Die Illusion ist perfekt im A 380-Cockpit, kurz hinter der Düsseldorfer Kö.

Ohne Pilotenschein

Seit dem Sommer landet in Düsseldorf das größte Passagier-Flugzeug der Welt: der Airbus A 380. Jetzt kann man ihn sogar selber steuern – in einem Flug-Simulator mitten in der Stadt.

Text: Inge Hufschlag

Düsseldorf ist beliebt als Stadt der kurzen Wege: die Zehn-Minuten-City. Selbst zum Flughafen braucht man nicht viel länger. Die Düsseldorfer, wenn sie nicht gerade selbst (zu) nahe am Airport wohnen, gelten als flugbegeistert. Die Aussichtsplattform des Flughafens ist ein beliebtes Ausflugsziel. Seit die arabische Fluglinie Emirates die Landeshauptstadt mit dem größten Passagierflugzeug mit Dubai verbindet, drängen sich dort die Plan-Spotter, wenn der Riesenvogel startet oder landet.

Fünf Millionen Euro hat der Flughafen für das Andocken des A 380 investiert. Nach München und Frankfurt ist man das dritte Ziel für den Megaliner, in dem mehr als 500 Passagiere Platz finden in einer Drei-Klassen-Konfiguration: Economy, Business, First. Gäste der Ersten Klasse können in Privat-Suiten die Tür hinter sich zumachen oder sich eine Wellness-Dusche gönnen. Die erste Landung in Düsseldorf wurde ebenso bombastisch mit einer Wassertaufe aus den Schläuchen der Flughafen-Feuerwehr begrüßt, wie kurz darauf die neue Direktverbindung mit Hong Kong von Cathay Pacific.

Der begehrteste Platz bleibt jedoch das Cockpit. Einladungen vom Kapitän während eines Flugs sind begehrt. Die Kanzel eines A 380 (im Ganzen exakt 72,72 Meter lang, Spannweite knapp 80 Meter, Kabinenlänge über 50 Meter) passt jetzt sogar in einen kleinen Eckladen mitten in der Stadt, kurz hinter der Kö, schräg gegenüber vom Forum Freies Theater. Dort hat iPilot, Europas erste Kette professioneller Flugsimulatoren, sozusagen eingecheckt. »Der Riesen-Jumbo hat hier einen wahren Hype ausgelöst, die Welle wollen wir nutzen«, erklärt Geschäftsführer Wolfram Schleuter.

Der Traum vom Fliegen ist bekanntlich so alt wie die Menschheit. Auch Schleuter hat ihn in jungen Jahren geträumt, als er beruflich in der Touristik-Branche unterwegs war. Nur selber fliegen ist schöner. Deshalb machte er seinen Privat-Pilotenschein. Als er in London mal einen Flugsimulator nutzen wollte, stellte er fest: zu kompliziert, zu teuer. So kam er auf die Idee für iPilot. Seine ersten Flug-Simulatoren startete er in London und Kent. Seitdem verkauft er Flugbegeisterten und Hobbypiloten virtuelle Flugerlebnisse.

Inzwischen hat der 42-Jährige eine ganze Flotte, in München, Berlin und Dresden. Und jetzt in Düsseldorf, erstmals mit dem A 380. Für den Laien ist der erste Eindruck auf die viele Technik verwirrend. Ein Berufspilot bezeichnet die Umstellung allerdings als nicht so schwierig: »zumindest nicht in der Luft, eher am Boden«. Aber Rangieren fällt in dem Ladenlokal flach. Dafür ist die Illusion der Rundum-Darstellung im Cockpit perfekt, beim Start ab Düsseldorf mit hohem Wiedererkennungswert: Auf der rechten Seite die Hangars mit den parkenden Maschinen davor, links Wiesen, geradeaus die Startbahn. »Jetzt den Schubhebel nach vorne drücken«, kommt das Kommando des Co-Piloten Arman Roland Völker, Instruktor beim Erstflug. Vorher hat er seinem Gast die Instrumente erklärt. Die Nase des A 380 ist darauf nur ein kleiner Punkt.

Doch das Gefühl ist großartig. Der Schüler hat die Mütze auf, für die Dauer des gebuchten Erlebnisflugs ist er Kapitän. Und darf bestimmen, wo’s hingeht: 24.000 Flughäfen stehen zur Wahl. Die meisten wollen von Düsseldorf abheben, erklärt Wolfram Schleuter, »oder noch mal am letzten Urlaubsort landen«. Beliebt sind abenteuerliche Anflüge wie auf Hong Kongs ehemaligen Airport Kai Tak, wo man gefühlt zwischen Wolkenkratzern auf einer schmalen Piste im südchinesischen Meer landete. Der Legende nach sollen Piloten dabei schon mal Wäsche von der Leine auf Hochhausdächern mitgerissen haben.

Selbst im Simulator treffen Hobby-Piloten Kai Tak kaum beim ersten Anflug. Profis brauchten dafür eine Zusatzausbildung und Sonder-Lizenz. Das System heult auf, wenn die Landung ins Wasser zu fallen droht. Auf der Airport-Hitliste stehen als Herausforderung auch St. Maarten in der Karibik oder Madeira. Ein persönlicher Hot Spot von iPilot Schleuter: Innsbruck im Schnee.

Um im Simulator dort zu landen, braucht es keine besonderen Vorkenntnisse. Schleuters jüngstem Gast rutschte die Mütze noch über die Augen, er war sechs Jahre alt. Einem 70-jährigen britischen Stammgast reicht das einstündige himmlische Vergnügen nicht, er will immer wieder in Echtzeit von London in die USA fliegen. Auch solche Extra-Wünsche werden erfüllt. Den Steuerknüppel eines Flugzeuges mal selbst in die Hand nehmen, hat für manche noch einen willkommenen Nebeneffekt: Flugangst verfliegt.

Zum Standard-Programm von iPilot gehören ein halbstündiger Schnupperflug für 89 Euro und der einstündige Erlebnisflug für 159 Euro. Auf Wunsch kann man auch unter unterschiedlichen Witterungsbedingungen fliegen oder bei Nacht. Ein »Virtual Type Rating« umfasst fünf Stunden mit Prüfungsflug, einschließlich Flugmanövern und Notsituationen wie Triebwerksausfall.

Bewusst verzichtet wurde auf Turbulenzen, auch aus finanziellen Gründen. Full-Flight-Simulatoren, wie sie von Berufs-Piloten genutzt werden, stehen auf Hydraulikstelzen, können jede Bewegung im Flug nachvollziehen und nehmen Fehler übel. Sie kosten Millionen, auch ihre Nutzung ist entsprechend kostspielig. Schleuter: »Den Kunden würde nur schlecht, und dafür müssten sie auch noch mehr bezahlen«. Ein fest verankertes A 380-Cockpit schlägt dagegen mit  überschaubaren 150.000 Euro zu Buche. In Dubai und Doha, wo iPilot demnächst mit Cockpits der Boing 777-300 andocken will, haben Scheichs schon nach der Bezugsquelle gefragt. Schleuter: »Die stellen sich so ein Ding dann in die Garage«.

 

Kulturgeschichte
10 / 2015

Ohne Pilotenschein

Von: Inge Hufschlag


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