Edgar Degas: Kleine Tänzerin, 1888. Städel Museum, Frankfurt am Main. © Städel Museum – Artothek.

»Es geht nicht darum, Sensationen zu kreieren«

Warum zeigt er Edgar Degas und Auguste Rodin? Gerhard Finckh, Direktor des Von der Heydt-Museums, im Interview.  

INTERVIEW STEFANIE STADEL

k.west: Renoir, die Maler von Barbizon, Monet, Bonnard, Sisley, Pissarro, jetzt Degas und Rodin. Weshalb bringen Sie bevorzugt die französischen Impressionisten samt Vorreitern und Nachfolgern nach Wuppertal?
Finckh: Wir legen bewusst einen Schwerpunkt auf den Impressionismus, weil wir der Meinung sind, dass kein anderes Museum in Deutschland dieses Kapitel der Kunstgeschichte so gut vermitteln kann wie wir. Das Von der Heydt-Museum hat inzwischen beinahe den Ruf eines Impressionismus-Museums, wogegen wir uns mitunter wehren müssen. Aber das hat auch Vorteile. Mit unserer intensiven Arbeit auf diesem Gebiet haben wir über die Jahre schon eine gewisse Expertise erreicht. Museen in Frankreich, der Schweiz, den Vereinigten Staaten kennen uns und sind eher bereit, ihre impressionistischen Werke als Leihgaben nach Wuppertal zu geben. Anfangs war das doch viel schwieriger.  

k.west: Wird das Thema nicht langweilig, ist nicht schon sehr viel gezeigt, gesagt, geschrieben worden über den Impressionismus? 
Finckh: In Frankreich, natürlich. Und Japan befindet sich seit langem im Impressionisten-Fieber. In Deutschland ist das anders. Unsere Monet-Retrospektive 2009 etwa war die erste überhaupt hierzulande. Zu Sisley und Pissarro gab es zwar vor unseren schon Ausstellungen in Stuttgart, doch die waren weniger umfangreich. 

k.west: Nebenbei garantieren Ihnen die Impressionisten Besucher-Erfolge. Sensationelle 300.000 kamen zu Monet. Über Sisley, Pissarro und Co. mit jeweils rund 100.000 Gästen kann man sich auch nicht beklagen. Günstige Bilanzen spielen doch sicher auch eine Rolle bei der Zusammenstellung des Ausstellungsprogramms.
Finckh: Eigentlich nicht. Ich würde auch nicht Chagall zeigen, damit eine halbe Million hier auftaucht, oder Picasso, mit dem man es vielleicht auf eine Million bringen könnte. Natürlich möchte ich, dass unsere Ausstellungen von vielen gesehen werden – damit sie Freude daran haben und etwas Neuem begegnen. Aber meine Ausstellungspolitik soll sich in keinem Fall an Besucherzahlen orientieren; das würde mir keinen Spaß machen. Eine gewisse wirtschaftliche Notwendigkeit besteht allerdings, denn wenn dauerhaft zu wenige Besucher kämen, fehlte uns am Ende das Geld in der Kasse. Nicht umsonst starten unsere publikumsträchtigen Impressionisten-Ausstellungen in der Regel im Herbst und laufen lang bis in den Februar – genau die Zeit, zu der die Witterung einen Museumsbesuch nahe legt. Unsere Expertise hilft uns auch. Die Leute wissen inzwischen, was sie im Winter bei uns erwartet.

k.west: Und Sie erfüllen die Erwartungen …
Finckh: Dabei geht es aber nicht darum, Sensationen zu kreieren. Aufgabe des Museums ist es, Kultur zu vermitteln und vergangene Epochen im Gedächtnis zu halten. Man hat ja auch immer wieder mit neuem Publikum zu tun – also mit neuen Altersschichten, denen man Dinge wie den Impressionismus nahe bringen muss. Wenn von einem Tag auf den anderen keiner mehr Monet zeigte, würde in 50 Jahren auch niemand mehr an ihn denken. 

k.west: Richtig spannend wird es doch erst, wenn eine Ausstellung vielleicht einen etwas anderen Blick auf das gut erforschte Thema wirft, neue Sichtweisen öffnet, bisher wenig beachtete Aspekte entdeckt. Ist das beim Impressionismus noch möglich?
Finckh: Ja, uns ist das immer wieder gelungen. Zum Beispiel bei den Malern von Barbizon, die wir in Beziehung setzten konnten zu den frühen Fotografen, die gleichzeitig in den Wäldern von Fontainebleau gearbeitet haben. Auch bei Renoir, der eigentlich für seine Figurendarstellung bekannt ist – für die Porträts und die Menschen in Aktion. Uns waren dagegen die Landschaften wichtig, die auch ganz besonders impressionistisch sind und sehr interessant, weil sie auf die abstrakte Malerei vorausweisen. Solche Qualitäten fanden in der Wissenschaft lange wenig Beachtung. Wir aber haben sie herausgestellt. Auch unsere aktuelle Ausstellung wartet mit etwas Neuem auf – erstmals bringt sie Degas und Rodin vergleichend zusammen. 

k.west: Wie kam es zu der eher ausgefallenen Idee?
Finckh: Am Anfang stand die Tatsache, dass beide Künstler 1917 gestorben sind. Wir wissen auch, dass sie sich gekannt und wiederholt getroffen haben. Am Anfang unseres Projekts steht eigentlich ein kleines Briefkärtchen, das den Kontakt belegt.

k.west: Reicht das?
Finckh: Das war nur der Anfang, natürlich gibt es mehr und wichtigere Gemeinsamkeiten. Beide waren Bildhauer – der eine mehr, der andere weniger. Interessiert hat uns dann, welchen Weg sie gegangen sind: Verwurzelt im Klassizismus, schreiten sie fort in die Moderne. Dann fragt man sich, wo es Verbindungen auf diesem Weg gibt. Ähnlichkeiten fallen zunächst bei den Motiven auf – Tänzerinnen, Pferde, nackte Frauen. Doch gibt es auch strukturelle Übereinstimmungen. Ganz wichtig: Beide arbeiteten an der impressionistischen Skulptur. Interessant auch, dass Rodin wie Degas das Neue gesucht, fortwährend Tricks und Herangehensweisen erfunden haben, um etwas nie Dagewesenes herauszufiltern. Bis ins hohe Alter hinein. Dabei waren sie sehr informiert darüber, was sich in der Kunstwelt tat. Im Grunde bauen wir auf dem kleinen Fundament des Briefkärtchens einen Turm auf, der nach oben breiter wird. 

k.west: Rodin und Degas gehören sicher zu den Künstlern, deren Werke Museen und Sammler ungern verleihen. Sind Sie zufrieden mit ihrer Ausbeute?
Finckh: Bei so hochklassigen Künstlern muss man tatsächlich normalerweise um jedes einzelne Werk kämpfen, das man leihen möchte. Mit mindestens drei Briefen, Telefonaten, E-Mails, Reisen, Besuchen muss man rechnen. Es braucht sehr viel Überredungsgeschick, das oft prinzipielle Nein in ein Ja zu verwandeln. Bei der aktuellen Ausstellung hatten wir, was Rodin angeht, großes Glück. So gut wie alle Arbeiten kommen aus dem Musée Rodin in Paris, das wir mit unserem Ausstellungskonzept sofort überzeugen konnten. Die Vorgaben waren sehr klar – wir konnten 50 Skulpturen, 25 Fotos und 25 Zeichnungen auswählen.

k.west: Was hat das Musée Rodin von diesem Deal?
Finckh: Dass Rodin in Deutschland noch einmal ein Stückchen bekannter gemacht wird, dass dann vielleicht noch mehr Leute ins Rodin-Museum kommen und der Museums-Shop dort noch mehr Repros oder Postkarten verkaufen kann. Es geht auch um die Arbeit am Ruhm. 

k.west: Mit Rodin hatten Sie also leichtes Spiel. Wie war es bei Degas?
Finckh: Sehr schwierig. Er hat viele Pastelle gemacht, die wahnsinnig empfindlich sind, weil die Kreiden mit der Zeit austrocknen und der Farbstaub dann auf der Oberfläche des Blattes liegt und bei jeder Erschütterung etwas davon herunterrieseln kann. Die meisten Museen haben unsere Gesuche um Pastelle abgelehnt. Bei Kohle-Arbeiten, Gemälden und Bronzen hatten wir es etwas einfacher. Das Problem war aber auch, dass die Sammlungen überall sitzen – praktisch für jedes Werk mussten wir einen anderen Leihgeber ansprechen. Ich bin bei der Akquise weit herumgekommen: Schweiz, Frankreich, Skandinavien, USA. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden und überzeugt, dass es ein rundes Bild ergibt.

k.west: Seit Juni steht fest, dass Sie 2017 nicht in den Ruhestand
gehen, sondern noch zwei weitere Jahre am Von der Heydt-
Museum bleiben. Degas und Rodin sind also vermutlich nicht die letzten Impressionisten hier.
Finckh: Ein gutes Jahr lang arbeite ich schon an einer großen Ausstellung zu Edouard Manet, der auch gern den Impressionisten zugerechnet wird, obwohl er sich selbst von ihnen distanziert und auch nie mit der Gruppe ausgestellt hat. Danach ist aber Schluss mit dem 19. Jahrhundert. Im Herbst 2018 wollen wir uns erstmals dem 18. Jahrhundert widmen. Mit einer Rokoko-Schau – so etwas wollte ich immer schon machen.

VON DER HEYDT-MUSEUM, WUPPERTAL, »DEGAS & RODIN. GIGANTEN DER MODERNE«, BIS 26. FEBRUAR 2017, TEL.: 0202/5636231

Kunst
11 / 2016

»Es geht nicht darum, Sensationen zu kreieren«

Von: Stefanie Stadel


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