»Wir sind nicht die Größten, müssen aber auch keine Komplexe haben.«

Ein Gespräch mit dem scheidenden Leiter der Kulturabteilung in der NRW-Staatskanzlei, Wolfgang Kral

Interview: Ulrich Deuter und Andreas Wilink

Wolfgang Kral wurde 1941 in Düsseldorf geboren. Am dortigen Schauspielhaus unter Karlheinz Stroux entdeckte er seine Theaterleidenschaft, vor allem in den Ionesco-Aufführungen. Kral studierte Jura in München, war zunächst Persönlicher Referent von Kulturminister Jürgen Girgensohn und wurde 1984 unter Hans Schwier Leiter der ministerialen Kulturabteilung. Diese Funktion hatte er auch unter Ilse Brusis, Michael Vesper und Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff inne, u.a. trat er persönlich für eine Öffnung der Kunstsammlung NRW zu Positionen wie der von Joseph Beuys ein, dessen Installation »Palazzo Regale« am Grabbeplatz Aufnahme fand. Am 31. Juli geht Kral in den Ruhestand.

K.WEST: Wie würden Sie Ihre Funktion und Rolle beschreiben, Herr Kral?

KRAL: Vielleicht am ehesten als Bindeglied zwischen Politik und Fachleuten – bei den Fachleuten der Politiker und bei den Politikern der Kulturfachmann. Erfolg hat man nur, wenn man in beiden Rollen glaubwürdig ist und als jemand gesehen wird, dem man trauen kann.

K.WEST: Also diplomatisches Geschick...

KRAL: Ja. Etwas Zweites kommt hinzu: Gespür für künftige Entwicklungen haben und dafür die Weichen stellen. Wenn man das dann umsetzen will, braucht man freie Handlungsmöglichkeiten innerhalb des Etats, um reagieren zu können.

K.WEST: Wie ist das Selbstverständnis der Kulturabteilung in der NRW-Staatskanzlei? Wie funktionieren Entscheidungsabläufe? Sie sind ja nicht nur Geldverteilungs- Maschine...

KRAL: Unser Selbstverständnis hat sich durch die Zuordnung zur Staatskanzlei nicht verändert. Gut ist, dass Kultur zur Chefsache geworden ist. Kulturpolitik erschöpft sich nicht im Geldverteilen. Man muss die Szene, ihre Notwendigkeiten und Defizite kennen, auch ihre Stärken. Für mich war der Zusammenhang von Kultur und Land die Leitlinie, nicht eine Stadt, nicht ein einzelnes Institut vor Ort, sondern die Kultur im Land. Das war mein Kompass.

K.WEST: Wie entscheidet man denn, was für das Land gut ist?

KRAL: Das ergibt sich aus verschiedenen Parametern. Ein wichtiger Aspekt ist die überregionale Bedeutung, übrigens ein ähnlich undefinierter Begriff wie der der Qualität. Deswegen habe ich mich immer bemüht, dabei partnerschaftlich zu handeln. Oft lag die Verantwortung bei mir. Aber es war nie so, dass ich ohne Kontakt, ohne Rückkoppelung mit meinen Mitarbeitern und mit denen, auf die sich die Entscheidung bezog, gehandelt hätte. Bevor ich entscheide, kläre ich, was dieses Votum für die inhaltlichen Vorhaben, für die Stadt, aber auch für andere, für Wettbewerber bedeutet.

K.WEST: Welches waren die wichtigsten Entscheidungen innerhalb der Kulturpolitik der zwei Jahrzehnte Ihrer Arbeit?

KRAL: Das Land hat kulturell hinzugewonnen. Daran waren viele im Land und in den Städten beteiligt. Lassen Sie mich ein paar Stichworte nennen: den Museumsbau, die Kunststiftung NRW, die Kulturstiftung der Länder, die Stiftung Schloss Moyland, die Stiftung Insel Hombroich, Die Gründung eines Ensembles für Neue Musik (Musik- Fabrik), Nutzung von Glückspielzweckerträgen für die Laienmusik, die Regionale Kulturpolitik, die RuhrTriennale, die Errichtung der Landesarchivdirektion, Entwurf eines Archivgesetzes und eines Pflichtexemplargesetzes. Wesentlich waren die Personalentscheidungen, also die Direktion der Kunstsammlung NRW mit Armin Zweite, die Intendanz der RuhrTriennale, die Leitungen des Landesarchivs und die Intendanzen des Düsseldorfer Schauspielhauses.

K.WEST: Ist es nicht erstaunlich, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus als halbes Staatstheater, ein Haus mit großem Etat, nicht in der ersten Reihe der deutschen Bühnen mitspielt?

KRAL: Ich sehe es auch so, dass wir nicht Spitze sind. Das bedauere ich. Dieses Theater ist schwerer zu leiten als die meisten anderen Häuser. Sprechtheater braucht Intimität. In Düsseldorf sind beide Spielstätten extrem groß. Es war für keinen Intendanten leicht, bedeutende Regisseure für das Große Haus zu finden. Hinzu kommt ein stattlicher Apparat.

K.WEST: War es auch einer Ihrer Erfolge, sich für den Erhalt der Landestheater stark gemacht zu haben?

KRAL: Es gab eine ernsthafte Diskussion. Entscheidend war letztlich der Minister. Aus meiner Sicht gab es keine politische Zielvorstellung von Michael Vesper gegen die Landestheater, wohl eine große Finanznot des Landes und die Frage, wo gekürzt werden soll. Da bin ich froh, dass es – fast – nicht zu Lasten der Landestheater ging.

K.WEST: Würden Sie zustimmen, dass Nordrhein-Westfalen in der Bildenden Kunst first class ist, im Theater aber nicht?

KRAL: Einen Vergleich mit Theatern in anderen Ländern müssen wir nicht scheuen. In der bildenden Kunst sind wir ganz sicher Spitze. Wobei ich das nur konzentriere auf die junge Kunst, trotz Beständen an alter Kunst wie im Wallraf-Richartz-, Schnütgen- und Folkwang Museum. Darauf bin ich ein bisschen stolz, dass ich diese Spitzenstellung im Blick gehabt und mich dafür besonders eingesetzt habe. Gewiss, wir wollen auch das Erbe bewahren. Schwieriger aber ist es, die Chancen des Augenblicks zu erkennen und zu nutzen. Das haben die Museen im Land bei der modernen Kunst getan.

K.WEST: Wenn wir auf den Sektor Film sehen – ist es ein Fehler, dass ein Monolith wie die Filmstiftung NRW unabhängig von der Einbettung in die Kultur-Zuständigkeit agiert?

KRAL: Das ist für mich eine Personalfrage. Die lässt sich nicht organisatorisch isoliert beantworten. Wenn das Land eine Persönlichkeit hat wie den früheren Geschäftsführer der Filmstiftung, Dieter Kosslick, der beiden Sätteln – Kultur und Wirtschaft – extrem gerecht wurde, dann ist es vertretbar, dies zu verbinden, wenn nicht, ist es unbedingt richtig, im kulturellen Bereich eigenständig seine Aufgabe wahrnehmen zu können und die notwendigen Kooperationen anzustreben.

K.WEST: Was wären die dringlichsten Aufgaben in der nahen Zukunft?

KRAL: Es ist für mich bis heute sehr bedauerlich, dass ich auf dem Feld der individuellen Künstlerförderung nicht mehr habe tun können. Ich halte die Verantwortung des Landes für den künstlerischen Nachwuchs – dabei besonders für die Besten – für sehr hoch. Nordrhein- Westfalen hat im Vergleich zu anderen Ländern einen Riesenvorsprung bei der ungemein quirligen Szene junger Künstler. Besonders der Musik, der Bildenden Kunst und dem Film. Wir haben sehr gute Kunstakademien und Musikhochschulen, sowie die außerordentlich gute Kunsthochschule für Medien. Wir stehen außerdem im Wettbewerb mit Berlin, zumal dorthin verstärkt Bundesgelder fließen, wobei ich bedauere, dass der Bund sich in der Form in kulturpolitische Angelegenheiten der Länder einklinkt. Das bringt die Länder in eine Schieflage.

K.WEST: Es hätte also mehr an Initiativen geben können?

KRAL: Wir hatten keine leichten Zeiten. Es gab Wellen von erheblichen Finanzkrisen des gesamten Landes, die sich natürlich auch auf die Kultur ausgewirkt haben. Das hat Spielräume genommen.

K.WEST: Sind denn immer die Strukturen wichtiger als die Einzelprojekte, wenn es Spitz auf Knopf steht?

KRAL: Nachhaltigkeit ist wichtiger als Events. Aber natürlich müssen sich auch Strukturen immer wieder neu begründen. Da wird es dann politisch und geht über meine Ebene hinaus. Aber welcher Politiker will schon Verantwortung dafür übernehmen, dass eine kommunale oder private Kultureinrichtung durch seine politische Entscheidung nicht mehr handlungsfähig ist? Da kann ich die Politik sehr gut verstehen. Denn die eigentliche Notlage ist immer dadurch entstanden, dass der Träger selbst nicht mehr konnte. Von uns wurde dann erwartet, dass wir stabilisieren. Dem haben wir uns gestellt. Es ist eine merkwürdige Eigenart von Öffentlichkeit, dem Land, als der politisch, sagen wir, übergeordneten Ebene, die Schuld zuzuschieben. Dann ist auf einmal nur das Land in der Schusslinie. Dazu reiche ich die Hand nicht, das soll der Träger selber verantworten. So gibt es Einrichtungen, die im Rahmen der von Ihnen genannten Prioritätenabwägung vielleicht nicht Priorität hätten haben sollen.

K.WEST: Wollen wir die beim Namen nennen?

KRAL: Nein, wollen wir nicht. Das hilft niemandem.

K.WEST: NRW ist Filmland, Tanzland, hat bedeutende Kunstorte, verfügt über forcierte Architektur, ist Medienstandort, kann seit Neuerem auch literarisch ein Massenphänomen, die Lit.Cologne, für sich reklamieren, besitzt über 20 Bühnen und noch mehr Festivals, davon einige sehr wichtige: Klingt alles toll. Was fehlt – trotzdem?

KRAL: Manchem fehlt der staatliche Glanz, der in anderen Ländern existiert. Mir fehlt der nicht. Wichtig ist, dass die Kultur in diesem Land sich auf höchstem Niveau präsentieren kann. Wenn ich mit meinen Kollegen, den Kulturabteilungsleitern der anderen Bundesländer, zusammensitze, gibt es keinen einzigen, der nicht voller Anerkennung über unsere hohe Qualität und Vielfalt des Angebots spricht. Deswegen finde ich die Diskussion über die Mittelmäßigkeit des Angebots in NRW ätzend. Vielleicht ist das typisch: Einerseits hält man sich, z.B. im Ruhrgebiet, für die Größten, um andererseits hier und da Minderwertigkeitskomplexe zu pflegen. Da möchte ich mich nicht einreihen, wir sind nicht die Größten, aber müssen auch keine Komplexe haben. Wir müssen uns besser verkaufen.

K.WEST: Würden Sie zustimmen, dass es einen gewissen Klimawandel für die Kultur gegeben hat: Einerseits ist sie explodiert, andererseits sind die Erwartungen gesunken in Richtung Event- und Massenkultur, teils extrem angestiegen in Richtung Sinnstiftung.

KRAL: Ich freue mich über das gestiegene Interesse. Die Kultur steht im Zentrum der Gesellschaftspolitik – wo sie übrigens immer stand. Es gibt gesellschaftspolitische Entwicklungen, die Auswirkungen auf die Kultur haben. Der größte Fehler wäre, sich dem zu stark anzuschließen. Kultur findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie hat die Chance, Vorreiter zu einer menschlicheren Gesellschaft zu sein.

K.WEST: Kann die Breitenwirksamkeit, die Einrichtungen wie die Ruhrfestspiele auf einmal haben, nicht dahin führen, dass die Bereitschaft, sich für das Schwierige, weniger Massenwirksame einzusetzen, abnimmt? Dann bildet ein niedrig schwelliges Erfolgsmodell den Maßstab.

KRAL: Die Akzeptanz des Publikums ist ein, aber nicht der alleinige und entscheidende Maßstab. Für mich war die Frage der Quote und Breitenwirkung nie das Kriterium für eine Förderung. Gleichzeitig ist natürlich eine Förderung von etwas außerhalb jeden Zuspruchs auch nicht sinnvoll.

K.WEST: Neben der offiziellen Kulturpolitik des Landes hat sich eine zweite und dritte Ebene eingerichtet, die Kunststiftung zum einen und deutlich nun auch das Engagement von Unternehmen wie der RAG oder E.ON: Wie beurteilen Sie das? Als Ergänzung, als Entlastung, als Konkurrenz...

KRAL: Es ist eine Ergänzung. Ich freue mich über jeden, der Kulturförderung macht, die der Kultur die notwendige Freiheit, Perspektive und eigene Entwicklungsmöglichkeit belässt. Das tun die beiden genannten. Ich betrachte sie nicht im Entferntesten als irgendwie schädlich, störend oder gar als Konkurrenz.

K.WEST: Keine Angst, dass der genuine Auftrag des Staates als Kulturstaat qua Selbstverständnis aufgeweicht wird?

KRAL: Nein, wer meine Aufgabe mit mir erfüllt, den liebe ich.

K.WEST: Es hat in der Vergangenheit oft Reibereien gegeben zwischen selbstbewussten Städten, die die Kultur schultern, und dem Land, das das viele Geld hat.

KRAL: Wo Energie ist, gibt es auch Reibungsflächen. Aber ich glaube, die Entwicklung geht zum Guten, weil der neue Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff sich als Überschrift gesetzt hat: Stadt und Land, Hand in Hand. Das ist eine Chance für beide Seiten.

K.WEST: Was genau waren die Reibungsflächen?

KRAL: Es gab den Irrglauben, das Land könne unbegrenzt für kommunale Interessen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wurden Bemühungen, eigenständige kulturpolitische Interessen zu verfolgen, regelmäßig hinterfragt.

K.WEST: Bedeutet das eigenständige kulturpolitische Landesinteresse, eher Leuchttürme zu setzen oder eher Kulturordnungspolitik zu machen?

KRAL: Keine Leuchttürme setzen, sondern beitragen, dass andere im Land auch Leuchttürme haben können. Wir haben nur einen Leuchtturm gesetzt, die RuhrTriennale. Ordnungspolitik, Rahmenbedingungen setzen, ist gemeinsame Aufgabe von Land und Bund.

K.WEST: Haben Sie in all der Zeit nie den Wunsch verspürt, in die Politik zu gehen?

KRAL: Ich habe es als sehr angenehm empfunden, außerhalb der politischen Zwänge, vollkommen ohne unmittelbare Bedrängnis durch die Öffentlichkeit wirksam in der Sache zu sein. Zu den neuen Ministern habe ich immer gesagt: Den schöneren Job von uns beiden habe ich.

Kulturpolitik
07 / 2006

»Wir sind nicht die Größten, müssen aber auch keine Komplexe haben.«


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