Robert Mapplethorpe: Thomas, 1987 © 2010 Robert Mapplethorpe Foundation

Das Fleisch hat seinen eigenen Geist

Body-Bilder, Berühmtheiten, Blüten und mehr: Der ganze Robert Mapplethorpe im Düsseldorfer NRW Forum

//   Was ist erotischer – die Blüte einer in keusches Weiß gekleideten Calla, deren Stengel diagonal aus dem Schoß ihres exakt im Bildzentrum stehenden Kelches herausragt, oder das Genital des sprichwörtlich »schwarzen Mannes«, das sich massiv darbietet wie ein Wunderwerk der Natur?

Zwei Motive, die die Polarität des Fotografen Robert Mapplethorpe ausmachen: hier die raffiniert stilisierte Eleganz einer abstrahierenden Bildkunst, dort der libidinöse Befreiungsschlag eines hitzigen Voyeurs und Teilhabers der Lust. Zitat Mapplethorpe: »I’ve tried to juxtapose a flower, then a picture of a cock, then a portrait, so that you could see they were the same.«

Die beiden Gegenmodelle sind nicht isoliert zu sehen, sondern nähern sich einander an: der Körper wird zum Ornament, die Pflanze gleicht einem Körper-Organ. Die menschliche Hülle bietet Mapplethorpe Material, um ein skulpturales Werk zu erschaffen. Das Nackte funktioniert wie der unbehauene Fels aus dem Steinbruch: ein Monument Muskelfleisch, dem er mit Licht zu Leibe rückt und es plastisch formt wie ein Bildhauer – wie Michelangelo oder Canova. In der Accademia von Florenz wurden bis vor einigen Wochen sogar Mapplethorpe und der Schöpfer des einschüchternd klassischen David miteinander in Verbindung gesetzt.

Die Retrospektive im NRW Forum zeigt den ganzen Mapplethorpe – in aller Klarheit vor weißen Wänden und unzensiert, nachdem in den USA schon Ausstellungen von ihm geschlossen oder in Teilaspekten verfemt wurden. Thematisch gegliedert, begegnen wir in 160 Aufnahmen neben den Autoporträts Mapplethorpes seinen anatomischen Studien und Torsi; den Body-Buildings (mit den Posen eines antikisch geölten Schwarzenegger und der Serie über die Weltmeister-Athletin Lisa Lyon); den intimen Porträts der lebenslangen Bezugsperson und Seelenfreundin Patti Smith, mit der young Robert einst zusammengezogen war; den bezaubernden Kinder-Bildnissen der Reichen und seiner imposanten Prominenten-Galerie. Zwar sind, überraschend, die bleckend animalische Grace Jones, der koboldhafte Keith Haring oder der virile Richard Gere ausgespart. Dafür wird der überirdisch umflorten Dame Isabella Rossellini oder Andy Warhol in effektvollen Kompositionen gehuldigt, deren dramatische Hell-Dunkel-Akzentuierungen eines Caravaggio würdig gewesen wären.

Allerdings sind die ganz herb provokativen Darstellungen sadomasochistischer Praktiken und rektaler Penetration mit »Fremdkörpern« wie einem Peitschenstiel ausgespart. Der begehrte Phallus aber prangt prächtig. »Cock and Gun« haben eine Zielrichtung: Geschütze  für Männer, Waffen auch des Terrors im Sexus.  

Der Abgrund des Sexuellen ist die andere Seite der »höchsten Lust«, die sich in den Blumenbildern – der quasi ihrer selbst unbewussten, unschuldig obszönen Sinnlichkeit und Fleischlichkeit einer Orchidee oder Tulpe – maskiert. Sie vermitteln »jenes Gefühl im Bauch, oberhalb des Geschlechts und unterhalb des Herzens, das für Mapplethorpe zu einem wesentlichen Kriterium seiner Kunst werden sollte« schreibt der Kunstkritiker Peter Weiermair.

Robert Mapplethorpe war homosexuell. Das ginge keinen etwas an, wenn es nicht Thema seines Lebens und seiner Fotografie geworden wäre. Nicht allein in den dezidiert »schwulen« Bildern, sondern als ästhetisches Grundprinzip und existentielle Betrachtungsweise. Was Susan Sonntag in einem berühmten Aufsatz als »Camp« definiert hat (»Camp ist der Versuch, etwas Außergewöhnliches zu tun.«), nämlich die Kultivierung einer Erlebnisweise aus der Perspektive des Stils, hat Mapplethorpe weiter geführt und in emanzipatorische Richtung gelenkt. Die wurde bald darauf kommerziell trivialisiert, von der Werbung  vereinnahmt, von der Massenkultur reproduziert. Die  Kampagnen von Modelabels wie Calvin Klein und Dolce & Gabbana wären ohne Mapplethorpe, dessen Aufnahmen Preise von 500.000 Dollar und mehr erreichten, undenkbar.

Es ist eine gefährliche und gefährdete, eine schamlose Schönheit, die Mapplethorpe ausstellt. In ihr klingt wie ein Echo Rilkes Ausruf: »Masken! Masken! Das man Eros blende.« fort. Die Aufforderung  richtet sich sowohl an den reinen Marmor, wenn der Fotokünstler Renaissance-Büsten und -Skulpturen manieristisch ablichtet und die glatte Oberfläche wie pulsierend lebendes Fleisch erscheint, wie auch an die süße mensch-liche Haut – ihr Aderwerk und jede angespann-te Faser –, die zur polierten Fläche wird. Das Individuum mutiert zur figürlichen Struktur, zum Fetisch.

Als Mapplethorpe 1989 im Alter von nur 42 Jahren an den Folgen seiner HIV-Infektion starb, war er der berühmteste Fotograf seiner Generation, legitimiert durch eine Ausstellung im  New Yorker Whitney-Museum, die bewies, dass er weit mehr war als eine Ikone der »gay culture«. Fotografie als Bild gewordener Blick findet bei ihm frappant Ausdruck.

Der 1946 in Queens geborene Mapplethorpe, Sohn aus katholischer Arbeiterfamilie, besuchte das Pratt-Institute, begann mit Materialcollagen und Polaroids, erlebte den Aufbruch ‘68, den er vor allem als sexuelle Revolte gegen die Norm

verarbeitete. Mapplethorpe lernte in den 70er Jahren – eher einseitig fasziniert –Andy Warhol und die Pop-Art kennen, begegnete David Hockney und dessen Freund Henry Geldzahler und fand über den Kunsthistoriker Sam Wagstaff zur Fotografie. Wie sein Lebensgefährte, Mentor und Mäzen Wagstaff, der ihm nicht nur die Hasselblad schenkte, sondern Entree in Salons und Galerien verschaffte, wurde er zum Kenner und Sammler klassischer Fotografie. Zum Rhetoriker der Fotografie, der selbst die große Geste beherrschte, den geometrisch strengen Bildaufbau bevorzugte und zugleich das Dekorative wie Geistige der Leere entdeckte. Sein von ihm bevorzugtes kunstvolles Schwarzweiß, und eine an die 30er Jahre erinnernde Studio-Fotografie und seine exakt austarierten Arrangements,  die er wie in einen Rahmen spannte, feiern die Schönheit.  

Perfektion der Form ist alles: ob bei einem Frauenschuh oder dem Phallus und Anus von Phillip Prioleau. Alistair Butler oder Ken Moody, einem lehmbehafteten Schenkel oder dem Antlitz eines antiken Ringers oder Müßiggängers. Der Mensch wird nahezu verdinglicht zum Objekt der Begierde und kostbaren Kultobjekt, platziert auf Sockeln, drapiert mit Tüchern, isoliert im Bildausschnitt, gelegentlich verfeierlicht zum Kitschobjekt. Aber die Verherrlichung kennt auch das Peinigende.

Seine Selbstbildnisse dokumentieren bestürzend Selbstenthüllung und -entblößung: sei es, dass sich Mapplethorpe narzisstisch übermütig darbietet, sich in die Rolle von Mann und Frau aufspaltet, sich als Akteur in den Dunkelkammern gewalttätiger Sexualität präsentiert, sei es, dass er während seiner Aids-Krankheit reflektiert mit dem eigenen Sterben umgeht – eine Parallele zu dem englischen Filmemacher Derek Jarman und dem Schriftsteller Harold Brodkey, der die Geschichte seines Todes erzählte. Mapplethorpes unscharf und verwischt gehaltenen Selbstporträts, das eingefügte Emblem des Totenkopfes oder die Reduzierung auf sein Augenpaar, das uns eindringlich anblickt wie aus der Todeszelle, sind fundamentale Zeugnisse eines Memento mori. Zehn Jahre zuvor, 1978, hatte er sich noch anders produziert: mit einer Lederpeitsche, die wie ein Schweif aus seinem Hinterteil heraus zu wachsen scheint: Master Mephisto Mapplethorpe in der New Yorker Walpurgisnacht.

Die subkulturelle Pose soll nicht täuschen. Mapplethorpe war in der Lichtbildnerkunst akademisch gebildet. Vertraut mit pornografisch deftigen Traditionen, mit den arkadischen Naturburschen-Phantasien des Wilhelm von Gloeden, der strahlend besonnten Hellas-Wiederbelebung des Herbert List, den Exzessen der Modefotografie des exquisiten Cecil Beaton und den surrealistischen Überspielungen des Man Ray und besonders mit dem Werk des Amerikaners Edward Weston, der den weiblichen Akt und tiefengeschärfte Detailfotografie von amorpher Natur und nature morte zusammenführte. Und, jawohl auch dies, mit Leni Riefenstahls biologisch-rassistischem Faible für  den gesunden natürlichen Menschen.

Mapplethorpe, in Kassel auch Teilnehmer der documenta 6 und 7, war der bildnerische Chronist jener Bohème von Manhattan, die Truman Capote in seinen Texten fixiert hat. Nur, dass Mapplethorpe, wenn er die Society der Upper West Side oder den Club 21 verließ, sich in die Kellerbars zu den Leder-Ritualen im Meat District begab. Brillant, ehrgeizig, exzentrisch und um Auffallen bemüht, war er beides: Protagonist und Dokumentarist der hedonistisch ahnungslos Sex und Drogen zelebrierenden Epoche, die mit dem HIV-Virus aussterben sollte und exemplarisch in Mapplethorpes Album verzeichnet ist.  

6. Februar bis 15. August 2010, NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Ehrenhof 2, Düsseldorf; www.nrw-forum.de

Kunst
02 / 2010

Das Fleisch hat seinen eigenen Geist

Von: Andreas Wilink


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