Wie real ist die virtuelle Welt? In »Factory of the Sun« geht die Filmemacherin Hito Steyerl dieser Frage nach. Foto: Hito Steyerl

In »Out on the Street« von Jasmina Metwaly und Philip Rizk spielen Arbeiter aus Kairo ihre Erfahrungen mit der Privatisierung einer Fabrik nach. Foto: Jasmina Metwaly/Philip Rizk

KÄMPFE AM CANAL GRANDE

Die Biennale in Venedig legt den Finger in die Wunde: Unter dem Motto »All the world’s futures« geht es um die Zukunftsfähigkeit der Welt. Florian Ebner, Kurator am Museum Folkwang, betreut den Deutschen Pavillon.

TEXT: CHRISTIANE HOFFMANS

Schwarze Tücher versperren den zentralen Pavillon. Wie Fetzen hängen die Leinwände vor dem Eingang des klassizistischen Gebäudes, in dem der Kurator der aktuellen Biennale di Venezia seine Hypothese unter dem wohlklingenden Titel »All the world’s futures« ausbreitet. Okwui Enwezor hat Künstler ausgewählt, die sich und die von ihnen gestaltete Welt nicht aus dem Inneren eines gesicherten Elfenbeinturms entwickeln, sondern aktiv das Leben mit seinen Parametern thematisieren. Enwezor, Aktivist unter den Kuratoren, ist unterwegs im Namen einer besseren Welt. In Venedig tritt er an,  einen »Garten der Unordnung« zu pflanzen. Oscar Murillos Tücher, die abgezogenen Tierhäuten ähneln, stimmen ein auf einen Trip ohne Schonung und Barmherzigkeit.

Dass der Mensch in Enwezors Weltbefragung die Hauptrolle spielen soll, zeigt das Video eines Mannes, der sich die Seele aus dem Leib zu kotzen scheint. Vor 40 Jahren hat Christian Boltanski diesen Film gedreht, und man wird bei der Betrachtung der kleinen Arbeit das Gefühl nicht los: Es gab in jenen vergangenen Jahren nur wenig Grund zur Freude. Geht es nach Enwezor, soll die Kunst Zeugnis von einer problembehafteten Welt ablegen, soll diese kommentieren und Gegenmodelle entwickeln. In Venedig stehen politische und gesellschaftspolitische Zustände samt ihrer negativen Auswirkungen wie Migration, Krieg, Terrorismus, Rassismus, Ideologisierung oder Umweltvernichtung zur Diskussion. Karl Marx dient dafür als Pate – mit Lesungen seines Schlüsselwerks »Das Kapital«. Wahrscheinlich hat Enwezor diese Idee kess von der Theater-Kooperative Rimini-Protokoll übernommen und unter dem Label Biennale implementiert. Wie man überhaupt hier den Eindruck gewinnt, dass die Bildenden Künste viel vom Theater gelernt haben.

Ob es Zufall ist, dass auch der Deutsche Pavillon sich dem dunklen Tenor der Ausstellung Enwezors anschließt? 

Jedenfalls wählte das Auswärtige Amt, zuständig für die Berufung des nationalen Kommissars, mit Florian Ebner einen Kurator, der der Befragung gesellschaftspolitischer Zustände in der Kunst den Vorzug gibt.  Dem schönen Schein kann der Fotoexperte des Museum Folkwang ebenso wenig abgewinnen wie sein Kollege Enwezor. Ebners Interesse gilt dem Nachdenken über das Medium Fotografie und Wirkmechanismen medial produzierter Bilder. Seine Vorgehensweise erkennt man gut an der aktuellen Schau im Museum Folkwang. »Conflict, Time, Photographie«, die Kriege und ihre sichtbaren Folgen und sozialen Nachwirkungen in den Blick nimmt. Wahrscheinlich war Ebners glaubhaft engagierte,  großartig gestaltete Ausstellung »Cairo. Open City« über die Proteste des arabischen Frühlings, die er 2013 eben dort in Essen zeigte, so etwas wie ein Empfehlungsschreiben für den Deutschen Pavillon. Denn nur kurz nachdem der Kritikerverband AICA die Schau zur »Ausstellung des Jahres« gekürt hatte, wurde Ebner nominiert.

Dass Fotografen, Videokünstler und Filmemacher Zeugnis ablegen über die Proteste freiheitsfordernder Ägypter und die brutalen Reaktionen der Staatsmacht, war für Ebner und seine Mitautorin Constanze Wicke Auslöser für die Kairo-Ausstellung. Beiden ging es um zwei Fragen: Was ist dort geschehen? Und wie werden diese Ereignisse in einem Medium, das sich im Umbruch befindet, erzählt? Die Anfänge der Revolution am Tahir-Platz liegen schon vier Jahre zurück, aber die entsprechenden Überlegungen sind für Ebner virulent wie eh und je. Dass er sein kunstwissenschaftliches Credo mit nach Venedig nehmen würde, galt als ausgemacht. Mit dem gebürtigen Franken, der in Arles Fotografie und in Bochum Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik studiert hat, wurde erstmals nicht nur ein Spezialist für Fotografie und Medien mit der Aufgabe des Deutschen Pavillons betreut, sondern auch ein kuratierender Aktivist engagiert.

»Fabrik« steht am Eingang des Deutschen Pavillons. Wer in den Räumen arbeitet und was dort produziert wird, ist von außen nicht auszumachen. Ebner hat die hohe Eingangstür zumauern lassen. Wer eine Weile davor steht, hört von Zeit zu Zeit ein leises Surren und sieht, beim Blick durch die Bäume des Gartens, einen Bumerang. Oben auf der Dachkante des Pavillons steht ein Mann, der das gekrümmte Geschoss wirft. Das Dach ist die Bastion von Olaf Nicolai. Der Berliner Künstler, der sich gern abenteuerliche Projekte ausdenkt, ist den Deutschen aufs Dach gestiegen.

Mit diesem Akt kann Florian Ebner zufrieden sein. Er liebt Statements mit mannigfachen Bedeutungsebenen – mit einer Lesart gibt er sich selten zufrieden. Das zeigt auch die architektonische Umwandlung des Gebäudes: Zum einen wurde der hoheitliche Gestus des von den Nationalsozialisten umgestalteten Pavillons gebrochen. Der Eingang liegt nun an der Seite und ist so schmal, dass man nur einzeln hindurch gehen kann. Repräsentative Staatsauftritte wären undenkbar. Für Mussolini wäre die Öffnung zu eng gewesen, und Hitler hätte sich beim Heben des rechten Arms zum »Deutschen Gruß« die Hand angestoßen. Aber der Titel »Fabrik« erinnert auch an die Geschichte des Films. »Arbeiter verlassen die Lumière-Werke« ist eine der ersten Produktionen aus dem Jahr 1895: rund 50 Sekunden lang haben die Brüder Lumière die Szene gefilmt.

Die Verwandlung zur Fabrik rahmen die vier Positionen von Tobias Zielony, Hito Steyerl, Jasmina Metwaly und Philip Rizk sowie dem Mann auf dem Dach, Olaf Nicolai.

Über die Wendeltreppe gelangt man zu Zielony. Er beschäftigt sich mit dem Thema Migration. Für seine Serie »The Citizen« hat der gebürtige Wuppertaler Afrikaner in Berlin und Hamburg fotografiert, die aus ihrer Heimat geflohen sind. In großformatigen Wandarbeiten porträtiert er sie. Ausliegende Zeitungen geben Auskunft über ihre Geschichten. Etwa über eine Frau aus Eritrea, die in ihrem armen Land keine Zukunft hatte. Sie floh vor Hunger und Durst, Hass und Verfolgung. »Journey of hope« nennt sie ihren lebensgefährlichen Weg nach Europa, erst auf einem Lastwagen durch die Wüste und dann auf dem Boot bis an die italienische Küste. Man weiß, der Tod sitzt mit im Boot. Durch die persönliche Erzählung werden die Motive der Entscheidung, die Lebensgefahr zu riskieren für die Freiheit,  berührend eindringlich. Wie auch bei Adam Bahar, der als politischer Aktivist den Sudan verlassen musste, um der ständigen Verfolgung durch die herrschende Clique zu entkommen.

Nun könnte man argumentieren, dass solche Fotostrecken hinlänglich bekannt sind. Doch Zielony geht einen Schritt weiter. Er wollte keine Migrations-Einbahnstraße. Daher schickte er seine Fotos an afrikanische Zeitungen und bat dort Journalisten, über das Schicksal dieser Menschen zu berichten. Erfolgreich. Artikel aus Zeitungen im Sudan, in Uganda und Kamerun hängen in Schaukästen – und sollen dort eine Debatte anstoßen.

Doch geht Zielonys Position über eine journalistische hinaus? Diese Skepsis betrifft als Grundtenor den gesamten Deutschen Pavillon: Inwieweit muss sich eine künstlerische Arbeit von einer Dokumentation unterscheiden? Ebner wird mit dieser Problemstellung immer wieder konfrontiert – wie die Künstler auch. Im vergangenen Jahr näherte Ebner sich ihr mit der Schau »(Mis)Understanding Photography« an: Ist der Inhalt das wichtigste Kriterium für ein Werk, ist es die Form oder vielleicht doch die Materialität? Bei Zielony stehen eindeutig die Inhalte im Vordergrund: eine  konzeptionelle Arbeit, deren Grenzen zur Dokumentation fließend sind.

Anders bei Hito Steyerl. Die deutsch-japanische Künstlerin überwältigt im Erdgeschoss mit ihrem Film »Factory of the sun«, in dem sie Debatten zur digitalen Gegenwart gleichermaßen kritisch wie spielerisch umsetzt. Inhaltlich entwickelt die Berlinerin einen Plot, der sich mit der Macht der Deutschen Bank beschäftigt, die keine Grenze mehr zieht zwischen privatwirtschaftlichen Interessen und demokratischen Gesetzmäßigkeiten. Erinnerungen an Dave Eggers Roman »The Circle«, der die Rolle monopolistischer Unternehmen à la Google thematisiert, die ihre Geschäftsfelder ausweiten, um die Bevölkerung sozialer Kontrolle zu unterziehen, kommen dabei auf. Steyerls Film changiert lustvoll gruselig zwischen Computerspiel und Montage, Wirklichkeit und Fiktion.

Mit Aufnahmen des Video-Kollektivs Mosireen und eigenen Filmen über die Ereignisse in Kairo nahmen Jasmina Metwaly und Philip Rizk bereits an Ebners »Cairo. Open City« teil. Für Venedig entwickelte das Paar den Film »Out on the street«, in dem es den Weg der Dokumentation verlässt. Metwaly & Rizk luden Arbeiter aus Kairos Arbeiterviertel Helwan ein, ihre Erfahrungen mit der Privatisierung ihrer Firma zu erzählen und nachzuspielen. Das Re-enactment, das sich historisch aus dem Nachspiel großer Schlachten entwickelt hat und im Theater längst erprobt wird, findet Rückkoppelung an die Bildende Kunst. Es werden Themen wie Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz, Polizei-Brutalität, Korruption und Ausbeutung angesprochen. Ziel ist eine Bewertung der Vergangenheit und der Ausblick auf eine gerechtere Zukunft. Formal betrachtet sprengen die Künstler die kleine Form des Videos: Der 71-minütige Film könnte auch auf der Berlinale laufen.

Wer also wird die Schlacht um die gesellschaftliche Vormachtstellung gewinnen, wer unsere Zukunft gestalten? Antworten liefert die venezianische Fabrik nicht.

bis 22. November 2015

Kunst
06 / 2015

KÄMPFE AM CANAL GRANDE

Von: Christiane Hoffmans


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