Hörst du die Stimme hinter dem Apparat?

Die Doppelausstellung »Mit anderen Augen« in Bonn und Köln gewinnt dem Foto-Porträt neue Bilder ab.  

In einer Zeit, da es vor Selfies kein Entkommen gibt und der Körper mit dem Smartphone verwachsen scheint, sind durchdachte Porträtfotos eine Wohltat – zu betrachten in einer Doppelausstellung in Bonn und Köln.

Text Alexandra Wach

Wenn sie glücken, spiegelt sich in Blick und Habitus des Abgebildeten eine ganze Geschichte. Das Porträtfoto erzählt dann allerhand, vom jeweiligen Zeitgeist über die Tücken der Herkunft bis zu charakterlichen Eigenheiten. Im besten Fall ist auch das Auge des Fotografen darin präsent als Werkzeug einer Selbstbefragung, auf die sein Gegenüber reagiert. Entlang von über 50 fotografischen Positionen bietet die Doppelschau im Kunstmuseum Bonn und in der Kölner SK Stiftung Kultur Einblicke in neueste Tendenzen des Genres. Der Zeitraum reicht von den 1990er Jahren bis heute. Ohne einen Blick auf die Jugend kommt kaum einer der Fotografen aus.

Wer 2011 die Berliner Blockbuster-Schau »Gesichter der Renaissance« gesehen hat, bringt das Rüstzeug mit, um in Bonn die Tricks zu erkennen, mit denen Jitka Hanzlová in ihrer Serie »There is Something I Don’t Know« operiert. Hell-Dunkel-Kontraste dominieren etwa das Porträt einer nach links schauenden jungen Frau mit verschränkten Armen, die an Leonardos »Dame mit Hermelin« erinnert. Nichts in der Komposition ist dem Zufall überlassen, weder die Pose noch das Bildformat. Das gilt auch für die anderen Jugendlichen, die Hanzlová auf der Straße gecastet hat und die wirken, als kämen sie aus einem anderen Jahrhundert. Ein Lächeln sucht man vergeblich. Nachdenklich bis streng fixieren sie als Dreiviertelfiguren die Kamera und schauen doch so, als sei ihnen die 1958 geborene Fotografin bereits lange bekannt. 

Das könnte an deren Biografie liegen: In den 80er Jahren ist Hanzlová aus der damaligen Tschechoslowakei nach Essen geflohen. Die Erfahrung von Fremdheit treibt sie seitdem in ihren Porträts um. Bei der Erfassung der Gesichter möchte sie eine »Abstraktion ursprünglichster emotionaler Zustände« erreichen, wo »etwas von dem übertragen werden kann, was gespeichert ist auf der großen Festplatte eines Lebens«. Behilflich ist ihr dabei eine analoge Kamera. Hanzlová verbringt mitunter Wochen im Labor. Solange, bis die Farben die Dichte von Malerei ausstrahlen und das Innere der Porträtierten kraftvoll betonen. Es bleibt nicht aus, dass diese nachhaltigen Begegnungen den Betrachter dazu animieren, die verbliebenen Lücken mit der eigenen Vorstellungskraft auszufüllen. Was könnte reizvoller sein, als einem Unbekannten eine imaginäre Identität anzudichten?

Weniger zeitlos und stärker im Jugendmilieu verwurzelt sind die ebenfalls in Bonn gezeigten Bilder von Tobias Zielony, der auf der letzten Biennale von Venedig als Mitglied eines disparaten Quartetts Deutschland mit einer Serie über Flüchtlinge repräsentierte. Der 1973 geborene Wahl-Berliner glaubt nicht an die Möglichkeit, die »wahre« Persönlichkeit hinter der äußeren Fassade erfassen zu können. Er begnügt sich mit der Selbstdarstellung, die zumindest etwas über Wünsche und Sehnsüchte des Gegenübers verrät. Seine Protagonisten findet Zielony an sozialen Brennpunkten wie Knowle West in Bristol, Plattenbausiedlungen in Halle-Neustadt oder den Vorstädten von Marseille. Dort begleitete er 2003 für die Serie »Quartiers Nords« junge Männer beim »Rumhängen«, in Situationen also, in denen er ihr »Komplize« war. 

Er glaube, so Zielony, »dass die Gesten nicht nur Überreste einer im Verschwinden begriffenen Industriekultur sind, sondern auch der Versuch, mit der zeitgenössischen visuellen Kultur in Verbindung zu bleiben. Über Kleidung, Posen, Musik findet eine Art gesellschaftliche Teilhabe statt, die anders vielleicht nicht mehr möglich ist, zum Beispiel weil die Arbeit abgewandert ist.« Und doch gibt es kein Bild ohne denjenigen, der es macht. Er trägt eben auch seine subjektive Wahrheit im Gepäck. Zielony schafft den herausfordernden Spagat zwischen dem Authentischen und Inszenierten, Gesellschaftskritik und Glamour des Elends. Das macht ihm in der zeitgenössischen Porträt-Fotografie keiner so schnell nach.

Im Bonner Teil der Doppelausstellung »Mit anderen Augen«, der sich mit etablierten Namen wie Thomas Ruff, Christopher Williams, Wolfgang Tillmans, Thomas Struth, Dunja Evers oder Annette Kelm der Vielfalt der Ansätze widmet, erweist sich der 1982 geborene Jan Paul Evers als würdiger Kontrahent zu den Positionen von Hanzlová und Zielony. Er klopft seine Schwarz-Weiß-Kompositionen von gefundenem Foto-Material in der Dunkelkammer mit Vorliebe auf mögliche Varianten ihrer Montage ab und erschafft so paradoxerweise Unikate. 

Für das Genre Porträt ist Evers seit einer Reise nach China entbrannt. Die Omnipräsenz von Mao-Bildnissen deutet er als Transfer westlicher Ikonografie der Macht. Grund genug, sich auf den Spuren von Warhol ein Familienporträt von Helmut Kohl samt Gattin und Schäferhund vorzunehmen. Die Bearbeitung des Motivs dient der Destillierung eines Images, das mit dem eigentlichen Charakter der gezeigten Personen kaum in Übereinstimmung zu bringen ist. Pikanterweise gehören dazu auch Porträts der Düsseldorfer Kunst-Mäzenin Julia Stoschek oder des Galeristen Hans Mayer, dessen Sohn Max ebenfalls Galerist ist und Evers vertritt.

Der zweite Ausstellungsteil in Köln ist fokussiert auf das Fortleben der Dokumentar-Fotografie. Dabei greift die Photographische Sammlung auf die eigenen Bestände von Diane Arbus, Jim Dine, Franceso Neri, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, August Sander oder Rosalind Solomon zurück und kombiniert sie mit ausgewählten Serien, die quer über den Globus in städtische und ländliche Mikrokosmen eintauchen.

Mit von der Partie ist die in Hamburg lebende Bulgarin Pepa Hristova, Jahrgang 1977 und Mitglied der Agentur Ostkreuz, die mit ihrer Serie »Sworn Virgins« mediales Aufsehen erregt hat. Sie spürte ausgerechnet im Norden Albaniens einen seltenen Fall der Gender-Verwirrung auf. Eine mündlich überlieferte Gesetzessammlung bietet Familien, die kein männliches Oberhaupt vorweisen können, ein Schlupfloch, das noch aus dem Mittelalter stammt: eine Frau aus der Verwandtschaft darf die Rolle der Stellvertreterin für den nicht selten durch Blutrache beseitigten Patriarchen übernehmen. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. Sie muss Jungfrau bleiben. 

Im Gegenzug ist ihr nicht nur der Respekt der Sippe sicher. Sie erhält auch den privilegierten Status der Männer, was offenbar auch zu einer körperlichen Verwandlung führt. Die Frauen tragen nicht nur Männerkleidung und schneiden ihre Haare kurz. Selbst ihre Gesichter haben jeglichen femininen Zug verloren. Hristova hat die Mann-Frauen in einer archaisch anmutenden Umgebung aufgenommen und damit das Phänomen noch kurioser erscheinen lassen. Glücklich wirken sie in ihrer Nische zwar nicht. Aber in der traditionellen Rolle der Frau-Frau wäre ihr Leben wohl noch mehr Restriktionen unterworfen.

Eine Erfahrung, die sich auch bei dem Südafrikaner Pieter Hugo erschließt. Schauplatz der Serie »Permanent Error« ist die weltweit größte Müllkippe für Elektroschrott in Ghana, in der sich die Kehrseite unseres beschleunigten Geräteverschleißes spiegelt. Junge Männer suchen zwischen entsorgten Computern und Kühlschränken nach Rohstoffen und nehmen eine Verseuchung durch Giftstoffe in Kauf. Ein apokalyptischer Ort, der keinerlei Zugang zu der im Westen viel beschworenen Partizipation bietet. 

Von Albanien und Accra ist es nach Afghanistan nicht mehr weit. Der 1966 geborene Mark Neville kann einen Abschluss am renommierten Londoner Goldsmiths’ College vorweisen. Als offizieller War Artist folgte er 2010 den britischen Truppen in das im Chaos versinkende Land. Er ging mit den Soldaten auf Patrouille in der Provinz Helmand und begleitete sie auch bei der Entschärfung von Sprengfallen. Immer wenn ein Afghane seinen Weg kreuzte, verglich er dessen Alter mit dem der auffällig jungen Briten. Für seine Serie »The Helmand Work« nahm er beide Parteien ins Visier und schafft in den Farbporträts eine Nähe, die dort, wo Kategorien wie Freund und Feind der Unschärfe anheimfallen, zwischen den Kindern und Jugendlichen eigentlich nicht möglich war. 

 

Um wie viel entspannter wirken da die Altersgenossen, die Jerry L. Thompson, einstiger Assistent von Walker Evans, auf der Straße aufgenommen hat. Das Abenteuer des Heranwachsens zeigt sich in der Lust am Zeigen der Tattoos, Anti-Kriegs-T-Shirts und blauen Haarmähnen, der verzweifelten Suche nach Individualität innerhalb des Schutzraums einer Jugendkultur. Die Figur im Vordergrund ist von der Welt abgeschieden und doch mitten drin. Eine objektive Syntax trifft auf Emotionen, die zwischen Stolz und Unsicherheit schwanken, jenseits von Posen, die bei Erwachsenen längst zur zweiten Natur geworden sind. Im Zeitalter der digitalen Vervielfachung sämtlicher Lebensbezüge sorgen diese Arbeiten für ein anderes Album der Intimität – als geduldige Studien der Selbstvergewisserung, die das Anekdotische weit hinter sich lassen.

KUNSTMUSEUM BONN, BIS 8. MAI 2016TEL.: 0228 776260

PHOTOGRAPHISCHE SAMMLUNG / SK STIFTUNG KULTUR, KÖLN, BIS 29. MAI 2016, TEL: 0221 88895 300

Kunst
03 / 2016

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