Heike Makatsch, 2007 © Jim Rakete

Ein Rausch!

Anstoßen an den Widerstand des anderen: der Fotograf Jim Rakete

Interview: Dirk Peitz

//   Ein schneevermatschter Wintermittag in Berlin-Mitte, Friedrichstraße, die Nobelkantine San Nicci, Borchardt-Ableger, Prominentenladen. Der Ort war nicht seine Wahl, er war noch nie hier, überraschend für einen, der eigentlich jeden, der in Deutschland wichtig ist oder war in den letzten 30 Jahren, irgendwann mal fotografiert hat: Jim Rakete, immer schon Berliner, lang bevor alles nach Berlin zog, ist irgendwie universeller Kreuzberger geblieben. Ein Neujahrskind, gerade 58 geworden. Sein aktuelles Projekt »1/8 Sekunde« – die Ausstellung macht bis 10. Mai Station in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen – ist eine fotografische Reise vorbei an dem, was Rakete »das deutsche Personal« nennt: George und Hoss, Müntefering und Steinmeier, große Namen, aufgenommen mit einer altmodischen Plattenkamera in Schwarzweiß. Und dazu Fotos von früher und neue von verschwindenden Berliner Orten. Wenn Rakete nicht so fröhlich und so lebendig wäre, man würde sagen: eine Art Vermächtnis. Rakete bestellt Kartoffelsuppe, dann geht es los. Reden wir übers Fotografieren.   //

K.WEST: Herr Rakete, beweist Ihre Ausstellung »1/8 Sekunde« eigentlich, dass Fotografie immer schon ein Anrennen gegen die Zeit ist? Hier nun auch im technischen Sinne: Die Technik der Plattenkamera, mit der Sie die Bilder gemacht haben, verschwindet. Allein die Belichtungszeiten dieses Apparats dauern eine Ewigkeit …

RAKETE: In der Arbeitserotik der Fotografie sind die Belichtungszeiten der Plattenkamera tatsächlich eine ungemeine Bremsverzögerung. Das zwingt beide Beteiligten, den Fotografen und den Porträtierten, zu immenser Konzentration. Darum ging es mir. Nicht um Sentimentalität, ich habe diese Technik vorher nie benutzt. Ich habe sie jetzt einsetzen wollen wie ein Maler, der eine Radierung macht oder einen Linolschnitt und sagt: Ich finde diese alte Technik heute moderner als die faktisch moderne. Man schaut sich die Gegenwart mit den Mitteln der Vergangenheit an, in dem Fall halt das deutsche Personal unserer Zeit.

K.WEST: Durch die Technik allein wirkt das fast schon wie ein Rückblick auf unsere Zeit, in unserer Zeit. War das der gedachte Ausgangspunkt?

RAKETE: Der Ausgangspunkt war eher banal: Es gab die Möglichkeit, in einem ganz bestimmten Monat eine Ausstellung in einer Galerie hier in Berlin zu machen. Und zwar im Anschluss an eine Schau mit Fotografien von Diane Arbus. Die Ehre empfand ich als so groß, dass ich da auf gar keinen Fall irgendein Best-Of von mir hinhängen wollte. Andererseits kann es heute ja nicht mehr um Neuigkeiten gehen, sondern um Eigenheiten, um Identität. Das ist meine Definition von Heimat: Welche Leute umgeben mich? Vom Boxweltmeister bis zum Außenminister. Und ich wollte ein Statement über die Fotografie an sich machen, denn wir erreichen gerade das Ende der Silberfotografie. Es war: last call. Ein letztes Mal die Möglichkeiten der alten Technik ausschöpfen.

K.WEST: Ein letztes Mal groß auffahren?

RAKETE: Diese Technik bedingt nicht etwa ein Mehr an Aufwand, sondern an Konzentration. Die Beliebigkeit ist geringer. Ich dachte: Das ist doch eine gute Methode, diese Leute mal im Laufen anzuhalten und zu gucken, wie das dann aussieht. Das Abgeschminkte, Realitätsbezogene, die Porträtsituation auf die Spitze zu treiben, wenn jemand so lange stillhalten muss … Mario Adorf zum Beispiel musste vier Sekunden pro Bild an einem See unbewegt stehen – da wundert man sich hinterher, dass überhaupt was auf dem Film drauf ist.

K.WEST: War das auch ein spezieller Thrill?

Jürgen Vogel, 2007 © Jim Rakete

RAKETE: Klar. Da nützt häufig bloß beten. Da wird das Fotografieren wieder zu einer Religion: Beide Seiten müssen fest daran glauben. Du hältst zehn Mal drauf, und nachher siehst du in der Dunkelkammer: Auf acht Aufnahmen ist nichts, gar nichts. Dann gibt es aber ein oder zwei, bei denen du denkst: Gerade noch gerettet! Da wird das Fotografieren dann auch wieder zum Wunder, wo man versteht: Es ist nicht der Kraftakt, der zählt, es ist der Zaubertrick.

K.WEST: Was unterscheidet den Zaubertrick vom Kraftakt?

RAKETE: Das Blöde an meinem Beruf ist das Dilemma, das Richard Avedon mal benannt hat: Zur Darstellung von Tiefe hat man als Fotograf nur die Oberfläche zur Verfügung. Es ist zum wahnsinnig werden.

K.WEST: Wie löst man dieses Dilemma?

RAKETE: Man kann es natürlich machen wie Avedon: indem man sein Gegenüber reinlegt. Eine Avedon-Anekdote mit Omar Sharif geht so: Avedon wollte diese großen, seelenvollen Samtaugen, das Strahlen von Omar Sharif fotografieren. Also setzte er ihn auf einen Stuhl, richtete seine Kamera ein, und in dem Augenblick ließ er 20 südamerikanische Tänzerinnen ins Studio reinstür- zen. Da guckte Omar Sharif so, als ob man mir nach einer Woche strengster Diät ein Wiener Schnitzel hinstellen würde. Avedon hielt drauf, machte einmal klick und ging nach Hause: job‘s done! Wie billig! Und ganz schön grobmotorisch, nicht? Da kann man ja auch gleich mit vorgehaltener Waffe fotografieren. Warum aber nicht den Zaubertrick wagen?

K.WEST: Der da wäre?

RAKETE: Ich kann doch hier nicht meine Trickkiste öffnen! Okay, ein Tipp: Man würde eigentlich erwarten, dass Menschen die intensivsten Gesichtsausdrücke machen, wenn man ihnen was Spannendes erzählt. Das ist aber überhaupt nicht so. Menschen schauen am intensivsten und gespanntesten, wenn sie versuchen, sich auf ein Geräusch zu konzentrieren.

K.WEST: Ein Geräusch ist subtiler als 20 Tänzerinnen, aber ist es nicht auch eine Manipulation?

RAKETE: Eine Ermöglichung. Oft liegt das Geheimnis auch einfach in der Chemie zwischen Fotograf und Modell. Ich war in meiner Jugend ganz oft der Junge, der in die Kneipe kam und an dem sich dort dann jemand ausprobieren wollte. Die typische Saloon-Story. Beim Fotografieren hat mir die Erfahrung geholfen.

K.WEST: Das heißt?

RAKETE: Dass ich Situationen von Antipathie seit jeher kenne. Und dass Antipathie auch beim Fotografieren unglaubliche Energie freisetzen kann. Ich kann überhaupt aus relativ schlechten Bedingungen was Gutes machen, das qualifiziert mich wohl erst zum Fotografen. Man muss das Negative positiv denken können: Super, dass es regnet!

K.WEST: Und dann heißt es am besten noch: Herr Rakete, Sie haben nur fünf Minuten für Ihr Bild?

RAKETE: Zeitliche Beschränkung spielt eine große Rolle in meinem Berufsleben. Die ersten 15, 20 Jahre, in denen ich Fotograf war, habe ich immer darüber geschimpft, dass ich nie Zeit hatte, nie Zeit bekam. Bis zu jenem Tag, wo ein Rockmusiker, ich sag jetzt nicht welcher, auf meine Frage »Wie viel Zeit hast du für mich?« sinngemäß antwortete: »Es dauert so lang, wie es dauert.« Da habe ich regelrecht Panik bekommen, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben ohne Zeitdruck fotografiert habe. Mir fehlte die Einmaligkeit, der Gegner.

K.WEST: Welcher Gegner?

RAKETE: Das absehbare Ende. Wirkliches Leben hat ein Ende, das ist der Tod, und der gehört zwingend zum Leben. Wenn man den Tod, das Ende abzieht, wird alles zu einem unheimlich laschen Spiel. Da kommt nie der große Wurf bei raus, Fotografieren wird zur Fertigkeit.

K.WEST: Und den Rest erledigt heute die digitale Bildnachbearbeitung?

RAKETE: Photoshop hat meinen Berufsstand korrumpiert. Man kann immer was anschrauben, abschrauben, kompatibel machen, passend.

K.WEST: Tun Sie sich deshalb auch mit der Digitalfotografie so schwer?

RAKETE: Überraschungen sind da nicht mehr möglich. Stattdessen nährt diese Technik die Illusion, menschliche Emotionen seien vor der Kamera unendlich wiederholbar, bloß weil man immer wieder von Neuem draufhalten und es unmittelbar am Minibildschirm kontrollieren kann. Eine Kamera ist eigentlich ein Instrument, um die Zeit anzuhalten. Digitalkameras aber sind Zeitbeschleunigungsmaschinen: Und jetzt und jetzt und jetzt … Bei einer alten Leica hingegen, da konnte man ganz sinnlich die Zeit stoppen und merkte: Das Bild, mit dem du das gerade erst Geschehene dokumentiert hast, ist selbst schon wieder Geschichte. Manchmal gibt es das, dass man nach Hause in die Dunkelkammer fährt und schon auf dem Weg weiß: Ich habe da ein Stück Geschichte in dieser Blechbüchse. Das fühlt man.

K.WEST: Sie sind doch sentimental!

RAKETE: Ich bin kein Maschinenstürmer, ich will die Technikzeit nicht zurückdrehen. Bloß: Wenn ich jetzt mal digital fotografiere, ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, meine analogen Bilder nachzustellen. Ich versuche was hinüber zu retten – von der Tiefenschärfe, vom Korn, von der Kantenschärfe, von den Nachbareffekten. Ich vermisse das Korn. Auch den einsamen Prozess in der Dunkelkammer, das Ritual, das Indianische: Man sitzt da im Dunkeln, packt den Film in einen Tank, und dann ist man gezwungen, eine Viertelstunde zu warten. Der Moment, wo man weiß: For the good or for the bad, das war es jetzt. Ab hier musst du mit diesem Negativ leben.

K.WEST: Mit einem Original.

RAKETE: Eben: Das ist nicht irgendein hybrider Zwischenschritt, an dem man noch was ändern könnte. Nein, da ist ein Stück Plastik, das hältst du gegen’s Licht und sagst: So. Das ist eine Tatsache, ein Negativ, ein Original. Ein Datensatz ist nie eine Tatsache – der ist ja schon manipuliert, wenn er aus der Kamera kommt. Und den manipuliert man unentwegt weiter.

K.WEST: Herr Rakete, was ist für Sie nun das Wunder des Fotografierens?

RAKETE: Wenn du traumzuwandeln beginnst. Wenn du diese tausendfach geübten Handgriffe vergisst, nicht mehr nachdenkst, einfach deine Bewegungen machst und dich ganz auf das Gesicht des Gegenübers konzentrierst.

K.WEST: Ein Tanz?

RAKETE: Ein Rausch. Man fährt immer näher ran an diesen Menschen, und dann stößt man irgendwo an. Ich vermag nicht zu sagen, wo und was das ist. Aber wenn man eine Porträt-Session macht, dann spürt man dieses Anstoßen, diesen Widerstand des anderen. Und dann weißt du: Schon mit dem Foto davor hast du den Mindestabstand verletzt. Wenn du klug bist, machst du genau an dieser Stelle Schluss und sagst: Danke. Der Rest wäre verkrampft und indiskret. Das wäre so, als würden wir jetzt vom Thema Fotografieren zum Thema Ficken wechseln.

K.WEST: Was bleibt außer den Fotos?

RAKETE: Die Begegnungen. Der Ertrag in meinem Leben sind die Leute, die ich getroffen habe. Das ist wirklich die größte Belohnung.

K.WEST: Gibt es so was wie die Essenz des Rakete-Werks?

RAKETE: Ich halte es mit James Cagney, der hat mal gesagt: »Hit the mark, know your lines, and be honest.« Sonst fällt mir nichts ein.

Kunst
02 / 2009

Ein Rausch!


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