Die Moschee in Essen-Katernberg. Foto © Liebthal/ PIXELIO

Gespräch und Gewöhnung

Hoffnung für den Kölner Moscheestreit: Auch woanders gab es Gezänk ums Minarett. Heute herrscht weitgehend Frieden.

//   Köln, Frankfurt, Berlin, München, Bad Salzuflen – wo immer in Deutschland eine Moschee gebaut wird, gibt es Ärger. Auch in Duisburg gab es den, ehe das »Wunder von Marxloh« aus der Taufe gehoben wurde: wütende Proteste gegen ein Minarett und die zu erwartenden Gebetsrufe des Muezzin. Ärger gab es auch im Zollverein-Stadtteil Essen-Katernberg, als dort eine Moschee entstehen sollte, die ebenfalls eine DITIB-Moschee ist und jener in Duisburg ein wenig ähnlich ist.

Zuvor war die Moschee der Gemeinde so gewesen, wie es Deutsche offenbar ohne Pein ertragen können: Zwar mittendrin im Stadtviertel, doch unauffällig; ein Gebetsraum im Hinterhof, nah bei der Tankstelle. Doch 1995 brannte dieses Provisorium ab. Ein Anschlag, der nie aufgeklärt wurde. Michael Preis, seit 1981 in Ehren ergrauter Moderator des bürgernahen Katernberger Stadtteilprojekts, ist aber sicher, dass es kein fremdenfeindlicher Anschlag aus dem Viertel heraus war – so gut meint er seine Katernberger denn doch zu kennen. Das Resultat hätte rechte Zündler wohl auch sehr enttäuscht, denn nun wollte der »Verein Türkische Moschee Essen-Katernberg« eine neue, eine erst recht richtige Moschee bauen. Mit Minarett. Und das gab, wie überall sonst, Ärger.

Es sei wohl der Schritt weg vom Provisorium, meint Michael Preis, der die Gemüter errege. Angesichts der improvisierten Hinterhof-Moscheen könne man an der deutschen Lebenslüge von den »Gastarbeitern« gut festhalten: »Vielleicht wach’ ich morgen auf, und die Türken sind alle weg.« Wenn die aber eine richtige, sichtbare Moschee bauten, dann platze der Traum, dann werde eben überdeutlich: »Die bleiben ja hier!« Und wie anderswo hob auch in Katernberg das übliche Lamento an. Über die Verletzung ihrer religiösen Gefühle klagten selbst Leute, sagt Preis, »von denen ich nie vermutet hatte, dass sie welche haben.« Es kam der übliche Kanon von Argumenten einschließlich der Warnung vorm Parkplatz-Chaos, weil doch zu dieser neuen, großen Moschee Leute von überallher kommen würden.

Keineswegs. Die Moschee war für die eigene Gemeinde gedacht und sollte weiterhin zentral liegen, damit Katernberger Türken zu Fuß hingehen konnten. Ein Neubau an alter Stelle scheiterte, weil er einen kleinen Eingriff in das Grüngebiet bedeutet hätte, auf das die örtliche SPD sehr stolz war. Es fand sich schließlich ein Grundstück knapp außerhalb des Ortskerns, jenseits einer Werksbahn, nicht weit von alten Bergarbeiterhäuschen. Immerhin, sagt Moderator Preis, eine der ersten deutschen Moscheen, die nicht in einem Gewerbegebiet entstanden.

Und dann wurde drüber geredet in Katernberg. Sie reden über alles in diesem »Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf«, seit dort 1984 das »stadtteilbezogene Projekt« von Stadt, Universität, Arbeiterwohlfahrt und evangelischer Kirchengemeinde ins Leben gerufen wurde. Von der großen Runde »Katernberg Konferenz« bis zum Nachbarschaftstreff wurde da ein Netzwerk des Miteinander-Redens entwickelt. Als nun der geplante Moscheebau zum Kristallisationspunkt unterschwellig überlebender Ressentiments zu werden drohte, machten die Quartiersmanager die Diskussion auf allen erdenklichen Ebenen öffentlich – bis alles gesagt war und eine breite Koalition einschließlich lokaler SPD, CDU und der katholischen Gemeinden den Plan unterstützte.

Die Moschee an der Schalker Straße nach Gelsenkirchen wurde gebaut – und seitdem »ist das Thema abgehakt«, sagt Michael Preis, so sehr abgehakt, dass die anfänglichen Probleme in seiner Erinnerung schon weitgehend verblasst sind. Die steht sie nun, die Moschee. Ihre Ziegelwände nehmen durchaus Bezug auf die typischen Zechen- und Wohnhäuser nebenan. Doch sie hat eine Kuppel, Halbmonde und ein 30 Meter hohes Minarett – und kein Hahn kräht mehr danach, zumal auch kein Muezzin ruft. Dass sich anderswo der Streit immer wieder am Minarett entzündet, das für Türken – ohne theologische Grundlage – zur Moschee gehört wie für Deutsche Turm und Wetterhahn zu einer anständigen Kirche, das findet der Katernberger Moderator gar nicht so überraschend. Schließlich habe man vor über hundert Jahren auch bei den himmelstrebenden Türmen der beiden Katernberger Kirchen streng darauf geachtet, dass eine Konfession die andere nicht um ungebührlich viele Meter überragte.   //

Kulturpolitik
10 / 2008

Gespräch und Gewöhnung

Von: Martin Kuhna


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