Vor der Katastrophe: Der Triumphbogen von Palmyra stammte aus der Zeit des Septimius Severus um 200 nach Christus. Seit dem 4. Oktober 2015 soll er in Schutt und Asche liegen.

Rakka–Köln ohne Rückfahrschein

Was der syrische Archäologe Jabbar Al Abdullah über die Zerstörungen von Palmyra zu berichten hat.  

Interview Stefanie Stadel

In den letzten Monaten war in Köln einiges zu hören von ihm. Jabbar Al Abdullah stand auf Rednerbühnen und saß in Diskussionsrunden. Nach der Silvesternacht trommelte er per Facebook seine Landsleute auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz zusammen zu einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen. Heute trifft man den zurückhaltenden jungen Mann bei einem Becher Tee im Museums-Café. In seiner syrischen Heimat hat er Archäologie studiert, im Wallraf-Richartz-Museum will er demnächst Besucher durch die Ausstellung: »Palmyra – Was bleibt?« mit Grafiken des 18. Jahrhunderts führen. Mit k.west sprach er über sein Land, seine Flucht, über Palmyra und die Zerstörung des kulturellen Erbes in Syrien. Auf Deutsch – nach gerade mal 18 Monaten in Köln beherrscht der 28-Jährige die Sprache erstaunlich gut.

k.west: Demnächst wollen Sie hier im Hause Besuchern etwas über Palmyra erzählen – jenes Menschheitserbe, die einzigartige Oasenstadt, die vom Terror des sogenannten Islamischen Staates (IS) Stück für Stück zerlegt wird. Das berührt Sie gewiss nicht nur fachlich, sondern emotional. 

Al Abdullah: Natürlich. Ich kenne Palmyra sehr gut, ich war schon fünf Mal dort.

k.west: Wann und wie haben Sie von den Zerstörungen erfahren?

Al Abdullah: Schritt für Schritt. Nicht nur durch die Medien. Gemeinsam mit Kollegen habe ich eine Facebook-Seite, auf der wir uns über die Verluste in Palmyra und auch in anderen archäologischen Stätten informieren und austauschen. 

k.west: Was wollen Sie den Kölner Besuchern erzählen, was ist Ihnen wichtig?

Al Abdullah: Die Situation in Palmyra ist eine Katastrophe, sicher.
Aber ich möchte klar machen, dass die Vernichtung des kulturellen Erbes nicht allein vom IS ausgeht. Auch durch das Assad-Regime und russische Angriffe wurde Etliches verwüstet. Überall werden Bomben abgeworfen, ohne Rücksicht auf Menschen oder Dinge. Hinzu kommt, dass immer mehr Leute auf eigene Faust graben – mit Baggern zerstören sie archäologische Stätten auf der Suche nach Altertümern, die sich verkaufen lassen. In Mülheim an der Ruhr halte ich demnächst einen Vortrag, in dem es um diese Zerstörungen geht. In Damaskus, Homs, Daraa, in der Altstadt von Aleppo und auch in meiner Heimatstadt Rakka. 

(Er zieht sein Smartphone hervor und zeigt ein Bild des ausgebombten Museums von Rakka.) Das Foto hat ein Freund für mich aufgenommen. Einige Stücke, die ich als Archäologe in Syrien ausgegraben habe, wurden in diesem Museum bewahrt. Jetzt ist alles weg. Einige sagen, der IS habe geplündert. Andere meinen, dass Assads Leute, bevor sie die Stadt verließen, alles mitgenommen haben, um es auf den Markt zu bringen. Man darf nicht vergessen, dass Assads Familie seit über 40 Jahren Syriens archäologische Schätze plündert und zu Geld macht. 

k.west: Sie selbst kommen aus Rakka, wann haben Sie die Stadt verlassen?

Al Abdullah: Am 1. Januar 2013.

k.west: Also bevor der IS Rakka unter seine Kontrolle gebracht hat. Was war Anlass Ihrer Flucht? 

Al Abdullah: Ich bin Gegner des Assad-Regimes. Eines Nachts habe ich mit einem Freund Parolen an Häuserwände gesprüht: »Für die Freiheit« oder »Legt Assad endlich Handschellen an«. In der Nachbarschaft wohnten Leute, die sehr regimefreundlich waren. Sie haben dem Geheimdienst unsere Namen verraten, daraufhin musste ich meine Heimatstadt Hals über Kopf verlassen.

k.west: War Ihnen gleich klar, in Deutschland Asyl zu suchen?

Al Abdullah: Nein, mein erster Weg führte in den Libanon, aber dort ist man als Assad-Gegner nicht sicher. Deshalb ging ich nach Ägypten und studierte weiter. Doch auch dort ist die Situation chaotisch. Ich wollte nicht wieder Angst haben müssen, und so machte ich mich auf den Weg über die Türkei nach Deutschland.  

k.west: Was sind Ihre Pläne?

Al Abdullah: Seit drei Wochen arbeite ich am Römisch-Germanischen Museum und war schon an Ausgrabungen im Melaten-Viertel und in der Südstadt beteiligt. Vorgestern habe ich eine Deutsch-Prüfung abgelegt. Wenn das Ergebnis gut genug ist, kann ich mein Archäologie-Studium fortsetzen – in Köln, denn hier habe ich mich eingelebt. Im Mai organisiere ich zum Beispiel eine Ausstellung mit 15 Künstlern aus meiner Heimat, die sich mit der Situation in Syrien auseinandersetzen. 

k.west: Sie sind ungeheuer aktiv. Demonstrationen, Diskussionen, Vorträge, Ausstellungen. Was motiviert Sie?

Al Abdullah: In Syrien haben wir viele, viele Ideen gehabt und konnten nichts daraus machen. Hier nun habe ich das Gefühl, alles in die Tat umsetzen zu wollen und zu müssen. Ich glaube, das gibt mir die Energie.

WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM & FONDATION CORBOUD, KÖLN

»PALMYRA – WAS BLEIBT? LOUIS-FRANÇOIS CASSAS UND SEINE REISE IN DEN ORIENT«. BIS 8. MAI 2016, TEL.: 0221 22121119

Kulturgeschichte
03 / 2016

Rakka–Köln ohne Rückfahrschein


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