Der Heine-Preis wird nicht an Peter Handke verliehen

Chronik einer Komik, Protokoll einer Peinlichkeit

23. Mai: Die Jury des Heinrich-Heine-Preises kündigt an, dass sie auf Vorschlag von Sigrid Löffler die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung an Peter Handke verleihen will. Dass mit dieser Entscheidung weniger der Schriftsteller, als der Jugoslawien-Polemiker Handke geehrt werden soll, erhellt die Begründung des Votums: »Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale.« Damit steht fest, dass es ein öffentliches Spektakel geben wird. Auch erhofft sich der Vorsitzende der Jury, der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU), von der Preisentscheidung allen Ernstes »eine Debatte darüber, welche Rolle der vom Haager Gerichtshof nicht verurteilte Milosevic im Balkan-Krieg gespielt hat«. Handke, der nach den Anfeindungen gegen ihn seiner Haltung im Jugoslawienkrieg wegen erklärt hatte, nie mehr einen Preis akzeptieren zu wollen, nimmt den Heine-Preis an.

In den folgenden Tagen trifft die Entscheidung der Jury auf geteilte Reaktionen und insbesondere in Düsseldorf auf Kritik. Handkes literarisches Schaffen wird einmütig anerkannt, seine politische Haltung während des Balkankrieges ist jedoch umstritten. Dem Rat der Stadt wird nahe gelegt, in einer Abstimmung, die allerdings lt. Preissatzung gar nicht vorgesehen ist, dem Juryspruch die politische Bestätigung zu versagen. Denn Handke entspreche nicht den Anforderungen des Preises: Er soll Persönlichkeiten ehren, »die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten.« Die entsprechende Ratssitzung ist auf den 22. Juni terminiert. Juror Christoph Stölzl berichtet im Kölner Stadtanzeiger von einer »tief gespaltenen Jury«. Im Deutschlandradio Kultur macht er entgegen allen Gepflogenheiten sein Votum öffentlich: »Handke war nicht mein Kandidat«. Die Jury-Mitglieder Julius H. Schoeps und Marit von Ahlefeld, Ratsvertreterin der Grünen, verstärken die sich abzeichnende Polarisierung und distanzieren sich gleichfalls von der Mehrheitsentscheidung ihrer eigenen Jury. Die Wahl war mit zwölf gegen fünf Stimmen auf Handke gefallen.

28. Mai: NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) bemerkt, dass die Stimmung umschlägt, und kritisiert Vergabe des Preises an Handke.

29. Mai: Der Staatssekretär für Kultur und Leiter der Staatskanzlei NRW, Hans Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU), der als stimmberechtigtes Mitglied weder an der Jury-Sitzung teilgenommen noch einen Vertreter geschickt hatte, erklärt, dass er Handke für nicht preiswürdig halte. Handke engagiere sich für den serbischen Diktator Milosevic und relativiere den Holocaust. Seine Nicht-Teilnahme an der Sitzung begründet er sachfremd, nämlich mit der »nachhaltig fehlenden Bereitschaft des Oberbürgermeisters (...), mit dem Land partnerschaftlich zusammen zu arbeiten.«

Günter Kunert, der den Heine-Preis 1985 erhalten hatte, zieht im Deutschlandradio Kultur in Erwägung, den Heine-Preis zurückzugeben. Heine habe durch Handke »ein paar schwarze Flecken bekommen«. 30. Mai: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erwidert Handke einem dort erschienen Kommentar, um »einige Richtigstellungen zu den der Zeitung unterlaufenen Irrtümern zu versuchen«. Er erklärt, nie »eins der Massaker in den Jugoslawienkriegen 1991–95 geleugnet, oder abgeschwächt, oder verharmlost, oder gar gebilligt zu haben.« Auch sei nirgendwo bei ihm nachzulesen, dass er Milosevic als ein oder das Opfer bezeichnet habe. Hingegen habe er sich »anläßlich des okzidentalen Diktats gegen Jugoslawien von Rambouillet« im Februar 1999 »vor der Kamera des Belgrader Fernsehens verhaspelt, wobei herauskam, in meinem Französisch, die Serben seien noch größere Opfer als die Juden«. Dies habe er öffentlich schriftlich korrigiert. Die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Düsseldorfer Stadtrat teilen mit, dass sie die Vergabe des Preises an Handke verhindern wollen. Auch in der CDU-Fraktion ist eine Mehrheit für Handke fraglich. Die Schriftsteller Robert Menasse, Marlene Streeruwitz und später auch die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verwahren sich dagegen, dass Stadtpolitiker die von der unabhängigen Jury getroffene Entscheidung aufheben wollen. Streeruwitz bezeichnet dies als »das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, das Ende der Aufklärung.«

31. Mai: Gegenüber der tageszeitung erklärt der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Oliver Keymis, man beschädigte Preis und Schriftsteller, wenn der Rat der Stadt die Entscheidung der Jury rückgängig mache. Auf die Frage, ob die Grünen im Stadtparlament gegen die Preisvergabe stimmen werden, sagt er: »Das grüne Mitglied in der Jury hatte sich ja schon vorher gegen Handke entschieden, das ist also konsequent. Eine andere Frage ist, ob der Rückholbeschluss politisch in Ordnung ist.« Die Frage, ob eine solche Haltung nicht schizophren sei, stellt die tageszeitung nicht. 1. Juni: Handke nimmt in der Süddeutschen Zeitung zu den Vorwürfen gegen seine proserbische Position Stellung und erklärt, warum er zur Beerdigung Milosevics nach Pozarevac gereist sei und dort eine »Mini-Rede« gehalten habe. Nicht die Loyalität zu Milosevic habe ihn dazu veranlasst, sondern sein Wunsch nach Sprachkritik am offenen Grabe: nämlich seine Wut auf die veröffentlichte, Milosevic-kritische Sprache und seine Loyalität zu »jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache«. Der Düsseldorfer Kulturausschuss spricht sich für eine Denk- und Gesinnnungspause aus. Kulturdezernent Hans-Georg Loher zufolge habe es noch keine ernsthafte Debatte um den Autor Handke gegeben. 1. Juni: Botho Strauß ergreift in der FAZ einerseits Partei für Handke, stellt ihn andererseits in eine Reihe mit dem Mussolini-Sympathisanten Ezra Pound, mit Carl Schmitt, dem Kronjuristen des Dritten Reichs, sowie mit dem NS-Sympathisanten Martin Heidegger.

2. Juni: Die Jury-Mitglieder Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefèbvre erklären ihren Austritt aus der Heine-Preis-Jury: »Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren beruft und sie dann politisch desavouiert, können wir nicht mehr zur Verfügung stehen.« An die sich auf die Bestimmungen des Preises berufenden Kritikern adressieren sie: »Keinem einzigen der Ausgezeichneten wurde der Heine-Preis zugesprochen, weil er oder sie, wie es in den Statuten heißt, ›den sozialen und politischen Fortschritt gefördert‹ oder ›der Völkerverständigung gedient‹ hätten. Vielmehr wurden sie alle ausdrücklich für ihr literarisches Werk ›im Sinne Heinrich Heines‹ geehrt.« Vorherige Preisträger waren allerdings keineswegs nur Schriftsteller, sondern auch Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker oder Sebastian Haffner.

6. Juni: Es zeichnet sich ab, dass womöglich gar keine juristische Grundlage existiert, die dem Düsseldorfer Stadtrat erlaubte, die Entscheidung der Jury anzufechten. Ein Sprecher der Stadt Düsseldorf kündigt an, es werde in der Frage Handke keine eindeutigen Rats- Mehrheiten und keinen Fraktionszwang geben.

8. Juni: Ein auf den 2. Juni datierter Brief Handkes an OB Joachim Erwin wird bekannt, in dem Handke auf den Preis verzichtet, auch um sich bzw. »dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person« und seinem Werk, »welches ich nicht wieder und wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte«, die Ratssitzung zu ersparen. Joachim Erwin wiederum antwortet Handke am 7. Juni im Stil der jugoslawischen Freiheitskämpfer, die Handke so verehrt: »Kein Picknick für Hasenfüße (…). Kein Pardon für solche, die mit großen Brocken hoffen, medienwirksam Löcher einzuebnen (…). Lieber Peter Handke, ich bin tief betroffen und verärgert über die unglaublichen Geschehnisse. Welch eine Chance wurde vertan in der zweifelhaften Manier, um jeden Preis und alles in der Welt politically correct dazustehen. (...) Offenbar fehlt es den meisten an Schneid, die Auseinandersetzung mit einer literarischen Sprache zu suchen, die mit Gewinn wagt, vieldeutig aufzutreten, um Schlaglichter aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit zu werfen. (…) Grüßen Sie Heine, wenn Sie sein Grab besuchen.« Erwin verkündet, dass der Heine-Preis 2006 nicht vergeben wird. Handke bedauert, seine für die Preisverleihung geplante Rede zum Verhältnis von journalistischer und literarischer Sprache nun nicht halten zu können. Warum er dieses Desiderat nicht längst schon erfüllt hat, schreibt Handke nicht.

12. Juni: Die Berliner Akademie der Künste kündigt eine Diskussionsveranstaltung zur gescheiterten Vergabe des Heine-Preises an. Die Meinungen zum Kasus gehen laut Akademie-Präsident Klaus Staeck innerhalb der Organisation weit auseinander.

17. Juni: In einem langen Interview in der „Neuen Zürcher Zeitung“ bekennt sich Handke erneut in einer Mischung aus Moralisieren und Ratlosigkeit, sich dumm Stellen und Aggression, kritiklos-unbeirrbarer Serbien-Verehrung und Kritik an der Schwarz-Weiß-Malerei gleichgeschalteter Medien als Jugoslawien-Verehrer, der tief gekränkt ist durch dessen bösartig von außen herbeigeführten Zerfall. Wieder folgt Handke seiner schon zuvor erprobten Strategie zu erklären, dass das, was er nie gesagt habe, immer richtig war. Erneut stellt er Milosevic, aber auch dessen General Mladic ein Unschuldszeugnis aus, erneut relativiert der das Massaker von Srebrenica – eine Ohrfeige ins Gesicht seiner treuen Verteidiger. Aber die Karawane ist schon weiter gezogen, niemand regt sich mehr auf. Die Fußballweltmeisterschaft hat begonnen.

17. Juni: In Berlin rufen der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, die Schauspieler Käthe Reichel, Rolf Becker und andere eine Initiative zur Verleihung eines »Berliner Heinrich-Heine- Preises für Peter Handke« ins Leben. Die Gruppe behauptet, die Haltung des Düsseldorfer Stadtrates sei ein »Angriff auf die Freiheit der Kunst« und kündigt an, Spenden für die Finanzierung des Preisgeldes in Höhe von 50.000 Euro einzusammeln. Ob der Preis einmalig bleiben soll, ist unbekannt. Ebenso, ob die Initiative einen Anspruch von Künstlern auf Preise gesetzlich verankern will.

22. Juni: Handke sieht endlich ein, dass er schneller ziehen muss, und lehnt den Berliner Heine-Preis ab, noch bevor er auf der Welt ist. ANK/UDE

Kulturpolitik
07 / 2006

Der Heine-Preis wird nicht an Peter Handke verliehen


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