Niederländisch-belgisch verwurzelt: Inez Boogaarts. Foto: Yuriy Ogarkov

»Immer nah an der Grenze«

Am 13. Juni veranstaltet k.west mit dem KULTURsekretariat NRW eine Diskussion zur Internationalität. An einem besonderen Ort: der Zukunftsakademie.

INTERVIEW HONKE RAMBOW

k.west: Frau Boogaarts, wie findet sich der Titel »International ist überall – Die ganze Welt vor der Haustür« bei Ihnen ganz persönlich?
BOOGAARTS: Erst einmal ganz klar, ich bin Niederländerin oder besser Rotterdamerin und arbeite hier in Nordrhein-Westfalen; meine Mutter kommt aus Belgien. Und auch wenn sich das zunächst nicht so interkulturell anhört, als meine Mutter nach Rotterdam kam, sprach sie kein Niederländisch. Es war zu Beginn der 60er Jahre eine riesige Herausforderung, sich ohne Sprachkenntnisse durchzuschlagen, was ich mit durchlebt habe. Für mich vermischt sich ständig das Internationale und Interkulturelle, obwohl ich von außen betrachtet gar nicht typisch interkulturell bin. Aber ich war immer schon davon fasziniert. Habe beim Niederländischen Generalkonsulat in Düsseldorf als Kulturattachée gearbeitet. Deshalb hat mich die Möglichkeit interessiert, an der Zukunftsakademie diese Ebenen internationalen Austauschs weiter zusammen zu führen. 

k.west: Muss man die  Begriffe interkulturell und international scharf trennen?
BOOGAARTS: Ich würde für mich nie den Begriff interkulturell benutzen. Das hat vielleicht auch mit der niederländischen Perspektive zu tun, in der es eher um Diversität geht. Natürlich sind mir die Unterschiede der Begrifflichkeiten bewusst, aber Interkulturalität ist nicht mein Lieblings-Terminus. Wenn man allerdings von der Praxis des etablierten oder traditionellen Kulturbetriebs her schaut, sind das ganz getrennte Bereiche. Bei etwas globalerer Sichtweise sieht man, dass die Begriffe verschwimmen.

k.west: Bezogen auf den Kulturbetrieb, wo funktioniert da Internationalität und Interkulturalität, wo ist was zu tun?
BOOGAARTS: In beiden Bereichen. Aus meiner Perspektive in NRW: Es gibt sehr viele Institutionen, die sehr international unterwegs sind, sei es selbst im Ausland oder indem sie das Ausland herholen, als Gast, mit einer Ausstellung, sehr gezielt und fokussiert. Es gibt auf der Projektebene auch den ganz selbstverständlichen Austausch. Und es gibt Kultureinrichtungen, die den Austausch nur gelegentlich betreiben. Ich beobachte da drei Geschwindigkeitsstufen. 

k.west: Unterscheiden sich darin die Niederlande und Deutschland? 
BOOGAARTS: Da gibt es einen sichtbaren Unterschied zwischen den Niederlanden und NRW. In den Niederlanden muss international gearbeitet werden, weil das Land so klein ist. Man ist immer buchstäblich nah an der Grenze. Wer unabhängig als Künstler arbeitet, muss über die Grenze schauen, um sein Produkt zu verkaufen und ein größeres Publikum zu finden. In Deutschland gab es bis vor zehn, fünfzehn Jahren gar keinen Druck dafür. Das Land ist riesig, wenn wir noch Österreich und die Schweiz als deutschsprachigen Raum dazunehmen, reden wir über 100 Millionen potenzieller Rezipienten, die einfach da sind. Da besteht zunächst keine Notwendigkeit, nach außen zu gehen. Heute ist zu sehen, dass sich daran etwas ändert, insbesondere in NRW, das zum Dreieck Niederlande, Belgien, Luxemburg und auch noch nahe zu Frankreich liegt. Deshalb ist hier das internationale Interesse wesentlich gewachsen, mehr als vielleicht in anderen Regionen Deutschlands. Allerdings ist der Antrieb ein anderer, viel mehr ein ästhetisches Interesse als eine Marktnotwendigkeit. 

k.west: Und wenn wir über Interkulturalität oder Diversität sprechen?
BOOGAARTS: Da muss man sagen, die Gesellschaft hier und auch anderswo hat sich geändert. Bzw. der Wandel ist längst da. Besonders in Nordrhein-Westfalen. Ich finde, man spürt, dass das wahrgenommen wird, aber die Umsetzung in der täglichen Arbeit der Kulturinstitutionen ist ausbaufähig, ganz direkt im Bereich Kommunikation, Marketing, Publikums- und Programmentwicklung. Da liegt der Kulturbetrieb noch etwas zurück gegenüber anderen Wirtschaftszweigen und gesellschaftlichen Bereichen, wo die Entwicklung wesentlich rasanter verläuft. Erstaunlich, weil der Kulturbetrieb für sich in Anspruch nimmt, besonders innovativ zu sein. 

k.west: Gilt das für den gesamten Kultur-Sektor? 
BOOGAARTS: Ich beobachte, dass die freie Szene schon weiter ist, weil dort der Druck höher ist. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema, die dort stattfindet, strahlt nun auch auf die etablierten Kulturbereiche ab.

k.west: Wo und in welchen Genres sehen Sie Defizite?
BOOGAARTS: Ich möchte nicht von Defiziten sprechen, weil das zu sehr nach Problem klingt. Wir sprechen von Chancen, auch wenn das ebenfalls ein etwas abgegriffener Begriff ist, weil alles eine Chance ist. Aber ich sehe es wirklich als Chance. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die in der Vergangenheit einfach nicht richtig wahrgenommen wurden. Das Publikum wird immer älter, aber man hat übersehen, dass es in der Gesellschaft längst Gruppen gibt, die gar nicht erreicht werden und zu einer Verjüngung beitragen könnten. Dafür müsste sich einerseits die Kommunikation verändern, aber auch das Angebot. Es gibt ein Beispiel aus England, wo ein mittelgroßes Museum feststellte, dass sich in der Stadt eine große afrikanische Community gebildet hat und daraufhin in der Sammlung forschte, ob afrikanische Kunst vorhanden sei oder solche, die sich mit Afrika beschäftigt; man stellte fest, dass die Bestände viel hergeben, hatte es bloß übersehen. Daraus resultierte ein kuratorisches Umdenken. Es geht also nicht darum, alles ganz anders zu machen. Manche Ansätze, etwa Gastspiele oder spezielle Ausstellungen, sind nur eine Übergangsphase. Der Umdenkprozess kann bei der Kernqualität ansetzen und bei der Frage, was hätten wir denn vielleicht den neuen Publikumsschichten anzubieten. Man muss nur an der Vermittlung arbeiten. 

k.west: Nennen Sie noch ein konkretes Beispiel…
BOOGAARTS: Eines ist sicher der Jugendbereich. Da haben die Institutionen irgendwann HipHop entdeckt und gedacht, das ist es jetzt. Du bist also jung und zufällig schwarz oder türkischer Herkunft und musst dich mit HipHop auseinandersetzen, obwohl du vielleicht HipHop hasst. Das ist ein Riesenproblem, wenn plötzlich Institutionen glauben, dass mit dem Aspekt alles erledigt sei und man der Zielgruppe jetzt ja etwas anbiete. Punkt. So einfach ist es aber nicht. Der Versuch ist gut, aber es darf nicht aufgehört werden, weiter zu denken. 

13. Juni, 18.30 Uhr: »International ist überall – Die ganze Welt vor der Haustür«; eine Veranstaltung von k.west und KULTURsekretariat NRW; 

Teilnehmer des Podiums: Kirsten Ben Haddou (Silent University Ruhr), Inez Boogaarts (Zukunftsakademie NRW), Christian Esch (NRWKS), Elke Moltrecht (Akademie der Künste der Welt, Köln), Simone Dede Ayivi (Regisseurin); Moderation: Michael Köhler. WDR 3 / Forum zeichnet die Veranstaltung auf und sendet sie an einem der folgenden Sonntage um 19.05 Uhr.

Kulturpolitik
06 / 2017

»Immer nah an der Grenze«

Von: Honke Rambow


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