Ron Arad: Bodyguards, 2008, Super formed Aluminium, 110 x 200 x 94 cm. Courtesy The Gallery Mourmans, Lanaken

Die enorme Tiefe der Oberfläche

Design und/oder Kunst? »UFO« im NRW-Forum Düsseldorf

//   Was ist Kunst? Die Frage kennt tausend Antworten oder keine. Denn es ist ja gerade das Wesen dieser Art menschlicher Praxis, sich probaten Deutungskategorien zu verweigern.

Was ist Design? Die Antwort darauf fällt leichter, vielleicht könnte sie lauten: bewusste Gestaltung von Dingen, die auch sonst existieren und irgendeinen Zweck verfolgen.

Was ist dann aber mit der Coca-Cola-Flasche, nachdem Andy Warhol sie auf einen Sockel gestellt hat? Diese Transsubstantiation (uraufgeführt natürlich von Marcel Duchamp), aber auch der Umstand, dass zahlreiche Künstler der Moderne (angefangen beim Bauhaus oder bei Malewitsch) Gebrauchsgegenstände entworfen haben, zudem die vielen Fälle, in denen der Griff zum Design von Künstlern (der Pop Art z. B.) als Kritik an bestehenden Kunstströmungen genutzt wurde – dies alles muss ein Indiz dafür sein, dass Kunst und Design etwas Wesentliches verbindet.

Duchamps Flaschentrockner, die aufgeblasenen Alltagsgegenstände Claes Oldenburgs, Jeff Koons’ Kitsch- und Konsumgüterskulpturen markieren eine Praxis, die im Verlauf der letzten Jahrzehnte stark zugenommen hat und die zwischen Kunst und Design flottiert. Oder die etwas Drittes, Neues, Hybrides hervorbringt: UFOs sozusagen, noch nicht identifizierte Flugobjekte im Himmel des Ästhetischen, wie eine Ausstellung im NRW Forum Düsseldorf es nennt.

Dabei weist der Katalog der Schau zu Recht darauf hin, dass die Zweckfreiheit, die nach unserem Verständnis für Kunst konstitutiv ist, ein historisch junges Phänomen darstellt: Jahrhundertelang bildeten das Schöne und das Nützliche eine untrennbare Einheit. Hinzugefügt werden sollte, dass erstens diese Zweckfreiheit durchaus als Ideologie betrachtet werden kann, da Künstler, ob bewusst oder nicht, stets gewisse Strategien verfolgen, insofern ihr Tun immer Teil eines kommunikativen Ganzen ist, in dem es als Kunst funktionieren muss. Und dass zweitens ganz allgemein die Zweckfreiheit der Kunst, da historisch, irgendwann auch wieder verschwinden wird – möglicherweise derzeit verschwindet.

Immer mehr Kunstgalerien nehmen auch Designer in ihr Programm auf; die documenta 8 räumte bereits 1987 Medien, Architektur, Kunst und Design denselben Stellenwert ein; einige Design-Objekte gewannen in den letzten Jahren einen ähnlichen Fetisch-Charakter wie sonst nur Kunstwerke; die Künstler mit dem höchsten Celebrity-Faktor sind solche, die Werke mit hohem Design-Anteil schaffen (Koons, Damien Hurst). Es stimmt wohl, die Zahl der UFOs steigt.

David Adjaye: Monoforms, Type II – Petra, 2007, massiv amerikanisches Walnussholz, 40 x 40 x 40 cm je Element, 4 Elemente,
Edition von 10. Courtesy Albion Galery, London

Ein Teil der gegenwärtigen Diskussion über das Verhältnis zwischen Design und Kunst dreht sich um den Begriff Designart. In den 90er Jahren entstanden, beschreibt er Kreative wie Jorge Pardo, das Atelier van Lieshout oder Andrea Zittel, die sich nicht entscheiden wollen, ob sie Künstler oder Designer oder beides sind. Jan J. Schoonhoven (1914–1994) verstand sich als ersterer, aber existiert nicht ein sehr gut erreichbarer semantischer Schalter, der seine berühmten weißen Pappmaché-Raster zu CD-Regalen werden lässt? Ist Dan Flavin ein Plastiker des Lichts oder ein Beleuchtungsdesigner? Diese beiden Künstler findet man in der Ausstellung nicht, wohl aber die Anregung, über sie neu nachzudenken.

Auch der amerikanische Minimal Art-Künstler Donald Judd (1928–1994) war den kleinen Schritt von seinen extrem reduzierten skulpturalen Objekten zum Entwurf von Möbeln gegangen, hatte aber beide Tätigkeiten sauber getrennt. Der Österreicher Franz West (geb. 1947) hingegen findet keinen Unterschied zwischen einem Sitzmöbel und einem Kunstwerk: »Wenn ich einen Stuhl mache, erkläre ich ihn zu einem Kunstwerk.« Sein schlichter Stahlrohrstuhl mit geschmacklos buntem Sitz- und Lehnbezug, der jetzt im Forum zu sehen ist, soll, jedenfalls dem Anspruch des Künstlers nach, benutzt werden dürfen. Und beansprucht dennoch zugleich Gültigkeit als Kunstwerk. Das zu vereinen fällt erst mal schwer. Andererseits wäre gerade das Übertreten des Berührungs- und Benutzungsverbots gegenüber der Kunst das Durchbrechen einer Verbotsschranke und damit ein genuin künstlerischer Akt.

Ganz ohne Zweifel können wir in den letzten Jahren einen mächtigen Drift derjenigen Kontinente beobachten, auf denen Werte und Bedeutungen eine Weile in relativer Ruhe waren. Identität war gestern, Migration ist heute, so scheint es. Migration von Menschen wie von kulturellen Kodizes.…

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Kunst
06 / 2009

Die enorme Tiefe der Oberfläche

Von: Ulrich Deuter


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