Dunkle Wolken über dem Dortmunder U. Dagegen verordnet die Stadtspitze: Augen zu und durch! Foto: M. Kuhna

U WIE PRESTIGEDENKEN

Es wird – neben Zollverein – als das zweite Großwahrzeichen des gewandelten Ruhrgebiets gepriesen: Das Dortmunder U. U stammt von »Union-Brauerei«, doch längst muss man es anders interpretieren: U wie unvollendet, unzugänglich, unzulänglich. Nun zieht das Museum am Ostwall in die Baustelle ein – verspätet und doch viel zu früh aus konservatorischer Sicht. Gegen den Protest des Museumsdirektors. U wie unglaublich.

 

TEXT: MARTIN KUHNA

Zur Erinnerung: Der Umbau des Brauereigebäudes am Rande der Dortmunder Innenstadt war wegen unerwarteter Substanzschäden in Verzug geraten. Die für Mai geplante Eröffnung musste gestutzt werden. Gefeiert wurden nur der Einzug einiger Mieter in die Untergeschosse und die Installation der »Fliegenden Bilder« von Adolf Winkelmann (s. K.WEST 05.2010). Das Museum am Ostwall (künftig ohne »am«) hingegen sollte mit seinen empfindlichen Kunstwerken erst im September einziehen, wenn der zusätzliche Beton ge-trocknet sein würde. Klang vernünftig.

Indes stellte sich bald heraus, dass das »U« auch im Sommer unzugängliche Baustelle blieb. Winkelmanns Film-Projektoren wurden schon nach wenigen Tagen wegen der Staubentwicklung wieder abgebaut. Wer erste Ausstellungen des Hartware Medienkunst Vereins besuchen wollte, musste sich nach einem Behelfseingang umsehen und sich anschließend einen Weg durch Baustellenschutt, Staub und betäubenden Lärm erkämpfen. Gelegentlich musste man auch ohne Vorwarnung draußen bleiben, weil im U zum Beispiel gerade Estrich vergossen wurde. Entnervte Mitarbeiter ließen augenverdrehend durchblicken, dass auch eine Eröffnung im September illusorisch sei. Wie wahr.

Am 15. September ist der Haupteingang des U noch immer nicht als solcher gekennzeichnet – und verrammelt. Mitarbeiter des im übrigen völlig verwaisten 2010-Besucherzentrums teilen ungerührt mit, dass das im Mai eröffnete U eben geschlossen sei und erst am nächsten Tag wieder öffnen werde. Aus Fenstern und einer Nebentür des mächtigen Gebäudes wehen Staubfahnen wie Rauch bei einer Feuersbrunst. Direkt vor dem Eingang liegt ein alter Ziegelstein, und man fragt sich gerade entsetzt, ob der wohl eben erst aus der Fassade gefallen ist – da erscheint Kurt Wettengl zur vereinbarten Besichtigung. »Es ist noch eine fürchterliche Baustelle«, sagt der gehetzte Chef des Museums Ostwall entschuldigend.

Doch am nächsten Tag, so Wettengl, würde er mit dem Einzug in die vierte und fünfte Etage beginnen müssen. Die Dortmunder Stadtpolitiker haben zwar die Eröffnung des Museums im U noch einmal verschoben, aber nur um zwei Wochen: vom 24. September auf das Datum der Gesamteröffnung, 8. Oktober. Und wie fühlt sich der Museumsdirektor dabei? Immerhin hat zwei Wochen zuvor die Frankfurter Allgemeine für eine Eröffnung erst im nächsten Jahr plädiert und drastisch ausgemalt, welche verheerenden Wirkungen feiner Baustellenstaub und eine noch nicht eingeregelte Klimaanlage für die Kunstwerke haben können. Den Museumsdirektor mahnte die FAZ, er sei schließlich Treuhänder öffentlichen Eigentums.

Hätte er also den Einzug im Herbst verhindern müssen? »Ich versuche seit einem halben Jahr, das zu verhindern«, sagt Kurt Wettengl, »weil ich das alles kommen sah.« Noch wenige Tage vor Erscheinen des FAZ-Artikels habe er einen Brief fast gleichen Inhalts geschrieben und den Entscheidern der Stadt seine Bedenken aus museologischer, konservatorischer Sicht noch einmal geschildert. Ohne Erfolg. Mehr als die Verschiebung um zwei Wochen ließ sich die Stadtverwaltung mit Kulturdezernent Jörg Stüdemann an der Spitze nicht abringen. »Wir sind gezwungen worden, jetzt einzuziehen«, sagt Wettengl. Von der Verantwortung für das aus seiner Sicht nicht zu Verantwortende habe man ihn dabei entbunden. Eine rein formalistische Aussage, räumt der Museumschef ein, und viel besser fühle er sich dadurch keineswegs.

Warum Politik und Verwaltung so verbissen, Augen zu und durch, auf Eröffnung im Herbst bestehen, fragt sich Kurt Wettengl seit langem. Mit der Antwort hält er sich zurück – sie liegt aber auf der Hand: Die Eröffnung soll unbedingt noch unter der Jahreszahl 2010 stattfinden, im Kulturhauptstadtzeitraum. Prestigedenken, das sich erst vor Wochen am anderen Ende des Ruhrgebiets als schlechte Entscheidungsgrundlage erwies. Dass die Dortmunder wissen, was sie tun, indem sie großmütig »die Verantwortung übernehmen«, muss man zu ihren Gunsten bezweifeln.

Wohl bezeichnend, dass die für den 8. Oktober im sechsten U-Geschoss geplante Wechselausstellung »Bild für Bild« mit Werken aus dem Pariser Centre Pompidou durchaus in den Dezember verschoben wurde. Es heißt, die Macher der Kulturhauptstadt suchten wegen der Loveparade-Katastrophe dringend nach gewichtigen, aber nicht spektakelhaften Abschluss-Veranstaltungen. Eine fadenscheinige Begründung – wegen solcher Überlegungen würde niemand freiwillig einen Partner wie das Pompidou so kurzfristig um Neudisposition angehen. Vielmehr traut man wohl gegenüber den Franzosen den Beteuerungen der Bauleute nicht, dass die Ausstellungsfläche bis zum 8. Oktober bezugsreif sei. Nur bei den eigenen Beständen – da scheint es nicht so drauf anzukommen.

Kurt Wettengel traf beim Pompidou auf Verständnis und hofft, dass sie dort die Verschiebung werden bewerkstelligen können – und dass keines der geplanten Exponate dann schon für irgendeine andere Ausstellung gebucht ist. Im übrigen, so Wettengl, werden die Kollegen aus Paris sich am 18. Oktober in Dortmund umsehen und dann entscheiden. On verra.

Trotz allem: Sobald man sich mit dem Museumschef über einen Nebeneingang bis zu den beiden fürs Ostwall vorgesehenen Etagen durchgeschlagen hat, merkt man Kurt Wettengl an, wie sehr er sich auf die Neueröffnung freuen würde, wenn sie nicht mit solchen Hypotheken belastet wäre. Engagiert führt er den Besucher durch den geplanten Parcours im vierten Stock, von Happening und Fluxus über ZERO und Informel bis zu den Expressionisten und zurück, dann hinauf in den fünften Stock, wo der Besucher mit der Rekonstruktion von Wolf Vostells lang eingelagertem »TEK (Thermoelektronischer Kaugummi)« empfangen werden wird.

Klangkunst, »interaktives Bildarchiv«, ein »Schaufenster« zum U-Treppenhaus mit zeitgenössischen Arbeiten, Videodokumente von Kursen aus Hans Breders Intermedia-Programm an der University of Iowa – an jedem Punkt der vom Büro Kuehne Malvezzi gestal-teten staubigen Räume schildert Wettengl enthusiastisch, was dort zu sehen sein wird. Nur zwei Räume, sagt er, werden wohl vorerst leer bleiben. Sie sollten mit Exponaten aus Privatsammlungen bespielt werden, und gegenüber den Leihgebern trägt offenbar Dortmunder Zweckoptimismus sowenig wie beim Centre Pompidou.

Obwohl das Museum Ostwall mit dem Umzug seine Autonomie aufgibt, obwohl sich ein Zusammenwirken mit den anderen Mietern des U erst noch ergeben muss, und obwohl sich für die Sammlung des »MO« kein Plus an Präsentationsfläche ergibt, scheint Kurt Wettengl dem Neubeginn eigentlich mit Begeisterung entgegenzusehen. Eigentlich. Nun bleibt ihm und dem Publikum das Prinzip Hoffnung.

Wenn’s gut geht mit der Eröffnung, und wenn die Exponate am Ende nicht leiden unter der unziemlichen Hast, dann haben sie einfach Glück gehabt, die Dortmunder. Wenn’s schief geht, wird man sehen, wie sie die übernommene Verantwortung tragen und was die Kunst dann davon hat. Ob man derweil zum Besuch des U und des Museums schon zum 8. Oktober oder irgendeinem baldigen Ersatztermin raten soll oder nicht, muss an dieser Stelle erfahrungsgemäß offen bleiben. U wie ungewiss.

Kulturpolitik, Architektur
10 / 2010

U WIE PRESTIGEDENKEN

Von: MARTIN KUHNA


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