Gerhard Richter: »Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel«, 2018, Dominikanerkirche, Münster. © Presseamt Münster / Michael D. Möller

»Ein ansehnliches Stück«

Gerhard Richters Traum, Trost und Freude: Sein Foucaultsches Pendel schwingt durch die Dominikanerkirche in Münster.

Das war zu erwarten, viel zu hören bekommt man nicht von Gerhard Richter. Auch an diesem Samstag in der Dominikanerkirche antwortet der Jahrhundertkünstler gewohnt kurz, knapp und simpel auf Fragen. Ein bisschen beglückt sei er, dass es funktioniert habe. »Wenn es schief gegangen wäre, dann wäre es peinlich gewesen.« Die Rede ist von Richters Foucaultschem Pendel. Lange schon hatte dem 86-Jährigen eine Installation um diese physikalische Versuchsanordnung vorgeschwebt. In Münster konnte er sie am passenden Platz verwirklichen. Erhaben schwingt das Pendel hin und her, vier Meter durch den Raum. An einem Drahtseil mitten in der Vierungskuppel hängt die 48 Kilogramm schwere Messingkugel herab und bewegt sich sanft über eine skalierte Bodenplatte aus Naturstein. 

Wer genau und lange genug zuschaut, wird erkennen, dass die Kugel nicht ganz gerade schwingt, sondern ihre Richtung leicht verschiebt. Doch der Schein trügt: Sie weicht nicht ab von ihrem Weg. Allein die Erde dreht sich. Über dreißig Stunden dauert es, bis das Münsteraner Pendel die Runde gemacht hat. Was der Physiker Léon Foucault 1851 erkannte, zeigt sich in Richters künstlerischer Adaption flankiert von zwei hohen grauen Doppelscheiben, die auch den Titel des Kunstwerks vorgeben: »Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel«. 

An zwei gegenüberliegenden Wänden angebracht, reflektieren die mit einer Verspiegelung bedampften Scheiben nicht nur das Pendel, sondern auch die Menschen ringsum – hin und her, hin und her, unendlich. Es braucht nicht viel, um in der Installation ein geglücktes Zusammenspiel von Kunst, Physik und Religion zu sehen. Was er damit sagen will? Fast verdutzt scheint Richter über diese Frage: »Ich wollte ein gutes, ansehnliches Stück liefern, das tröstet und Freude macht.« 

Münster kann sich wahrlich freuen über das stille, besinnliche Schauspiel. Während andere sich fragen mögen, warum Richter gerade die Stadt in Westfalen so außerordentlich beschenkt. Der umtriebige Kasper König, Leiter der Skulptur Projekte Münster und ehemaliger Direktor des Kölner Museum Ludwig, hatte die Hand im Spiel. Er wusste um Richters Traum und hatte den Freund aufmerksam gemacht auf das barocke Gotteshaus, das, erst kürzlich profaniert, künftig kulturelle und gesellschaftliche Zwecke erfüllen soll. Tatsächlich scheint die Dominikanerkirche wie gemacht für Richters Arbeit, auch weil die Vierungskuppel sich im Zentrum des Baus befindet. Richter: »Ein schönes Bauwerk. Kirchen gefallen mir sowieso – wenn sie gut sind.«

»ZWEI GRAUE DOPPELSPIEGEL FÜR EIN PENDEL«
DOMINIKANERKIRCHE, MÜNSTER, SALZSTRASSE 10
DIENSTAGS BIS SONNTAGS, 11 BIS 18 UHR.

Kunst
07 / 2018

»Ein ansehnliches Stück«

Von: Stefanie Stadel


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