Fernöstlicher Schick aus Papiermaché im antik anmutenden Eierschalendekor: Das Kästchen in Form eines Teehauses stammt aus dem späteren 19. Jahrhundert.

Das wäre doch gelackt

Ab dem 16. Jahrhundert eroberten japanische Lackarbeiten den europäischen Markt – eine Schau in Münster belegt die Geschichte des fernöstlichen Exportschlagers.  

Im Februar 1582 machten sie sich auf den Weg. In Nagasaki bestiegen die vier Jünglinge aus gutem Hause ein portugiesisches Handelsschiff.  Es war die erste japanische Mission nach Europa,wo sich bald alle Augen auf die fremden Gäste richteten. An besten Adressen wurden sie willkommen geheißen. Mit höchsten Ehren empfing auch Philipp II. die Delegation und durfte sich freuen über kostbare Präsente – japanische Lackarbeiten, die den spanischen Herrscher tief beeindruckten.

In Münster geht das Quartett an den Start – dort sieht man die japanische Reisegesellschaft auf einem Holzschnitt von 1586. Mit ihren Gaben beginnt eine lange Geschichte, die das Museum für Lackkunst in seiner aktuellen Ausstellung mit schönen Stücken belegt. Es geht um den Export japanischer Lackkunst nach Europa, der im 16. Jahrhundert einsetzte, im 17. und 18. einen Höhepunkt erreichte, um gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Massenprodukten für diesen Markt seine kunst- und kulturhistorische Bedeutung zu verlieren. Nur ein Thema für Insider, könnte man meinen. Doch hat die spannende Konfrontation keineswegs bloß für Spezialisten Reiz: Was passiert, wenn uralte japanische Traditionen den Wünschen und Bedürfnissen europäischer Adelshäuser und reicher Patrizierfamilien begegnen?

In Kunstkammern sollten die Exotica nicht zuletzt wohl die Weltläufigkeit des hiesigen Sammlers belegen. Auch wer sich durch Luxus hervortun wollte, griff gern nach den japanischen Lacken, die durch kostbare Materialien Eindruck machten, durch ausgefallene Dekore aus glänzendem Schwarzlack, Gold, Silber und Perlmutt-Einlagen.

Den frühesten Stücken der Schau – Mini-Truhen, Kästchen, tragbare Schränkchen – ist der kulturelle Zwiespalt am wenigsten anzusehen. Doch kann man in Münster zusehen, wie mit der Nachfrage das ost-westliche Mischmasch wächst und manchmal kuriose Züge annimmt. So etwa in einer Stuhlreihe aus der Mitte des 18. Jahrhunderts: Die Form entspricht dem spätbarocken Queen-Anne-Stil mit geschwungenen Beinen auf geschnitzten Löwenfüßen; das feine Dekor mit Wasserfällen, Pavillons, Schmetterlingen mutet dagegen absolut fernöstlich an. In der Folge werden sich sogar Veduten europäischer Städte und Porträts westlicher Herrscher – von Diokletian bis Napoleon – als Motive japanischer Lackarbeiten wiederfinden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich eroberte die Kunst aus dem Land der aufgehenden Sonne in großem Stil unseren Markt. Japan hatte seine über 200 Jahre durchgehaltene Politik der Abschottung aufgeben müssen. Man öffnete sich dem Westen, zeigte Präsenz auf den Weltausstellungen von Wien bis Paris. Ein Boom ergriff daraufhin die westliche Welt. Es war die Zeit, als auch Europas Avantgarde Feuer fing. Monet, van Gogh, Cézanne … – alle flogen auf das fremde Vorbild. Unübersehbar jene Spuren, die japanische Bildtraditionen in der westlichen Moderne hinter-ließen. Doch das ist eine andere Geschichte. (STST)

»BRÜCKENSCHLAG VON OST NACH WEST«MUSEUM FÜR LACKKUNST, MÜNSTERBIS 3. JULI 2016TEL.: 0251/418510

Kunst
05 / 2016

Das wäre doch gelackt


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