Wie man in den Wald ruft

Das Kunstprojekt »In Strömen«

Der Eschbach fließt im Süden Remscheids der Wupper zu, durch ein Tal, das sich mal lieblich weitet, mal zu romantischen Schluchten verengt. Nirgendwo sonst in Nordrhein- Westfalen drängen sich Großstadt und wild wirkende Natur auf so engem Raum ineinander wie im Bergischen Land, nirgendwo sonst ist Industrie so aus den Wäldern entstanden wie hier. Wie in den schmalen Tälern ringsum stößt man auch im Eschbachtal beim Wandern immer wieder auf die Zeugnisse früher Eisenbearbeitung; während das benachbarte Ruhrgebiet erst im 19. Jahrhundert zur Industrieregion aufstieg, besitzt das Bergische Land eine jahrhundertealte Gewerbetradition, die, neben der Textilherstellung, vor allem Metall verarbeitete. Denn hier fand sich Eisenerz, boten die Wälder Holzkohle, lieferten die zahlreichen Bäche Wasserkraft.

Erste Zeugnisse Eisen verarbeitenden Handwerks lassen sich im Bergischen bis ins 10.Jahrhundert zurückverfolgen, das erste Privileg für Solinger Klingen wurde 1401 vergeben, und ab dem 17. Jahrhundert dröhnte auch im stillen Eschbachtal der Gewerbelärm.

Längst sind die wasserradgetriebenen Hämmer, die Schleifkotten, Schmieden, Mühlen und Feilenfabriken nur noch Zeugnisse fleißiger Vergangenheit, deren Reste man auf industriegeschichtlichen Pfaden bestaunen kann. Seit kurzem, und nur bis zum Herbst, begegnen dem Wanderer im stillen Eschbachtal darüber hinaus Zeugnisse ganz anderen Fleißes: Kunstwerke, die Wald, Bach und Gewerbe einfallsreich kommentieren.

Vor dem alten Johanneshammer beispielsweise, wo 400 Jahre lang Sensen- und Feilenstahl geschmiedet wurde, liegen ein paar kleine ockergelbe Steintafeln im Gras, auf denen Erbaulich-Mahnendes über die Kraft und den Gleichmut des Wassers zu lesen steht – die Künstlerin Bianca Grzanowski hat sie dort sowie an anderen Orten des Tales abgelegt, kleine Male des Innehaltens. »In Strömen« nennt sich dieses Kunst-Projekt der Bergischen Expo, für das neun internationale Künstler auf einem sieben Kilometer langen Parcours Jetztzeitkommentare zur langen Vergangenheit geben.

Da hat Esther Polak dem längst verschwundenen Rad einer Mühle einen modernen Aluminiumnachfolger verpasst, der sich genauso lustig im stürzenden Wasser dreht.Die Energie, die er erzeugt, aber treibt keinen Hammer mehr, sondern liefert die Elektrik für einen Lautsprecher hoch oben im Baum, aus dem nun Geräusche und Stimmen herabregnen.

Da hat Stefanie Klingemann die Entstehungssage des Eschbachs erfunden, zünftig mit Königstochter, Leid und Erlösung, und die Geschichte im wanderwegstypischen Stil auf eine Holztafel gebracht, die einen Grillplatz ziert. Da hat Christian Hasucha den Grundriss seiner Berliner Wohnung als schwimmende Plattform auf einem Fischteich zu Wasser gelassen, um seinen Zimmerpflanzen eine Auszeit zu gönnen – da stehen sie nun auf hochgezogenen Fensterbänken und wetteifern mit dem Auenlandgrün. Während an den Stämmen hoher Tannen immer wieder Kuckucksuhren auszumachen sind, die – warte nur ein Weilchen – ihr naturverkitschendes Wohnzimmergeräusch in die echte Natur hinaus rufen. Eine Installation der Wuppertaler Künstlerin Diemut Schilling, die Natur und unsere Entfernung zu ihr in einen gelungen-ironischen Zusammenhang bringt. //

Bis 1. Oktober 2006; Vom Parkplatz Tyrol bis Heintjeshammer, Tyroler Straße, Remscheid; Tel.: 0202/75852-21; Weitere Kunstaktionen auf Wanderwegen sind »100wassertal« ebenfalls im Eschbachtal, »Flaschenpost« im Morsbachtal sowie »Felsenpoesie« am Erlebnisweg Wupper; www.regionale.de

Kulturgeschichte
07 / 2006

Wie man in den Wald ruft

Von: Ulrich Deuter


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