Der »ganze« Manet

Von der Heydt-Direktor Gerhard Finckh beschert dem Wuppertaler Museum eine Ausstellung des Impressionisten, die sich sehen lassen kann.

REZENSION STEFANIE STADEL

Eine Distel vor der braunen Wand. Nichts drum und dran. Abgesehen von etwas Erde und ein paar Grashalmen. So sah Édouard Manet das Pflänzchen, vielleicht bei einem seiner Spaziergänge durch Paris. Und so sieht man es auch in der Manet-Ausstellung des Wuppertaler Von der Heydt-Museums. Mitte Zwanzig muss der Maler gewesen sein. Das Studium im Atelier des angesehenen Thomas Couture lag schon ein Weilchen hinter ihm, als er sich dem Unkraut näherte und es mit viel Liebe zum Detail auf die Leinwand brachte. Nun könnte man sich fragen, was den ehrgeizigen Jungmaler zu dem Gewächs in der Ecke führt. Weshalb sucht Manet sich nicht einfach ein Sujet, das mehr hermacht? Eigensinn muss im Spiel gewesen sein bei dieser ausgefallenen Motivwahl – und nicht nur hier. Immer wieder sucht sich Manet seinen eigenen Weg. Er will ankommen beim Publikum, doch wie und womit, das lässt er sich nicht diktieren.

Gewiss, die düstere Distel ist nicht das erste, woran man denkt beim großen Namen Manet – dem Giganten, dem Skandalkünstler, dem Wegbereiter der Moderne. Es sei denn in Wuppertal, wo das stachelige Frühwerk eines von zwei Manet-Werken in der Sammlung des Von der Heydt-Museums ist. Gut 40 weitere lieh Direktor Gerhard Finckh sich in aller Welt dazu. Die Manet-Schau ist das teuerste Ausstellungsprojekt seiner Laufbahn und das mühsamste dazu. Kein Museum, das einen Manet in Besitz hat, lässt ihn gern gehen. Niemand möchte auf die Publikumslieblinge verzichten.

Kann man verstehen. Etwa mit Blick auf den sonnigen Flirt »Beim Père Lathuille«: Wie sich der zudringliche Verführer heranmacht an die eleganten Pariserin. Manet schildert die Szene, als wäre er eben mal vorbeigekommen und zufällig Zeuge der Zweisamkeit geworden. Oder das »Pferderennen von Longchamp«, in dem Manet eine bis dahin nie gesehene Perspektive einnimmt: Aus der Tiefe des Bildes rasen die Tiere, so schnell, dass der Staub wirbelt und die Umrisse verwischen, direkt auf den Betrachter zu, der sich fühlen darf, als stünde er direkt auf dem Rasen, den die Pferdehufe demnächst umgraben werden. Ganz eigen auch »Dame mit dem Fächer«. Jeanne Duval, bekannt als »Maîtresse de Baudelaire«, sitzt in ihrem irrwitzig weiten Rock wie auf einer Wolke, die sie trägt und zugleich isoliert. Als würde sie ihr Dasein beklagen, führt ihr trauriger Blick aus den weißen Volants hinaus ins Leere. Ein Ausdruck, der einem immer wieder begegnet in den Figurenbildern der Schau.

Auf eine echte These verzichtet Finckh. Er will schlicht den »ganzen Manet« präsentieren. Inklusive seines gesellschaftlichen, kulturellen Umfelds. In dem mit vielen Fotos dokumentierten historischen Kontext beschreibt die Ausstellung den Künstler als politischen Menschen, der mit Pinsel und Stift für Demokratie und bürgerliche Werte eintrat. Dafür reichten schon eine Briefkarte, ein paar Striche in Blau, Weiß, Rot und daneben das Bekenntnis: »Vive la République«. Auch das künstlerische Drumherum spielt überall hinein in den Wuppertaler Parcours. Wenn man etwa Manets Distel und seine überaus schlichte Zitrone zeigt, stellt sie ihnen Henri Fantin-Latours Arrangement appetitlicher Pfirsiche mit wunderbar samtiger Haut entgegen – so schmeichelt man sich ein.

Der »ganze Manet«, das ist einfach gesagt. Selbst in elf Ausstellungskapiteln lässt sich schwerlich fassen, was das facettenreiche, oft rätselhafte Schaffen ausmacht. Den jungen Manet sieht man im Bann der Maler von Barbizon, folgt ihm dann an die Küsten, wo er Schiffe auf hoher See malt oder den Hafen von Bordeaux mit einem Gewimmel von Masten. 

Später geht’s nach Spanien. Ganz im Geist der Zeit, deren Maler sich für die Kollegen des Siglo de Oro begeisterten. Besonders ergiebig aber bleiben für Manet die künstlerischen Streifzüge durch Paris. Die Stadt hätte wohl niemals einen so eifrigen Spaziergänger wie ihn gesehen, bemerkte sein Schulfreund, der Literat Antonin Proust. »Und gewiss keinen, der solchen Nutzen daraus zu ziehen verstand.« In Straßen und Cafés nimmt er Eindrücke auf, komprimiert sie im Atelier und macht sich als »Le Peintre de la vie moderne« einen Namen.

Doch egal, wo Manet unterwegs ist, stets entwischt er uns. Malerisch wie motivisch hüpft er hier- und dorthin, auch darin liegt seine Modernität. Sorgsam ausgeführte Akte etwa begegnen skizzenhaft hingeworfenen Porträts. Eben noch bewundert der Betrachter den spontanen Pinselstrich der »Krocketpartie« zweier Paare im Grünen, da wird ihm klar gemacht, welch eine ausgeklügelt konstruierte Gesellschaftsstudie sich hinter der scheinbar beiläufig beobachteten Spielerei verbergen könnte. 

Allenthalben scheinen sich Widersprüche aufzutun. Warum pflegt Manet die Traditionen, übernimmt etwa Kompositionen von Raffael und Tizian, wenn es doch eigentlich das Hier und Jetzt ist, das ihn drängt? Weshalb provoziert er wiederholt und bewusst Skandale, riskiert zerreißende Kritik, obwohl ihm doch die offizielle Anerkennung seiner Kunst offenbar überaus wichtig ist? Über Skandale und die zugehörigen Werke muss man reden, wenn es um den ganzen Manet geht. Das ist klar. Denn sie spielen eine wesentliche Rolle, voran die berühmt-berüchtigte »Olympia«, die als Leihgabe – natürlich – nicht erreichbar war. Eine Reproduktion verdeutlicht indes, worüber sich 1865 Paris empörte. Zeigt sich die »Himmlische« in Manets Gemälde doch in Gestalt der stadtbekannten Prostituierten Victorine Meurent. Bis auf ein Schühchen entkleidet und zwischen Laken liegend, schaut sie uns ungeniert an. Ähnlich hatte gut 300 Jahre zuvor Tizian seine »Venus von Urbino« hingelegt. 

Manet verpflanzt das Göttliche von einst ins Paris seiner Tage. Er trumpft auf mit akademischen Anspielungen und lässt den Hohn des breiten Publikums über sich ergehen. Was er dafür bekommt? Aufmerksamkeit! Das ist nicht so einfach im Pariser Salon, jener riesigen staatlich geregelten Ausstellungsmaschine, wo der Maler zwischen vielen tausend Kollegen auffallen wollte. Was ihm auch glänzend gelang. »Ich male, was ich sehe, und nicht, was anderen zu sehen beliebt.« Manet blieb dem Statement treu, das er seinem Lehrer Couture einst als junger Distel-Maler entgegengeschleudert hatte. Was sich allerdings bald grundlegend ändern sollte, ist der Geschmack des Publikums, das nun genau das zu sehen beliebte, was Manet malte.

VON DER HEYDT-MUSEUM, WUPPERTAL. BIS 25. FEBRUAR 2018. TEL.: 0202 / 5636571

Kunst
12 / 2017

Der »ganze« Manet

Von: Stefanie Stadel


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