Claude Monet: Bahnhof Saint-Lazare, Eisenbahnbrücke, 1877. Öl auf Leinwand, 64 x 81 cm © Musee Marmottan, Paris, France/Giraudon/The Bridgeman Art Library

Dies ist keine Seerose

Wuppertal macht Eindruck mit der ersten deutschen Monet-Retrospektive

//   Die Seerosen? Eigentlich seien sie bloß Beiwerk in seinen Bildern, gestand einst Claude Monet. Und konnte sich wohl ausmalen, dass er damit einige Verwunderung ernten würde. Hatte der Künstler doch über Jahrzehnte das Motiv umkreist – sich mehr und mehr hinein vertieft, am Ende kaum noch etwas anderes auf die Leinwand gebracht. Tag für Tag im Garten von Giverny. Wenn er am Teich saß und oft mehrere Leinwände gleichzeitig bediente, um – fast wie am Fließband – die wechselnden Wirkungen von Licht, Farben, Reflexen einzufangen. Auf rund 200 Seerosenbilder hat Monet es bis zu seinem Tod 1926 gebracht.

Etliche Beispiele aus der riesigen Werkgruppe hängen jetzt in Wuppertal zusammen, wo das von der Heydt-Museum zur ersten deutschen Monet-Retrospektive ruft. Ein Großereignis mit allem, was dazu gehört: Website, Hotline – und einem Publikumsinteresse, das schon jetzt rekordverdächtig ist: Bis weit auf die Straße steht die Besucherschlange.

Dieweil lässt sich im zweiten Stock in rund 100 Stücken das Schaffen des großen Franzosen nachvollziehen. Von den witzigen Karikaturen des talentierten Schülers bis zum berauschenden Drunter und Drüber der späten Gartenbilder, denen die Schau besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Beim genussvollen Bad im Blütenmeer mag einleuchten, was Monet meinte, als er die Pflanzen Beiwerk nannte. Denn viel mehr als das Gewächs schienen den Maler verzwickte Fragen der Wahrnehmung zu interessieren – überall nur Spiegelung und Täuschung. Ein wahres Verwirrspiel, ohne Oben und Unten, ohne Boden und Horizont, wo jedes Ding der Auflösung entgegentreibt. Nicht umsonst sind es vor allem Monets Seerosen, die bleibenden Eindruck auf nachfolgende Malergenerationen gemacht haben.

Vordenker der Abstraktion, Superstar des Impressionismus, Publikumsliebling erster Klas- se. Eigentlich scheint schon alles gesehen, gesagt, gehört, geschrieben über den 1840 in Paris geborenen Maler. Klar, dass eine Schau wie die Wuppertaler keine echten Neuigkeiten hinzuzufügen hat. Muss sie aber auch nicht. Die Werke sind Attraktion genug – jedes für sich. Und alle zusammen, wenn sie im chronologischen Nachein- ander anschaulich machen, wie alles – beinahe logisch – aufeinander baut.

Möglich wurde dieses Kunstereignis durch ein einfaches Tauschgeschäft: Das Musée Marmottan wollte deutsche Expressionisten aus der starken Sammlung des von der Heydt-Museum in Paris zeigen und bot im Gegenzug generös 30 Monet-Gemälde, vor allem Seerosen, aus den eigenen Beständen. Gerhard Finckh, Direktor in Wuppertal, ergänzte diesen Grundstock durch Leihgaben aus 35 internationalen Sammlungen.

Darunter schöne Stücke der 1870er Jahre, als der »Impressionismus« noch neu war: Kräftig dampfende Loks im »Bahnhof Saint-Lazare«. »Rote Boote«, die sich im Wasser der Seine spiegeln, wie Jahrzehnte später die Seerosen im Teich von Giverny. Oder der »Spaziergang bei Argenteuil«, wo der Maler schon 1873 den Dingen ihre feste, eigene Form streitig macht – Wiesen, Bäume, Figuren im Netz farbig-flirrender Pinselstrichlein vereinheitlicht.

Auch Monets berühmte Serien der 1890er kann die Schau in wichtigen Beispielen belegen: Die Felsen auf der Belle-Île, das Tal der Creuse, die Kathedrale von Rouen. Kein Künstler vor ihm hatte sich mit solcher Konsequenz immer wieder dieselben Motive vorgenommen. Fast obsessiv. Dabei scheint es, als wolle sich der Gegenstand in der ständigen Wiederholung auflösen, seine Konsistenz einbüßen. Als zerfalle er in eine offene, unendliche Abfolge momentaner Eindrücke, die keinen Anspruch mehr auf dauerhafte Gültigkeit erheben können.

Wassily Kandinsky hatte die abstrakten Qualitäten in Monets Gemälden bereits vor über 100 Jahren erkannt, als er in Moskau dem »Getreideschober im Sonnenlicht« begegnete – auch dieses Schlüsselwerk von 1891 ist in Wuppertal zu bewundern. »Plötzlich, zum ersten Mal, sah ich ein Bild«, so bejubelte Kandinsky jenes Erlebnis: Ein Bild, das für sich steht. Eines, das ohne klar erkennbaren Gegenstand funktioniert. So etwas war ihm vorher noch nicht untergekommen, es drückte seinem ganzen Leben einen Stempel auf.

Mit den berühmten »Nymphéas«, wie die Seerosen auf Französisch heißen, wird Monet diese seine (Er)Findung weiter treiben. Aber niemals bis auf die Spitze. Denn obwohl ihm der Gegenstand immer gleichgültiger wird – davon trennen will er sich nicht. Er hält an den schönen Blüten fest, bis zum Ende.   //

Von der Heydt-Museum, Wuppertal. 11. Oktober 2009 bis 28. Februar 2010. Katalog 25 €. Tel.: 0202/5636231; www.monet-ausstellung.de.

Kunst
11 / 2009

Dies ist keine Seerose

Von: Stefanie Stadel


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