NICHT FISCH, NICHT FLEISCH

Karen Duves Selbstversuch »Anständig essen«

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Vegetarismus ist in; der Erfolg von Jonathan Safran Foers »Eating Animals« in den USA ist der jüngste Beleg. Warum das uralte Thema zurzeit wieder toppt, ist schwer zu beantworten; vielleicht braucht die diffuse Bewegung diffuser Menschenerzieher jetzt, nachdem die Raucher erfolgreich vor die Tür geschickt wurden, neue Ziele.

An den von Foer vegetarisch reich gedeckten Tisch setzt sich nun Karen Duve. Die Autorin des Reportageromans »Taxi« hat mit »Anständig essen« etwas verfasst, was zwischen Erzählung, Information und Plädoyer changiert. Wobei erstere auf tagebuchartige Weise von dem Selbstversuch berichtet, sich zunächst »bio«, dann vegetarisch, danach vegan und zuletzt »frutarisch« zu ernähren, also nur noch zu konsumieren, was die Pflanze »freiwillig« hergibt. Den Höhepunkt dieser diätreligiösen Läuterung, nur noch Licht zu essen, ließ Duve allerdings aus.

Aber schon alle Stufen davor sind dicht gefüllt mit den Widersprüchen, die sich einstellen, wenn man nicht nur einfach kein Fleisch isst oder sich »gesund« ernährt (wobei »gesund« reflexionslos nicht-industriell bedeutet), sondern daraus eine Ideologie errichtet, nach der es bereits verwerflich ist, Brot zu essen, das auf einem mit Butter gefetteten Blech gebacken wurde; oder den Bienen den Honig zu stehlen. Der Grat zwischen Ethik und Orthorexie ist schmal …

Das saftige Biogemüse all dieser veganen Ungereimtheiten bereitet Duve auf ihre bekannt lakonische Art reportagehaft genussvoll zu; sie hat Vergnügen am Herumrühren in Widersprüchen. Daneben serviert sie jedoch das knorpelige Trockenfleisch angelesener Belehrungen: über Massentierhaltung, Schlachthausgrausamkeiten usw. Alles recht, wäre es mit kritischer Reflexion gewürzt. Ungenießbar wird ihr Mahl, wenn Duve das Tier ethisch dem Menschen gleichstellt, weil es (wie sogar Maus und Wurm) zu hohen Prozentsätzen mit ihm genetisch »übereinstimme«. Das ist reduktionistischer Quatsch. Sich fleischlos ernähren geht prima; aus dem Sein ein Sollen ableiten, aber geht nicht. Herr Ober, zurück damit in die Küche! | UDE

 

Karen Duve, »Anständig essen. Ein Selbstversuch«. Galiani Verlag Berlin 2011, 19,95 Euro.

Kulturgeschichte, Literatur
02 / 2011

NICHT FISCH, NICHT FLEISCH

Von: ULRICH DEUTER


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