Holger Graf, Antriebshauer auf Prosper IV, Schacht 9, Bottrop, 6. März 2017 Foto: © Michael Bader

Kurz vor Schluss

Die letzten Zechen in NRW schließen bald. Das Essener Ruhr Museum und das Deutsche Bergbau Museum Bochum setzen dazu einen spektakulären Schlusspunkt.

TEXT VOLKER K. BELGHAUS

7000 Kilo Steinkohle in die Mischanlage der Kokerei Zollverein zu kriegen, klingt erstmal einfach. Schließlich ist das riesige Gebäude nur für den Zweck gebaut worden, täglich riesige Mengen Kohle zu verarbeiten. Wenn dann aber 7000 Kilo des Gesteins als quadratischer Brocken vor der Tür stehen, wird es kniffelig. Am Ende gelangte der Trumm mit Hilfe eines Spezialkrans von außen in die oberste Etage des Gebäudes, verpackt in einer massiven Kiste.

Der Brocken ist das schwerste und größte Exponat der Ausstellung »Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte«, stammt aus dem Bergwerk Prosper Haniel, genauer vom dortigen »Betriebspunkt 525, Flöz G2/F« und wurde von vornherein als Ausstellungsstück ans Tageslicht gebracht. Die Bottroper Zeche Prosper Haniel ist, wie das Anthrazitkohlenbergwerk in Ibbenbüren, momentan noch in Betrieb, wird aber Ende des Jahres den Betrieb endgültig einstellen. Es ist nicht nur das Ende einer Industrie, es ist das Ende einer Epoche. Drunter geht es nicht – seit über 200 Jahren hat der Steinkohlenabbau, nicht nur im Revier, aber dort am stärksten, die Landschaft, das Leben und das Gesellschaft radikal verändert. Seit der Schweinehirte Jörgen im Wittener Muttental beim feuermachen die Steinkohle direkt unter der Grasnarbe entdeckte, ist das Ruhrgebiet radikal industralisiert und mehrfach umgegraben worden. Das Innere wurde nach Außen gekehrt und steht nun als künstliches Gebirge in der Emscher-Ebene herum. Aber irgendwo muss man die schicken Landmarken ja draufstellen.

Das Erbe des Bergbaus bleibt dem Ruhrgebiet noch lange erhalten, sei es in der transformierten Landschaft, der immer noch eindrucksvollen Industriekultur oder bei den Ewigkeitskosten – schließlich müssen die Grubenwasserpumpen in Betrieb bleiben, damit das Metropolendorf nicht irgendwann absäuft. Und die alten Geschichten werden weiter erzählt werden, von den stolzen Bergmännern und deren hartem Alltag unter Tage, von Schweiß, Staub, Zusammenhalt. Natürlich wird auch Verklärung und Mythenbildung dabei sein, aber was sollten wir, die Nachgeborenen über Tage, da besser wissen – wir waren nicht dabei.

In die oberste Etage der Mischanlage gelangt man auf dem selben Weg wie damals die Kohle. Mit einer Standseilbahn geht es, umklungen von Stoppoks Version des Steigerliedes, ruckelnd und diagonal nach oben. Dort hängen die großartigen Fotoporträts des Leipziger Fotografen Michael Bader – Bergmänner, die aktuell noch in rund 1000 Meter Tiefe im Flöz »Zollverein« direkt unter der Kokerei arbeiten. Bader hat die Bergmänner direkt nach der Schicht auf Prosper Haniel fotografiert; eindringlich, in Arbeitskleidung, Helm und kohlegeschwärzten Gesichtern. Menschen kurz vor Schluss, die genau wissen, dass sie bald nicht mehr gebraucht werden. Einige Schritte weiter springt die Ausstellung 360 Millionen Jahre zurück in die Karbonzeit, als riesige Regenwälder in subtropischen Klima das Land beherrschten. Damals begann es mit der Kohle, hier ist auch der 7000 Kilo-Brocken zu sehen, auf den alten Rohren und Apparaturen wachsen Farne.

Die schlichte Ausstellungsarchitektur nimmt sich selbst zurück und vertraut auf die spektakuläre Architektur der Mischanlage mit seiner düsteren Bunkerebene, und den riesigen, teils aufgeschnittenen und begehbaren Betontrichtern. »Das Zeitalter der Kohle« wird anhand von Objekten und den dahintersteckenden Geschichten erzählt – ein Konzept, das auch in der Dauerausstellung des benachbarten Ruhr Museum hervorragend funktioniert. Wie etwa der abgeschabte Lederschuh aus dem Deutschen Bergbau Museum in Bochum. Dieser gehörte dem Hauer Fritz Wienphal, der 1930 bei einem Streckenbruch auf der Zeche Victor in Castrop-Rauxel verschüttet und erst nach 183 Stunden gerettet wurde. Durch einen Schlauch wurde er mit Wasser, Milch und Fleischbrühe versorgt. Wegen der dafür verwendeten Pressluft konnte er nicht direkt aus dem Schlauch trinken und fing die Flüssigkeit mit seinem Schuh auf: »Ich trank sie aus dem Schuh, in dem ich sie über das Leder der Kappe in den Mund laufen ließ. So gut hatte mir noch niemals etwas auf dieser Welt geschmeckt. Ich hatte ja auch schon über zwei Tage überhaupt nichts mehr gehabt.«

Der Arbeitsalltag unter Tage war hart, nicht nur in solchen Extremsituationen, und nicht nur für die Menschen. Auch für die Tiere – man denke an die Sittiche, die in engen Käfigen gehalten wurden, um vor giftigen Gasen zu »warnen«. Fielen sie von der Stange, wurde es höchste Zeit, den Flöz zu verlassen und Masken aufzusetzen. Auch Pferde wurden über Jahre in unterirdischen Stallungen gehalten, um die schweren Kohlewagen zu ziehen. Zu sehen ist das auf einer Fotografie von 1937, die diese tierischen »Arbeitskameraden« zeigt, die fünfmal mehr Atemluft verbrauchten wie die Bergarbeiter. Die Ställe mussten entsprechend beleuchtet und mit Frischluft versorgt werden. Wie extrem die Bedingungen unter Tage sind, zeigt auch eine versinterte »Schachtfahrte«. Das Grubenwasser ist stark mineralisch angereichert, was auf Dauer zu Ablagerungen, den Versinterungen, führt. Dieser Effekt zeigt sich eindrucksvoll an einer »Schachtfahrte«, einer hölzernen Leiter, die 1951 aus dem Bergwerk Sachsen in Hamm geborgen wurde. 13 Jahre war sie dort im Einsatz, am Ende hatte sich durch die Krusten von Kalkstein und Schwerspat ihr Gewicht auf 341 Kilogramm erhöht.

Nicht versteinert, dafür aber historisch sind die Schaufeln und Spaten, die wie ein Mobile im Luftraum über einem der großen Trichter hängen. Einen dieser Lufträume nutzt auch der walisische Künstler Jonathan Anderson für seine Installation »Dark Star«. Ein Stern aus Fiberglas, der mit einer Schicht aus Anthrazitkohle – diese Sorte glänzt besonders schön – überzogen ist und nun im Halbdunkel geheimnisvoll schwarz und bläulich funkelt.

Die Ausstellung zeigt aber auch, dass Kohle nicht nur als brennbarer Energieträger verwendet werden kann – sondern auch zur Herstellung von vollsynthetischen Produkten der Kohlechemie wie Medikamente, Farben und Kunststoffe. Eine Wand aus 4000 historischen Farbstoffflaschen zeigt eindrücklich, wie die Industrie aus dem Dreck des Steinkohlenteers Geld machte. Bereits 1866 waren über 10.000 Farbnuancen möglich. Bis dato wurden Farben aufwendig und teuer aus Pflanzen hergestellt, die industrielle Produktion ermöglichte nun günstige, gefärbte Stoffe, was in der Mode zu einem ungewohnten Farbenrausch führte.

Ein knallroter Panton Chair von 1971 passt scheinbar nur indirekt zum Thema Kohle. Vielmehr steht er symbolisch für eine weitere Krise der Kohlenverarbeitung durch neue Technologie. Krisen kannten die Kohleindustrie schon seit einigen Jahren, die Konkurrenz durch Erdöl und die damit verbundene Herstellung von Kunststoffen machte sich aber spürbar bemerkbar. Die Kohlechemie wurde von der Petrochemie abgelöst, mit Materialien wie Polysterol konnten Dinge produziert werden, die bis dahin unmöglich schienen. Designer wie Verner Panton erkannten die Vorzüge der neuen Kunststoffe und entwarfen ganze Wohnlandschaften aus dem Material, inklusive des berühmten Freischwingers aus durchgefärbten Kunststoff.

Und dann entdeckt man noch einen der gelben »Schachtzeichen«-Ballons aus dem Kulturhauptstadtjahr 2010, die damals über dem Ruhrgebiet aufstiegen und die Standorte der Zechen markierten. Nun sind die »Schachtzeichen« ebenfalls museumsreif. Genau: Schicht im Schacht.


»Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte«

Mischanlage der Kokerei Zollverein, Essen
Bis 11. November 2018

Kulturgeschichte
07 / 2018

Kurz vor Schluss

Von: Volker K. Belghaus


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