Vincent van Gogh, Self-Portrait as a Painter, 18871888. Van Gogh Museum, Amsterdam, Vincent van Gogh Foundation.

Edvard Munch, Self-Portrait with Palette, 1926. Private collection.

Kunst an der Seelenfront

Das Van Gogh Museum in Amsterdam sucht erstmals nach den Parallelen zwischen Vincent van Gogh und Edvard Munch.

Text Alexandra Wach

Sie waren nicht nur Zeitgenossen, sondern auch Pioniere der Moderne, die in ihrer Motivwahl um existentielle Fragen kreisten und ein ähnliches Malereikonzept teilten. Das Van Gogh Museum in Amsterdam sucht jetzt erstmals nach den Parallelen zwischen Vincent van Gogh und Edvard Munch. Die Auslese von 80 Gemälden und 30 Arbeiten auf Papier trumpft mit erstaunlichen Schnittmengen auf.

In den 1880er-Jahren wimmelte es in Paris von Malern aus allen Ecken Europas, die sich im Windschatten der Impressionisten einen Bruch mit der Tradition wünschten und nach neuen Wegen des Ausdrucks suchten. Vincent van Gogh und Edvard Munch gehörten dazu. Zehn Jahre Altersunterschied lag zwischen ihnen. Der jüngere Manisch-Depressive aus Norwegen und der nicht weniger Nervenkranke aus den Niederlanden haben sich in der damaligen Hauptstadt der Avantgarde zwar nie getroffen. Doch wenn sie es getan hätten – die Begegnung wäre wohl nicht folgenlos geblieben. Denn ihre Biografien weisen schon ohne die direkte Konfrontation markante Gemeinsamkeiten auf: Alkoholexzesse, chronischer Geldmangel, Psychiatrieaufenthalte, Malerei als Ventil nicht endender Krisen und vor allem die öffentliche Ablehnung ihrer Kunst.                               

Selbst ihre Anfänge ähneln sich. Van Gogh wie Munch wuchsen in einem protestantischen Haus mit dominantem Vater auf. Beide hatten den französischen Maler Jean-François Millet zum Vorbild und begannen mit naturalistischen und sozial engagierten Sujets. 1885 hielten sie sich zur gleichen Zeit in Antwerpen auf. Im selben Jahr kam Munch nach Paris. Van Gogh reiste im Februar 1886 an und verpasste ihn nur knapp.

Dessen Bruder Theo ist der Norweger an der Seine aber wahrscheinlich begegnet. Er lebte in derselben Straße. An dem Kunsthändler, der in seiner Galerie dort die wichtigsten Impressionisten anbot, führte kein Weg vorbei. Diese einflussreiche Bewegung war es auch, die neben Toulouse-Lautrec und den Pointillisten beide zu einem Stilwechsel und längerfristig zu einer eigenen Handschrift inspirierte. Prägend wirkte auch Gauguin mit seinem flächigen Bildaufbau, in dem die Konturen durch dicke Linien akzentuiert sind. 

In der Amsterdamer Doppelschau, die in Zusammenarbeit mit dem Munch Museum in Oslo entstanden ist und dort mehr als 170.000 Besucher angezogen hat, begnügt man sich nicht damit, zwei Publikumslieblinge zu einem sicheren Blockbuster zu verknoten. Sechs Jahre Forschung haben durchaus Früchte getragen. Etwa dass Munch ein großer Bewunderer des Holländers war und versuchte, seiner Vorgehensweise auf die Spur zu kommen. Im Herbst 1933, elf Jahre vor seinem Tod, schrieb er über seinen Seelenverwandten: »Während seines kurzen Lebens erlaubte es van Gogh nicht, dass seine Flamme ausging. Feuer und Glut waren seine Pinsel im Verlauf der wenigen Jahre, in denen er für seine Kunst ausbrannte. Ich habe gedacht und gewünscht, auf lange Sicht in seine Fußstapfen zu treten, aber mit mehr Geld zur Verfügung, als er es hatte.«

Inzwischen sind über hundert Werke van Goghs identifiziert, die Munch, der 54 Jahre länger gelebt hat, in von ihm nachweislich besuchten Ausstellungen gesehen haben muss. Betrachtet man die legendären Schmerzensmänner in Amsterdam nun Seite an Seite, staunt man über die thematischen Affinitäten. Vor allem über den Porträts schwebt die gleiche Agenda: ein schmeichelnder Blick auf das Gegenüber ist Tabu, die Gesichter wirken erschöpft von der täglichen Mühsal, die Augen starren müde ins Nichts.

Vergleicht man ihre Sternennächte, Waldwiesen, Selbstporträts mit Palette, Seeleute oder die auf Feldern arbeitende Bauern bei der Ernte, ist van Gogh stets derjenige, der in seiner Kunst so etwas wie einen Rest an Lebensfreude extrahieren kann, Harmonie sucht und rauschhafte Entrücktheit, wenn auch mit reichlich nervösem Überschwang. Schon die strahlenden Farben und der heftige Pinselstrich sprechen eine andere Sprache als bei Munch, der in seinem dünnen, schattenhaften Malduktus fast verhuscht wirkt.

Bei Munch sind die Häuser nicht leuchtend gelb, sondern blutrot vom Efeu, der die Wände gänzlich verschlingt. Deprimierte Gestalten, Vampire und perverse Erotomanen schieben sich immer wieder ins Bild. Oder jene Gestalt mit weit aufgerissenem Mund, die wie in einer Panikattacke auf einer Brücke verharrt – neben diesem stillen »Schrei« von Munch zeigt die Schau van Goghs »Brücke von Trinquetaille« mit Spaziergängern, die am sommerlich glänzenden Wasser vorbeiflanieren. Das Kind im Vordergrund schlägt sich zwar beide Hände vors Gesicht. Doch bleibt offen, ob dies aus Angst oder aus Vergnügen geschieht.

In einander ähnlichen Kompositionen drücken die Maler gänzlich verschiedene Gefühle aus. Und die Lösungen, die sie für eine innovative Bildgrammatik finden, könnten kaum unterschiedlicher sein. Bei Munch scheinen die Bewegungen fließend, die Welt löst sich im beklemmenden Zerfall auf.

Van Gogh dagegen platziert seine negativen Befindlichkeiten weniger eindeutig. Er versteckt sie regelrecht hinter dem Wunsch nach einem wärmenden Tagtraum. Dies ist selbst im »Weizenfeld unter Gewitterwolken« – gemalt nur wenige Tage vor seinem Selbstmord – zu beobachten: Der düstere Himmel wirkt zwar ein wenig melancholisch, doch das kräftige Grün der Felder hält dagegen. Es ist so vital, dass keine bedrohliche Leere aufkommt.

Ob hell oder dunkel, hoffnungsvoll oder morbide, magischer Naturgenuss oder existenzieller Horror – in der Intensität ihrer Weltwahrnehmung stehen sich diese letztlich doch ungleichen Brüder in nichts nach.

Und noch einen Plan hatten sie gemeinsam: Sie dachten in Serien und hofften, dass sich ihre Gemälde zu einem Ganzen fügen würden, zu einer »Symphonie«, wie es beide nannten. Im letzten Saal der über drei Stockwerke ausgedehnten Tandem-Schau trifft Munchs »Lebensfries« – ein Zyklus über das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tod –  auf van Goghs mit »Décoration« betitelte Abfolge von Stadt- und Landdarstellungen, Porträts und Stillleben. Spätestens dieser geballte Schlussakkord macht das Verbleiben in der emotionalen Komfortzone unmöglich – auch heute noch.  

VAN GOGH MUSEUM, AMSTERDAM: »MUNCH : VAN GOGH« , 25. SEPTEMBER BIS 17. JANUAR 2016, TEL: 0031 20 5705292

 

 

Kunst
11 / 2015

Kunst an der Seelenfront

Von: Alexandra Wach


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: