Stefanie Carp bei der Podiumsdiskussion "Freedom of Speech/Freiheit der Künste" am 18. August in der Turbinenhalle Bochum. Foto: Caroline Seidel/Ruhrtriennale

Debatte um Stefanie Carp

Wie sind die Diskussionen rund um die Intendantin der Ruhrtriennale einzuordnen? Ein Kommentar von Andreas Wilink.

Noch umgibt uns der Kunstraum. Obgleich die Kontroverse um die Ruhrtriennale glauben lässt, wir ständen in der politischen Kampfarena. Nach Ein- und Ausladungen, Zu- und Absagen, Vorwürfen, Protesten, Kundgebungen, offenen Briefen, Interviews und Stellungnahmen zur Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions), zu Antisemitismus, Israel-Boykott, zur Freiheit der Kunst und an einer zweiten Frontlinie zum Streit um »Umsiedlung«, »Bevölkerungstausch« oder Genozid an den Armeniern durch die Türkei. Auf Schuss folgt Gegenschuss. Für Momente des Innehaltens bleibt keine Zeit. Weil es jedoch um Kunst geht bzw. gehen sollte, ein Zitat von Hölderlin: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Resümiert man die aufgeladene Stimmung, die die Intendantin Stefanie Carp mit ihrem nicht souveränen, nicht professionellen Handhaben der Krise ausgelöst hat, müsste der Satz umgewandelt werden: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettungslose auch. 

Auch der Freiraum der Kunst hat Grenzen
Wer dezidiert ein politisches Festival programmiert und Kunst als Mittel politischer Aufklärung versteht, ist in der Pflicht, dieses Terrain akribisch zu sondieren und das Verhältnis zwischen Werk des Künstlers und Position des Künstlers außerhalb seines Werks besonders aufmerksam zu betrachten. Wer nicht spürt, dass es, jenseits von Semantik, zu recht Tabuzonen gibt (das Existenzrecht Israels ist eine solche im Sinne der deutschen »Staatsräson«), die das, was Carp »Differenzen aushalten« nennt, unmöglich machen, hat etwas im öffentlichen Diskurs nicht begriffen. Auch nicht die moralische Dimension. Das mag naiv, gutgläubig, ahnungslos, beratungsresistent sein... Aber auch der Freiraum der Kunst ist eben nicht grenzenlos.
 

Produktives Auseinandersetzen jedenfalls findet nicht mehr statt. Man darf sogar bedauern, dass das eindeutige Ablehnen der vor allem im britischen Kulturbereich einflussreichen Netzwerk-Kampagne, die erpresserisch Druck erzeugt, die Künste instrumentalisiert und den Boykott gegen Israel propagiert, wobei für uns die perfide Aufforderung »Kauft nicht bei Juden« nachhallt, seinerseits das NRW-Festival mit Besuchs-Verweigerung abstraft. Das ist unschön, aber womöglich zwangsläufig. Kaum vorstellbar, dass jemand heil aus dem Desaster her- vorgeht: nicht Carp; nicht die Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen mit ihrem Zögern, ob oder ob sie nicht zur Festival-Eröffnung anwesend sein sollte, nachdem sie die Beteiligung der Band Young Fathers als BDS-Sympathisanten im Konzertprogramm scharf missbilligt hatte und die konstatiert »BDS light gibt es nicht«. Nicht Ministerpräsident Laschet, der seine Teilnahme an der vom Land NRW getragenen Ruhrtriennale absagte und den Christoph Marthaler bat, sein falsches »Zeichen« zurückzunehmen. Vielfach geht es auch um Gesichtswahrung. Nüchtern formuliert, liegt ein gestörtes Vertrauensverhältnis zwischen Intendanz und Landesregierung vor. Ist da die Konsequenz nicht offenkundig? Wird sie vermieden aus Furcht vor einem Vakuum für das Festival?

Podiumsdiskussion in Bochum
Wer kein Unwohlsein angesichts der Gemengelage verspürt, hat (zu) wenig Selbstzweifel. Dass auch unser
einer überfordert ist, um Positionen von Pro und Contra BDS exakt zu sortieren (wer mit linken, nicht national gesonnenen Israelis spricht, wird sehr komplexe Antworten hören), dass man ästhetische Kategorien einpacken kann, macht es nicht einfacher. Das erwies auch die von Norbert Lammert moderierte Podiumsdiskussion vom 18. August, in der mehrfach von Carps »Fehlern« gesprochen wurde, auch von ihr selbst. Die zeigte, dass der Versuch, eine gemeinsame Sprache oder zumindest Sprachregelung zu finden zwischen Carp und der Landesregierung, nicht sehr erfolgversprechend scheint. Zeigte ebenso, dass die schreiende Angst-Wut der BDS- und Carp-Gegner im Publikum Dialog total ausschließt. 

Zwar kann ich sehr wohl beurteilen, dass Kentridges afrikanisches Selbstermächtigungs-Requiem »The Head and the Load« und Marthalers »Universe, Incomplete« höchste künstlerische Qualität besitzen, auch ohne alle Codes zu knacken. Hingegen bin ich kein Experte, um in dem diffizilen Kontext, der hier als Problemfall explodierte, jede Motivation, Ambivalenz und Volte, jedes taktische Verhalten und Agieren aus dem Vorder- oder Hintergrund zu beurteilen. »Nichts ist sicher«, schreibt Stefanie Carp im Vorwort zum Programmbuch ihrer ersten Ruhrtriennale-Saison. Ja, das ist die Krux.  

Kulturpolitik
08 / 2018

Debatte um Stefanie Carp

Von: Andreas Wilink


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