverständnis keine historische Tiefenbegründung trägt, sondern die immer noch unternimmt, sich selbst zu erfinden.

Der Ort ist die – erste – Botschaft. Dabei birgt der Umzug für das Ruhr Museum (begründet als unselbständige Stiftung mit den drei Trägern Land NRW, Landschaftsverband Rheinland, Stadt Essen) durchaus Gefahren. Die Finanzierung gehört dazu: Wohl sind die 55 Millionen Euro für Bau und Einrichtung gedeckt, auch die Betriebskosten lassen sich bestreiten, aber der Jahres-Etat für  Sonderausstellungen gestattet nur  300.000 Euro. Fraglich blieb zudem, ob und wie sich das neue Museum an einem authentischen Platz wie dem von den Architekten Schupp und Kremmer entworfenen Zollverein-Ensemble würde behaupten können: als Baustein in Rem Koolhaas’ Masterplan für das riesige Weltkulturerbe-Areal von Zeche und Kokerei und als gewünschte Publikums-Attraktion in oft menschenleeren Umfeld.

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Der gigantische Kubus der ehemaligen Kohlenwäsche – hier wurde das von Untertage geförderte »Schwarze Gold« vom Gestein getrennt – ist nun zu einem kolossalen profanen Schrein geworden, in dem die Geschichte des Ruhrgebiets sich in einer Kreisbewegung von der Gegenwart über die karbonbildenden Erdzeitalter zur Gegenwart zurück entwickelt. Architektur, maschinelle Einrichtung der Sortieranlage und Transportwege spielen in die Präsentation und Platzierung der 6.000 Objekte (davon 1.000 Leihgaben von insgesamt 250 Leihgebern, nicht gerechnet das Archiv der 2,3 Millionen Fotografien) hinein. Das Maschinengebäude ist transformiert zum Denkgehäuse auf drei Etagen und 5.000 Quadratmetern.

Die äußere Rolltreppe trägt den Besucher hoch in das Mehrzweck-Foyer und an den Beginn des dreiteiligen Parcours: zum Kapitel »Gegenwart«. Erst wenn man diese Ausstellungs-Etage passiert hat, erwartet einen das orangefarben dämmernde Treppenhaus, dessen Geländer sich wie ein glühendes Stahlband abwärts zieht. Die Stufen leiten in die Tiefe von Raum und Zeit zu den Kapiteln »Gedächtnis« und »Geschichte«, scheinen den Abstieg zu Mutter Natur – oder in Alberichs Erd-Reich – zu befeuern, um dann weiter in die historische Wirklichkeit zu führen.

Bleiben wir aber noch im Diesseits, in der 17 Meter hohen Dach-Ebene, wo Mythen des Ruhrgebiets (die von den Klischees wohl nie sauber zu scheiden sind) auf Videotafeln präludieren: Das Feuer (der Stahlwerke) zählt dazu, die Tiefe (des Abbaus), die Verschmutzung, das Heimatgefühl oder das Prinzip Solidarität. Diese Aspek-te sind den beiden Hauptlinien der »Phänomene« und »Strukturen« vorgelagert. Sie stehen für die museale Grundidee: Anschauung und Analyse parallel zu schalten. Ein weiteres wiederkehrendes Merkmal ist die Betonung von Unterschiedlichkeit: das Changieren des Ruhrgebiets.

Eine Panorama-Bildstrecke von Straßen, Autobahnen, Halden und Brachen, von Wohnsiedlungen, Büdchen, Kirchen, Sportplätzen, Universitäten, Technologie-Zentren setzt den Rahmen für das, was sich in ihnen ausbildet. Kästen mit Ruhrpott-Mineralwasser berichten vom Dreck oben und der Reinheit ganz unten; liturgisches Gerät erzählt von geschlossenen Kirchen des Essener Bistums; Pokale repräsentierten das Kaninchenzüchter-Vereinswesen (warum fehlt der Taubenvatter?); Surfbretter und Taucheranzüge demonstrieren, was auf Halden und in Gasometern freizeitlich – neben dem Fußball – möglich ist.

Hinter einer gläsernen Trennwand, in der wie in einem Herbarium Blattwerk grünt, um die These vom Artenreichtum im Ökotrop Revier zu stützen und die Dialektik von Umweltzerstörung und Renaturierung aufzuzeigen, ragen Dutzende hoher weißer Vitrinen. Sie bewahren Relikte und Kuriositäten wie Reliquien. In diesem Erinnerungsraum für den Menschen, seine Sachen und seine Erfahrung hat  – überraschend  – auch die Natur Platz, deren Botschaften sich ebenso lesen lassen: in der versteinerten Spur eines Blitzes, in den Jahresringen eines Baumes, deren Dicke mit der Konjunktur an- und abschwillt.

Die »Gegenwart« des Reviers, das ist die gipserne Heiligenfigur italienischer Gastarbeiter; ist das Einweckglas, das man mit in den Luftschutzkeller nahm, um Babynahrung zu wärmen; oder der Suppenteller, der auf dem Esstisch in Schräglage nur halb gefüllt werden kann, weil Bergschäden das Haus schief gestellt hatten.  

Reicher noch entfaltet sich die Aura der Dinge in der mittleren, zweiten Etage: den Vorratskammern an »Gedächtnis«. Die Kabinette und Galerien wurden gewonnen, geschlagen, gestaltet aus den früheren Speichern für Kohle, Abraum, Wasser. Diese Lager des Abgelagerten setzen theatralische Kontrapunkte. Auf bestürzende und beglückende Weise finden sich die kostbaren Exponate in die raue Atmosphäre ein und feiern schlichte Zeremonien des Andersartigen. Wundersam heben sich die Antiken ab: der Jünglings-Torso, skulpturale Masken und Porträtbüsten aus Ägypten, Griechenland und Zypern sowie der etruskischen und römischen Kultur, Schalen, Amphoren, Gefäße. Großartig die fossilen Funde, Gesteinsfragmente, der Milliarden Jahre alte Meteorit, die Tierpräparate, das Skelett des Mammuts, die Gehäuse der Meeres-Ammoniten aus der Kreidezeit, die wie zu einem Blütenfeld geordnet und in einen Schlund gesenkt wurden.

Hier zeigt sich die Herkunft des neuen Ruhr Museums aus dem alten Ruhrlandmuseum und dessen Entstehung aus den Selbstversicherungsversuchen des Essener Bürgertums der Jahrhundertwende um 1900: Man wollte Bildung demonstrieren, gewiss auch sich abgrenzen von der rasend wachsenden Proletarierschicht ringsum, und sammelte Antiken, Ethnologica, Mineralien. Erst in den 1970er Jahren unternahm es das Ruhrlandmuseum, die Heimat-Geschichte auch als Sozialgeschichte darzustellen und damit »dem Arbeiter sein museologisches Recht einzuräumen«, wie ein Essener Ratsbeschluss für das Haus es nannte. Im Ruhr Museum, so wollen es seine Gründer, sollen diese Stränge endlich versöhnt sein.

Neben der archäologischen, ethnologischen, geologischen Tiefenbohrung vollzieht sich der Prozess der Zivilisation. Er verläuft chronologisch entlang der Epochen der Vormoderne mitsamt ihren regionalen Spezifika: von den Franken und Sachsen und Römern über die Christianisierung und das mittelalterliche Leben, Renaissance, Humanismus und Aufklärung bis zum preußischen  Staatswesen. Abermals fordert der museale Ansatz zu der Wahrnehmung heraus, dass im Ruhrgebiet politische Strömungen, erdgeschichtlicher Status und landschaftliche Entwicklung so stark wie sonst kaum irgendwo (vielleicht noch in Venedig) einander bedingen und in Relation treten. Die Geschichte des Ruhrgebiets ist eine Geschichte seiner geologischen Schichten, analog zu deren Verlauf sich die Wanderung der Industrie von der Ruhr nordwärts bis zur Emscher vorarbeitete. Wo sie endet.

Letzte Station, im dritten Geschoss abwärts: das Reservoir der »Geschichte« der jüngsten 200 Jahre, mithin der Montanindustrie. Inszeniert als Schaulager mit einer überbordenden Materialfülle an Zeugnissen, Gebrauchsgegenständen, Belegen, Dokumenten, verläuft der Hauptstrang über die 90-Meter-Sichtachse der Kohlenwäsche. Die Akte »Anfänge, Durchbrüche, Hochindustrialisierung, Zerstörungen & Wiederaufbau und Strukturwandel ab 1957« sind flankiert von Parallelstrecken. Dingfest gemacht werden: Lebensformen und Milieus im Wandel, die Krisen von Mensch und Natur, politische Umwälzungen – heillose Ideologie und  gesundende Gesellschaft, während etwa aus dem Schatten die Statue von Alfred Krupp ragt, die Stimme von Willy Brandt das Blau des Himmels verspricht oder 140 kleine Opel Kadett-Modelle zum Menetekel auffahren.

Als Prolog dieses Schlussteils ist jenes Urelement ausgelegt, ohne das all dies so nicht (gewesen) wäre. Auf Schautischen – erinnernd an die Fließbänder der Kohlenwäsche – reihen sich die Energieträger der Karbonzeit: Exemplare von Kohle und Erz, aus jedem Flöz je ein Stückchen. Man steht mit Ehrfurcht vor dem gleißend schillernden Schwarz, diesem realen Symbol. Die Kollektion wirkt wie eine Kunstinstallation – und ist damit ihrerseits Ausdruck des Strukturwandels der Region, die ihre Zukunft in der Kultur sucht.   //

Die festliche Eröffnung des Ruhr Museums findet auch für die Öffentlichkeit am 9. Jan. 2010, abends statt. Am 10. Jan. ist Tag der offenen Tür. www.ruhrmuseum.de

Kulturgeschichte
12 / 2009

Hinauf ins Unterirdische

Von: Andreas Wilink


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