Der Thomas/photocase

Stadt unter?

Es gibt wohlhabende Städte wie Düsseldorf oder das frisch entschuldete Langenfeld. Die meisten Städte aber sind arm, v. a. im Ruhrgebiet. Insgesamt 174 Gemeinden in NRW stecken in der Haushaltssicherung, 73 arbeiten mit einem Nothaushalt. Nach Oberhausen wird die Wirtschaftskrise wohl noch weitere Kommunen in die (rechtlich verbotene) Überschuldung reißen und damit in die Handlungsunfähigkeit – Mülheim, Duisburg, Hagen … Dann ist als erstes bedroht: die städtische Kultur. Als allererstes: das teure Theater. Stadt unter? Echte und gut geprobte Untergangsszenen sowie Rettungsrufe aus dem nordrhein-westfälischen Überschwemmungsgebiet.

Aus den Miesen

Mönchengladbach I: Rettung in letzter Sekunde?

//   Es ist ein bitterkalter Januartag, an dem das Theater Krefeld/Mönchengladbach sein Publikum darüber informieren will, was es künftig erwarten darf, wenn der Mönchengladbacher Stadtrat sich – anders als der Krefelder – weiterhin weigern sollte, einen Nachtragshaushalt von 485.000 € zu genehmigen. Im Foyer des Mönchengladbacher Hauses liegen Handzettel herum, die, so wird Generalintendant Jens Pesel später erklären, das um seine Zukunft besorgte Ensemble hastig produziert hat. »Verehrtes Publikum, die Lage des Theaters ist ernst!« steht darauf; und: »Wir wollen für Sie spielen – auch in Zukunft«.

Die Stadt Mönchengladbach mag zwar nicht viel Geld haben, doch hat sie genügend protestbereite Theatergänger, um das in seiner Existenz bedrohte Haus an diesem Abend bis auf wenige Plätze zu füllen. Die verfolgen zunächst ruhig, was der um Sachlichkeit bemühte Pesel zu sagen hat: dass die Unterfinanzierung aus einem in seiner Höhe nicht vorhersehbaren Tarifabschluss resultiere, dass es aufgrund gültiger Verträge kaum Sparpotenzial gebe und dass ein Verlustvortrag mittelfristig so wenig die Lösung wäre wie Haustarife. »Das Theater«, resümiert er, »hat überhaupt gar keine Stellhebel, um kurzfristig den notwendigen Betrag zu erwirtschaften.« Wenn man könnte, so ergänzt später Pesels Stellvertreter Christian Tombeil, müsste man schon die Ballettsparte schließen und dazu wahlweise die Hälfte des Musiktheaterensembles, ein Drittel der Schauspielerinnen und Schauspieler oder zehn Niederrheinische Sinfoniker entlassen. Das jedoch sei allein rechtlich unmöglich, so dass das Theater im Sommer 2009 in die Insolvenz gehen müsste.

Ob jemand Fragen habe? Nein. Was aber nicht heißt, dass es an diesem Abend keine Wortmeldung aus dem Parkett gegeben hätte. Von »ignoranten Kulturpolitikern« ist die Rede, von »Arroganz und Dummheit« und davon, dass man sich schäme, Bürgerin dieser Stadt zu sein. Wiederholt wird auch an eventuell im Saal zu-gegene Vertreter der FDP appelliert, doch bitte mal aufzustehen und Stellung zu nehmen. Hatten die doch zusammen mit den CDU-Räten gegen den Nachtragshaushalt gestimmt. Doch die FDP war, genauso wie die CDU, an diesem Abend geschlossen verhindert. Das war wohl auch besser so. Denn was als Informationsveranstaltung begann, wurde immer mehr zu einer Solidaritätsbekundung. Irgendwann meldete sich dann eine ältere Dame mit der Bitte zu Wort, man möge nun im Publikum endlich eine Aktion beschließen.

Viel wichtiger aber ist natürlich ein anderes Votum: Am 4. Februar, so ist aus Mönchengladbach zu hören, wird der Rat den Nachtragshaushalt vermutlich doch noch genehmigen. Unter der Bedingung, dass das Theater spart. Statt der für die kommende Saison angesetzten 25.172.000 € muss es dann mit 23.815.000 € auskommen. Allein der Gästeetat soll um 400.000 auf 500.000 € schrumpfen, während für die Bühnenausstattung statt 400.000 noch 150.000 € zur Verfügung stehen. Wie das gehen kann, wird man im Herbst sehen – auf der Bühne. Die wird dann nicht im sanierungsbedürftigen Stammhaus stehen, sondern in einer ehemaligen Bundeswehrhalle. Die Kosten dieser provisorischen Spielstätte belaufen sich übrigens auf mehr als 2 Millionen €. Laut eines Gutachtens ließe sich das alte Schauspielhaus an der Hindenburgstraße für 590.000 € übergangsweise nutzen. Doch dort ist anderes geplant: eine Einkaufsgalerie.   //   ANK

Auf dem Sprung

Mönchengladbach II: Kontinuität und kalkuliertes Wagnis  

//   Die Bedeutung eines Theaters ist ohne Zielgruppe und Umfeld nicht zu bewerten. Bei Theater-Ehen muss das erst recht schwierig werden. Gewiss unterscheiden sich die Seidenweberstadt Krefeld und das Fußball vernarrte Mönchengladbach nicht so krass wie das feine Düsseldorf und das raue Duisburg, die Partner der Rheinoper. Dennoch wollen auch am Niederrhein die jeweiligen Mentalitäten erkannt und bedient werden. Seit 1996 schafft Intendant Jens Pesel das vor allem mit künstlerischer Kontinuität, die sich, ohne anzubiedern, das kalkulierte Wagnis wohl dosiert. Die Zuschauer danken es beiden Instituten mit Treue und Aufgeschlossenheit. Das älteste deutsche Kooperationstheater bot stets auch eine Rampe, die große und weite Sprünge ermöglichte. John Dew erreichte mit Wagners »Ring«, dem »Tristan« und den »Meistersingern« – herkulische Anstrengungen für ein Doppelhaus dieses Formats – erstmals überregionale Beachtung. GMD Yakov Kreizberg startete von hier aus seinen Aufstieg, der ihn direkt an die Komische Oper Berlin führte. Auch heute fördert Pesel gezielt junge Regisseure und beweist dabei eine Spürnase. So ließ er den Regiewunderknaben Patrick Schlösser mit Massenets »Werther« dessen Opern-Debüt inszenieren. Insgesamt wird im Musiktheater ein vorzugsweise verschlankter, nüchterner Stil gepflegt, der sich nicht als kulinarisch versteht. Mehr als nur Lippenbekenntnis ist die konsequente Pflege des neuen und neuesten Musiktheaters. Vor Jahren machte eine spektakuläre Inszenierung von Ligetis »Grand Macabre« von sich reden. Uraufführungen erlauben ambitionierte Großprojekte, die überregional wahrgenommen werden, etwa Thomas Blomenkamps »Der Idiot« nach Dostojewski oder »Das Frauenorchester von Auschwitz« von Stefan Heucke, deren Premieren trotz kontroverser Aufnahme sogar in der New York Times ein Echo fanden. In der laufenden Spielzeit plant man eine Uraufführung von Sir Peter Maxwell Davies. Das Publikum übrigens straft gerade die Experimente nicht ab, sondern trägt sie stolz mit. Das Theater erfüllt seinen Auftrag also in jeder Hinsicht und ist zudem noch gut ausgelastet.   //   REM  

In der Wärmestube

Oberhausen I: Zwischen »Altweibersommer« und Winterschlussverkauf

//   »Scheiß drauf« röhren die beiden Männer in diversen Stimmlagen, um ihr Leben und ihre Nöte als Mann und Liebhaber, Gatte und Vater oder Single, eben als Alltagsmensch in einer Welt auszudrücken, die in einer riesigen Einkaufstüte steckt wie in einer erstickenden Plastikhülle. In A.L. Kennedys »Altweibersommer« sind Ehe und Familie abgetragen und ausgewaschen wie der Morgenrock der Hauptfigur Pat Reith. Das Theater Oberhausen und sein Intendant Peter Carp mischen bei der Uraufführung die Kleinformat-Komödie im Schottenmuster als »häusliches Musical« auf. Es ist, als wolle das gebeutelte Theater sich selbst, seinem Publikum – und bei der Premiere dem Kulturstaatssekretär bei dessen erstem Besuch am Will-Quadflieg-Platz in dieser Funktion – ein Planspiel vorführen: Der Plot und die schleppende Inszenierung treffen sich in der kuscheligen Aussage, dass die Ideale letztlich der schalen Wirklichkeit Stand halten, es wider alle Erwartung irgendwie schon wird und Probleme sich mit einer patenten Wendung auflösen (Oma mit Heidi-Kabel-Appeal als deux ex machina). Wo aber bei Kennedy das sweet home einer garstigen Kältekammer gleicht, sitzt man in Oberhausen in der aufgeheizten Wärmestube fürs Gemüt, während in guter Absicht satte zwei Stunden der Brückenschlag zwischen Parkett und Bühne unternommen wird. Der trübe »Altweibersommer« der Familie Reith träumt einen »Traum vom maßvollen Glück«.

Für das Theater, das dem Druck der kommunalen Verschuldung (mit mehr als 6.000 € der höchsten pro Kopf in NRW) ausgesetzt und innerhalb der Verschiebemasse von Haushaltsregulierungs-Maßnahmen ein Etatposten von vielen ist, hieße Glück schon, überhaupt demnächst noch da zu sein und der Schließung zu trotzen. Schon kursieren Modelle, die eine Theater-Ehe zwischen Oberhausen und Essen konstruieren. Und wieder sitzt der Kritiker in der moralischen Falle, einerseits einer Aufführung keinen Applaus zollen zu können, andererseits ein Plädoyer fürs Überleben des Theaters zu halten, das – jenseits ästhetischer Positionen – Akzeptanz hat, seinem Auftrag nachkommt, dem örtlichen Publikum ein Unterhaltungsprogramm und auch mal avanciertes Regietheater mit Herbert Fritsch und Jürgen Kruse zu bieten. Beim nationalen Kürlauf tut man bislang nicht mit, was in NRW momentan ohnehin nur das Schauspiel Köln leistet.

Wann endet die freiwillige Pflicht zur kulturellen Grundversorgung? Wer entscheidet darüber? Was bleibt, wenn nichts bleibt? Lassen sich soziale, ökonomische, kulturpolitische und künstlerische Argumente und Kriterien noch sauber trennen? Wer wollte über das Theater Oberhausen das Verdikt sprechen, wenn parallel das Bochumer Schauspielhaus und das Düsseldorfer mit ungleich höherer Ausstattung und im allgemeinen Bewusstsein gefestigter Reputation auch nicht mehr an Leistung hervorbringt? Kann der Kritiker ausscheren aus der kulturellen Solidargemeinschaft, deren unnatürliches Anhängsel er ist? Oder brauchen die Theater, braucht die subventionierte Kulturlandschaft ein neues Wozu?   //   AWI

Im Raumschiff

Oberhausen II: Wie es der Intendant sieht

//   Wenn er früher im Radio hörte ›Der Deutsche Städtetag fordert …‹, sagt Peter Carp, habe er meistens abgeschaltet. Das ist jetzt anders, seit er Oberhausens Theaterintendant ist und sich schon mal fühlt, als sei er »mit dem Raumschiff fehl gelandet«. Die Stadt sei schon sehr kleinbürgerlich geprägt, auch überaltert, und es gibt keine Hochschule mit jungen Leuten. Da muss man sehen, woher sich ein anderes Publikum rekrutiert. Wie geht Carp mit der Existenz gefährdenden Krise um? »Die Welle der Bedrohung ist so riesig, wie soll man sonst reagieren, als weiterzumachen?«. Und sich positionieren – schließlich sei in Nordrhein-Westfalen Theater für die Menschen »identitätsstiftend«. Bloß nicht in »dem Angstkorsett leben, dass jede Aufführung über Wohl und Wehe entscheidet«. Carp hat noch mal die Rechnung aufgemacht und angeboten, peu à peu bis 2012 aus seinem Acht-Millionen-Etat eine Einsparsumme von jährlich bis zu einer Million abzuknapsen. Auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein bei einem jährlichen Fehlbetrag der Kommune von 160 Millionen €. Eine Geste, die »uns gegenüber der Stadt hilft«, die aber der Stadt selbst kaum hilft. Das Haus dicht machen, das ginge so fix nicht, vier Millionen würden zunächst weiter fließen müssen, die 140 Mitarbeiter nicht mir nichts dir nichts von der Gehaltsliste verschwinden. Außerdem, was sollte mit der Immobilie geschehen?

Was jetzt? »Den Kommunen müsste vom Bund geholfen werden«, meint Carp, so wie Banken und Unternehmen gestützt werden. »Die Menschen leben doch hier. Sonst droht eine Gettoisierung, und es bleiben nur die übrig, die es nicht geschafft haben.«

Während Ruhr.2010 sich hochrüstet, auf die Carp zumindest Hoffnung setzt, was Kooperationen und den Abbau von Denkbarrieren angeht, während eine Region sich also den Metropolen-Status vormacht, stauen sich in den Niederungen des Reviers die Probleme. Nicht Prestige-Projekte und -Parolen der Kulturhauptstadt, sondern die Baustellen der A 40 sind Abbild der Wirklichkeit.    //   AWI

In der Vergeblichkeitsfalle

Oberhausen III: Was der Kämmerer sagt

//   Oberhausens Kämmerer Bernhard Elsemann, der sich zu Beginn der Neuintendanz des Theaters gleich ein Abo gekauft hat, vertritt – imponierend nüchtern und in klaren Worten – die praktische Vernunft. 1. »Es gibt objektive Unmöglichkeiten.« Deshalb müsse »das Mindestleistungs-Spektrum definiert« werden. »Denn unter Null kann man nicht gehen.« Kommunale Aufgaben seien nicht bloß juristisch und nach ihrer Freiwilligkeit zu bestimmen, sondern auch politisch, gesellschaftspolitisch und mit Blick auf langfristige Auswirkungen. 2. »Ich hasse den Krieg der Aufgaben.« Es bringe nichts, die Kultur gegen den Sport und das Soziale auszuspielen. 3. »Kommunale Selbstverwaltung ist eigentlich eine Worthülse.« Keine Ruhrgebietsstadt sei dauerhaft in der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. »Das Land wird sich was einfallen lassen müssen.« Was bedeutet dieses Statement nun für das Theater Oberhausen als Institution? Elsemann überlegt lange, bevor er antwortet: »Eine Variante wäre, den Kulturbaustein Theater zu einer Landesaufgabe zu machen, um eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten.« Was zunächst rein technokratisch formuliert sei, müsse sich natürlich noch auf die individuellen Gegebenheiten hin differenzieren. Land in Sicht!?    //   AWI

Notruf

Der Appell der armen Städte

//   Die Städte Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Gladbeck, Hagen, Hamm, Herne, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Recklinghausen, Remscheid, Solingen, Wesel, Witten, Wuppertal sowie der Regionalverband Ruhr haben Ende Dezember 2008 ein gemeinsames Memorandum »Wege aus der Schuldenfalle« verabschiedet, in dem sie zwar ihren Willen bekräftigen, selbst alles zu tun, um die Finanzkrise ihrer Gemeinden zu meistern. In dem sie jedoch noch dringlicher Hilfe von Bund und Land einfordern: »Es geht nicht ohne Hilfe von außen.« Die starke Konjunkturanfälligkeit der kommunalen Einnahmen mache eine verlässliche Planung unmöglich, die Belastung durch Sozialleistungen sei ständig gewachsen, aber nicht entsprechend vom Staat finanziert worden. Zudem höhle die Solidarpaktfinanzierung die Finanzbasis gerade strukturschwacher Städte immer weiter aus.

Daher fordern die Gemeinden neue Regelungen in der Finanzstruktur mit dem Ziel verlässlicher kommunaler Einnahmen sowie eine unabhängige Finanzaufsicht, diese dürfe nicht mehr »der verlängerte Arm des Landes« sein. Das Land sowie der Bund sollten den Kommunen vorrangig Hilfen zur Eigenkapitalsicherung und damit zur Sicherung ihrer Handlungsfähigkeit bereitstellen – die Landesregierung besitze hier einer Fürsorgepflicht gegenüber den Gemeinden. Auch müsse künftig das sogenannte Konnexitätsprinzip eingehalten werden, d. h. wer (bei den Kommunen) bestellt, bezahlt. Nicht zuletzt dürfe der Solidarbeitrag nicht länger »nach der Himmelsrichtung« fließen, sondern dorthin, wo er nötig sei. Das sei mittlerweile öfter im Westen der Fall als im Osten.    //   UDE

Therapie I: Handauflegen

Der Staatssekretär für Kultur, Hans Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU)

K.WEST: In überschuldeten Gemeinden wie Oberhausen oder Hagen sind Kulturinstitutionen, v. a. die Theater, in ihrer Existenz bedroht. Oberhausen ist eine dieser Städte – schon wurde ihr von der Kommunalaufsicht untersagt, ein Besucherzentrum im Rahmen der Ruhr.2010 zu unterhalten. Wie ist die Position der Landesregierung hierzu?

GROSSE-BROCKHOFF: Zunächst einmal ist dies in der Tat ein primäres Problem der Kommune. Aber da auch wir eine Verarmung der nordrhein-westfälischen Theaterszene sähen, wenn es das traditionsreiche Oberhausener Theater nicht mehr gäbe, gibt es nur eines: Gespräche, Gespräche, Gespräche, wie man es doch retten kann. Die Stadt Oberhausen hat sehr wohl Möglichkeiten, sich an anderer Stelle zu bewegen. Und so haben wir das Besucherzentrum nicht untersagt, sondern suchen nach wie vor nach einer Lösung, es doch noch zu ermöglichen. Immerhin haben wir den Ruhrgebietskommunen zusätzliche 10,6 Millionen € für die Durchführung von Kulturhauptstadtprojekten bewilligt.

K.WEST: In den letzten Wochen ist darüber debattiert worden, einigen Bühnen im Land eine besondere Förderung zukommen zu lassen. Neigt die Landesregierung dazu, eher künstlerisch besonders auffällige Theater zu unterstützen, oder finanziell besonders bedrohte?

GROSSE-BROCKHOFF: Es kann nicht richtig sein, die finanzielle Bedrohung zum Maßstab zu machen. Denn das würde nur dazu führen, dass viele Städte ihre Theater finanziell noch mehr als es ohnehin geschieht in Bedrängnis bringen würden. Ich plädiere daher für eine Differenzierung nach künstlerischer Qualität, ohne freilich den anderen Theatern etwas wegzunehmen.

K.WEST: Zusätzliche Förderung schreibt einen entsprechenden kommunalen Zuschuss vor, den Kommunen mit Nothaushalt aber nicht aufbringen können. Ein Teufelskreis.

GROSSE-BROCKHOFF: Ich bin sicher, dass es jeder Kommune für den Fall, dass ihr Theater anhand seiner künstlerischen Qualität eine zusätzliche Landesförderung erhielte, möglich wäre, die Komplementärmittel über Sponsoren und Spenden einzuwerben. Diesen »Druck« möchten wir ganz bewusst im Interesse der betroffenen Theater aufmachen.

Therapie II: Dauertropf

Dr. Fritz Behrens, Vorsitzender des Kulturausschusses des Landtages NRW und früherer Innenminister (SPD)

K.WEST: Oberhausen könnte die erste Kommune im Land sein, die ihr Theater schließen muss, weil sie überschuldet ist. Was tun?

BEHRENS: Über alle Parteigrenzen hinweg wird unter den Kulturpolitikern des Landes die Gefahr von Theaterschließungen mit großer Sorge betrachtet. Ebenso übrigens wie die Notlage der Ruhrgebietsstädte, die sich möglicherweise nicht so, wie geplant, an der Kulturhauptstadt beteiligen können. Der Grundfehler aus Sicht der Opposition ist, dass der Finanzausgleich, mittels dessen das Land den Gemeinden nach einem bestimmten Schlüssel Mittel zuweist, in den vergangenen Jahren vor allem für die klammen Kommunen nicht ausreichte. Hier sehen wir das Land in der Verantwortung. Alle Versuche, mit speziellen Zuweisungen für bestimmte Aufgabenbereiche Linderung zu schaffen, sind aus unserer Sicht im Grundansatz falsch, schon deshalb, weil sie in die prinzipiell bewährte kommunale Entscheidungsfreiheit eingreifen würden. Dennoch haben wir natürlich den Zusatz-Zuwendungen in Höhe von 10,6 Millionen € an die Kommunen der Kulturhauptstadt zugestimmt.

K.WEST: Das hilft einer Stadt, die ihr Theater nicht mehr finanzieren kann, aber nicht.

BEHRENS: Ich denke, dass da, wo Theater konkret bedroht sind, ausnahmsweise auch eine stärkere Landeshilfe nach klaren Kriterien überlegt werden muss. Die Expertenkommission zur Kunst in NRW (vgl. K.WEST 11.2008; d. Red.) hat vorgeschlagen, bestimmte Bühnen und Orchester in Staatsbetriebe umzuwandeln und dort viel mehr Landesmittel zu investieren. Die Alternative, die auch im Landtag zur Debatte stand, lautet, die entsprechenden Mittel an bedürftige theatertragende Gemeinden wie Essen, Oberhausen, Mönchengladbach, Hagen zu geben. Diesen Ansatz halte ich eher für richtig. Allerdings kann auch er nicht die wahre Lösung sein, denn die Frage bleibt: Woher kommt das dafür nötige Geld? Es käme aus dem Kulturhaushalt, aus der Theaterförderung. Und ginge damit zu Lasten anderer. Man müsste in der gegenwärtigen Situation dafür sorgen, dass die Segnungen aus dem 2. Konjunkturpaket auch im kulturellen Bereich ausgegeben werden dürfen. Etwa für Infrastrukturinvestitionen. Das würde die Kommunen entlasten, so dass wieder Geld direkt für die Kultur frei würde.

K.WEST: Könnten Sie sich vorstellen, dass das Land ein Theater wie das Oberhausener baden gehen lässt?

BEHRENS: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin überzeugt, dass es am Ende auch nicht dazu kommen wird. Auch nicht in Mönchengladbach. Dort ist es eine Frage fortdauernder Diskussion und des öffentlichen Drucks. In Oberhausen sieht es schwieriger aus. Obwohl es auch hier ein Stück weit ein Pokerspiel ist: Die Finanzaufsicht muss dafür sorgen, dass genehmigungsfähige Haushalte auf den Tisch kommen. Und die Kommunalpolitik schiebt den Ball dann zum Land zurück. Da ist sehr viel Taktik im Spiel.

K.WEST: In verschuldeten Gemeinden bleibt oft kein Geld mehr für die freiwilligen Leistungen, zu denen die Kultur gehört.

BEHRENS: Ich bin davon überzeugt, dass wir auf die Frage: ›Mehr Geld für Kultur, aber wie …?‹ nach neuen Antworten suchen müssen. Dazu gehört auch die nochmalige Prüfung der Frage, ob künftig Kulturausgaben der Kommunen nicht wie Pflichtausgaben behandelt werden müssen.

K.WEST: Der Kämmerer der Stadt Oberhausen schlägt vor, »den Kulturbaustein Theater zu einer Landesaufgabe zu machen.« Was halten Sie davon?

BEHRENS: Ich halte es grundsätzlich für richtig, dass jedenfalls in Nord-rhein-Westfalen die Kultur vor allem und in erster Linie Aufgabe der Kommunen ist. Das ist ein erfolgreiches Prinzip, das zur Vielfalt und zur Dichte des kulturellen Angebots in unserem Land geführt hat, und es sollte in finanziell schwierigen Zeiten nicht über Bord geworfen werden. Besser wäre, für eine ausreichende Finanzausstattung der Gemeinden zu sorgen.   //   Interviews: UDE

In der Besserungsanstalt

Das arme Wuppertal hat sein Opernhaus reich saniert

//   Die Stadt heißt »Besserdich«. Das Volk singt »Der Staat macht uns satt«. Reagiert mit solch sprechenden Namen und frommen Gewissheiten der Kulturbetrieb sarkastisch auf die allgemeine Lage? Clemens von Brentanos Kunstmärchen »Fanferlieschen Schönefüßchen« und Kurt Schwertsiks gleichnamige Kurzoper für Erwachsene und Kinder von 1982 liefern die Vorlage für aktuelle Parallelen von Staatsmissbrauch und Staatswohltaten, um sie fabelhaft eine kurzweilige Stunde lang zu verwirren und aufzulösen. In Wuppertal, wo auch eher Schmalhans Küchenmeister ist, wurde nun nachgebessert, aufgetischt und das Opernhaus in Barmen mit »Fanferlieschen Schönefüßchen« wiedereröffnet. Fünf Jahre war das Haus geschlossen, um die 23 Millionen € haben technische Umrüstung und Sanierung gekostet. Vor 100 Jahren von dem Kölner Archi- tekten Carl Moritz im Geschmack eines wuchtigen Neobarocks nebst filigranerer Jugendstilelemente entworfen, in den 30er Jahren umgebaut, im Krieg zerstört und zehn Jahre später auf den Ruinen neu errichtet und seiner Jahrhundertwende-Formsprache entkleidet, war damals ein zeittypisches Gebäude der 50er entstanden. Unter dem argwöhnischen Auge des Denkmalschutzes, dessen Betrachtungsweise Generalintendant Gerd Leo Kuck süffisant als »teils heilsam, teils hinderlich« charakterisiert, wurde die Oper stilgerecht renoviert. Während der Vorfahrt der Gäste zum Festakt erwies sich demonstrativ, dass die Sattmacher der Staatsfürsorge nicht jeden Hungrigen erreichen. Mit einer moderaten Wasserschlacht machten zwei Maskierte nassforsch auf Defizite aufmerksam. Zwar hat das Land großzügig die dringende Baumaßnahme mitfinanziert, doch darbe die integrierte Stadtteilentwicklung, so der Vorwurf der von Wuppertals Kommune und ihrem OB Peter Jung offenbar wohlwollend geduldeten Protestler.  

»Wohlstand für alle« prangt insofern vieldeutig an der Bühnenhaus-Fassade für Schwertsiks Märchenstück, das Aurelia Eggers im Szenenbild von Andreas Wilkens (musikalisch geleitet von Hilary Griffith) putzmunter und kunterbunt inszeniert. Die farbfreudig phantastische Kostümierung ist gewissermaßen Reflex auf die gelbe, rote, blaue und grüne Gestaltung von Mobiliar und Malerarbeiten, mit denen das Opernhaus sein schillerndes Kolorit zurück gewann. Die Aufführung macht die vertrackte, romantisch vermummte Handlung um den bösen König Jerum, der das Marionetten-Regime seines braven Vaters ablöst, als Tyrann sein Volk malträtiert und als Mann seine Bräute meuchelt und am Ende – ins Gute gewendet – abdankt, nicht verständlicher. Aber ist dank der Bildideen zwischen Oberwelt und Unterwelt, historischen Uniformen und Hippie-Maskierung, Legoland-Bausteinen und allerlei allegorischem Schabernack sehr schön anzuschauen. Der Retter des Vaterlandes und Erbe der Krone heißt bei Schwertsik übrigens »Kommtzeitkommtrat«. Mit diesem Namen ist der Prinz der Mann der Stunde.    //   AWI

Kulturpolitik
02 / 2009

Stadt unter?


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

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