Inke Arns ist Direktorin des Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U und Teil der Programmgruppe, die die diesjährige Kulturkonferenz Ruhr konzipiert hat. Foto: Frank Vinken

»Man muss nicht alles rigoros digitalisieren.«

Wie verändert die Digitalisierung die Kultur? Drei Fragen an Inke Arns, die am 13. September das Programm der Kulturkonferenz Ruhr mitverantwortet.

Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine hat im Ruhrgebiet eine gewisse Tradition. Doch nun definiert der digitale Wandel das Verhältnis völlig neu. Zeit also, um mit Kunst- und Kulturschaffenden über das Thema nachzudenken und zu diskutieren – bei der Kulturkonferenz am 13. September zwischen 10 und 17 Uhr im Dortmunder U. Drei Fragen an Inke Arns, die als Leiterin des Hartware MedienKunstVereins das Programm mitverantwortet.

kultur.west: Frau Arns, die Kulturkonferenz Ruhr steht unter dem Motto »Digitaler Wandel – Kulturelle Potenziale von Technologie«. Das klingt optimistisch – oder sind nicht auch Zweifel am digitalen Wandel angebracht?

ARNS: Sowohl als auch. Das wird auch im Programm dieser Kulturkonferenz deutlich. Dass es sowohl um diese »Versprechen« geht, aber eben auch um die Realitäten. Das Interessante ist momentan, dass selbst die Leute, die in den 90er Jahren noch total von den utopischen Potenzialen der Technologie begeistert waren, heute auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Weil die Vernetzung von allem und jedem natürlich auch bedeutet, dass sich wirklich alles und jeder vernetzt. Es ist einerseits positiv, dass man sich weltweit mit Gleichgesinnten vernetzen kann. Aber man konnte sich damals noch nicht vorstellen, was für mächtige – durchaus auch negative – Gegenöffentlichkeiten da entstehen. Denken sie an die Allgegenwärtigkeit von Hasskommentaren, an die Radikalisierung durch den Youtube-Vorschlagsalgorithmus oder an die gezielte Wahlkampfwerbung durch Cambridge Analytica seit 2015, mit den Folgen Trump und Brexit. Ich denke, man muss nicht alles rigoros digitalisieren, sondern sollte sich gut überlegen, wieso man das macht, für wen und warum. Wichtig ist, ein Konzept zu haben und nicht sinnentleert alles auf Monitore oder Tablets zu packen.

kultur.west: Ein Panel beschäftigt sich mit dem Thema »Ethische und praktische Herausforderungen«. Das geht weit über die reine Technologie hinaus.

ARNS: Unbedingt! Um solche kulturellen Potenziale geht es. Technologie ist nichts »Naturgegebenes«, ganz im Gegenteil: sie wird von Menschen gemacht. Stichwort: Künstliche Intelligenz (KI). Wir können heute in KI-Systemen die Existenz sogenannter »algorithmischer Vorurteile« beobachten. Ich ziehe es vor, von Mustererkennung zu sprechen, denn das System sucht nach bestimmten Mustern in großen Datenmengen. Die Entscheidungen, die die KI dann auf dieser Basis trifft, sind nicht objektiv, vielmehr spuckt sie die Entscheidungen ihrer Programmierer aus. Technologie ist nie neutral. Frank Schirrmacher hat mal gesagt: »Technologien sind gewaltigere Ideologien als politische.« Deswegen muss man immer fragen, wessen Interessen mit dieser Technologie bedient werden? Nicht nur die Politiker müssen verstehen, was das für Systeme sind. Da sind auch wir als Kulturschaffende gefordert.

kultur.west: »Digitale Souveränität und kulturelle Bildung« ist ein weiteres Panel-Thema. Müssen diese Souveränität nicht nur die Macher haben, sondern auch die Besucher, die ins Theater, Konzert oder Museum gehen?

ARNS: Ja. Dort wird kulturelle Bildung ganz zentral. Digitale Souveränität darf auf keinen Fall nur auf die Macher*innen beschränkt bleiben! Ich habe das Gefühl, dass in der Bildung und den Schulen soviel wegbricht, was dann der Kultur angetragen wird, die das auffangen soll. Wichtig ist heutzutage, das zunehmend digitale Leben souverän leben und bewältigen zu können. Und dabei nicht fremdgesteuert zu sein. VKB

8. Kulturkonferenz Ruhr

Impulsvorträge mit Dirk von Gehlen und Francesca Bria, Podiumsdiskussionen und Themenpanels, Get Together im HMKV (Ausstellung: Der Alt-Right-Komplex)

13. September 2019, Dortmunder U

www.kulturkonferenz.rvr.ruhr

Kulturpolitik
09 / 2019

»Man muss nicht alles rigoros digitalisieren.«


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