Lehmbrucks »Kniende« mit Greetje Groenendyk, Ballerina an der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Bernd Jansen (1976)

Die Kniende im Lehmbruck-Trakt. Foto: Mark Wohlrab

KUNST AUF KNIEN

Seit Jahrzehnten kniet sie im musealen Rampenlicht. Dennoch konnte sich Wilhelm Lehmbrucks anmutige Frauenfigur einiges von ihrem Geheimnis bewahren. Zum 100. Geburtstag rückt die Kniende nun ins Zentrum einer großen Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum. Mit Kuratorin Marion Bornscheuer sprach K.WEST über Lehmbrucks noch immer nicht ganz entschlüsseltes Schlüsselwerk.


INTERVIEW: STEFANIE STADEL


K.WEST: Damals, 1911 in Paris, hatte der 30-jährige Lehmbruck mit seiner Frauenfigur bereits einigen Wirbel gemacht. 100 Jahre später scheint sie noch immer so brisant, dass Ihr Haus eine Großausstellung um dieses eine Werk arrangiert. Was macht die Kniende so interessant, so wichtig?

BORNSCHEUER: Wichtig ist sie zunächst, weil Lehmbruck mit dieser Plastik seinen eigenen, ganz neuen Stil entwickelt. Die Große Stehende, jenes Werk, das er 1910, also unmittelbar vor der Knienden, geschaffen hat, zeigt sich noch ganz klassisch: Die Figur ist nach menschlichen Proportionsmaßen aufgebaut und orientiert sich stilistisch an antiken Venus-Darstellungen. Bei der Knienden ist das auf einmal ganz anders – die Proportionen folgen nicht mehr den tradierten Regeln, sie erscheinen extrem gelängt. Die Gesamtkomposition ist aus diversen Dreiecksformen aufgebaut, die der Figur einen eigenen Rhythmus geben.

K.WEST: In Lehmbrucks Schaffen markiert sie also einen wesentlichen Wendepunkt. Entscheidender scheint aber doch die Frage, worin ihre Bedeutung für die Kunstgeschichte besteht.

BORNSCHEUER: In der Knienden manifestiert sich eine ganz neue Art der Figurenauffassung, die eben auch vollkommen anders ist als die Kunst anderer deutscher Bildhauer in dieser Zeit. Nur zum Vergleich: In demselben Jahr wie die Kniende ist auch Louis Tuaillons durch und durch konventionelles Reiterdenkmal für Wilhelm II. auf der Hohenzollernbrücke in Köln entstanden.

K.WEST: Fortschrittlich also verglichen mit der Produktion deutscher Zeitgenossen. Ist die Kniende denn auch ganz anders als das, was etwa französische Kollegen in diesen Jahren geschaffen haben – die Kubisten zum Beispiel?

BORNSCHEUER: Ja, schon. Aber hier gibt es eher Anknüpfungspunkte. Just 1911, im Entstehungsjahr der Knienden, feierte der Kubismus in Paris seinen großen Durchbruch im Salon des Independants. Man könnte sagen, dass das kubistische Formenrepertoire in der aus Dreiecken konstruierten Knienden ein Echo findet.

K.WEST: Aber da gibt es doch einige wesentliche Unterschiede zwischen Lehmbruck und Künstlern wie Picasso, Braque, Archipenko.

BORNSCHEUER: Ja, der wesentlichste ist natürlich, dass Lehmbrucks Arbeiten immer figurativ bleiben. Zwar gibt es auch hier Abstraktionstendenzen – bei der Knienden in den extrem gelängten Gliedmaßen. Doch geht Lehmbruck nie so weit wie seine genannten Kollegen. Das ist wohl das Besondere an ihm. Er liegt dazwischen: Für die Franzosen zu archaisch, zu traditionell, und für die Deutschen zu fortschrittlich.

K.WEST: Was meinen sie – ist die Kniende das wichtigste Werk in Lehmbrucks Œuvre?

BORNSCHEUER: Nein, das lässt sich so nicht sagen. Aber sie ist unbestritten eines seiner Hauptwerke, weil er mit ihr bildhauerisch – und kunsthistorisch – innovative Lösungen findet.

K.WEST: Waren diese Innovationen lange vorbereitet, hat Lehmbruck sie sich mühsam erarbeiten müssen? Oder kam die Idee zur Knienden eher spontan?

BORNSCHEUER: Man weiß es nicht ganz genau. Der Kunsthistoriker Eduard Trier, der noch mit Lehmbrucks Frau Anita sprechen konnte, überliefert, sie habe berichtet, dass ihr Mann bei der Arbeit an der Knienden kein Ende fand. Als die Eröffnung des Pariser Herbstsalons näher rückte, habe Anita zu ihrem Mann gesagt: Also jetzt ist Schluss, jetzt kommt die Figur in die Gießerei. Lehmbruck habe sich sehr aufgeregt, weil für ihn das Werk ja noch nicht vollendet war. Ruhiger sei er erst geworden, als er die Kniende im Herbstsalon aus der Distanz habe sehen können, was im Atelier nicht möglich gewesen sei.

K.WEST: Eine zentrale Frage der Ausstellung im Lehmbruck-Museum ist ja, wie die Haltung der Knienden zu erklären ist. Welche Antworten können sie darauf geben?

BORNSCHEUER: Unser Ziel kann nicht sein, konkrete Antworten zu geben, sondern nur, weitere Fragen zu öffnen. Gute Kunst macht ja überhaupt erst aus, dass sie keine konkreten Antworten gibt, sondern immer wieder neu zum Nachdenken anregt.

K.WEST: Also doch keine Neuigkeiten in der Haltungs-Frage?

BORNSCHEUER: Doch. Was bisher kaum untersucht wurde und in der Ausstellung erstmals zur Diskussion steht, ist die mögliche Verbindung zwischen der Knienden und dem Tanz der 1910er Jahre mit Choreografen wie Isadora Duncan oder Nijinsky. Deren Neuerungen führten weg von Spitzentanz in Korsett und Tutu. Duncan propagierte mehr Natürlichkeit, kleidete sich in eine Art griechische Tunika und tanzte barfuß. Für die Truppe der Ballets Russes mit ihrem Star Nijinsky wurde in Paris das 1913 eröffnete Théâtre des Champs-Élysées errichtet und mit Werken etlicher zeitgenössischer Künstler ausgestattet. Bildende Künstler und Tanzszene standen offenbar in engem Austausch. Immer wieder haben Bildhauer die Tänzer gezeichnet und modelliert – sie sahen in ihnen wohl so etwas wie bewegte Skulpturen im Raum. Dieser Ursprung liegt auch für die Kniende nahe, denn es gibt diverse Fotos und sogar Filmmaterial mit Choreografien von Nijinsky, die zeigen, dass es die rätselhafte Pose der Knienden bereits gegeben hat – im Tanz.

 

WILHELM LEHMBRUCK

Düsseldorf war ihm zu provinziell. Mit der Familie zog es Wilhelm Lehmbruck 1910 an den Nabel der Kunstwelt, nach Paris. Am Montparnasse fand er günstigen Atelierraum und reichlich avantgardistischen Input. Vier Jahre sollte er dort bleiben – eine entscheidende Phase für Lehmbrucks künstlerische Entwicklung. In dieser Zeit schuf er seine Kniende, die einen deutlichen Bruch im Werk markiert. »Eines Tages waren alle Frauenbüsten, Frauentorsos mit antikem Einschlag beiseite geräumt und in der Mitte des Ateliers stand eine überlebensgroße, halb kniende Frauengestalt, die nicht aufhörte«, so beschreibt Julius Meier-Graefe, Kunsthistoriker und Lehmbruck-Kenner, die erste Begegnung mit der Figur. Die Kniende war für ihn »alles Mögliche, nur keine Plastik«. Sie zwinge den Betrachter, entweder niederzusinken oder davonzugehen. Was Meier-Graefe betrifft, so ging er davon – fürs Erste.  Doch kam er sehr bald wieder, als ihm klar wurde, dass mehr hinter der Figur steckt. 1913 schon wurde die Kniende bei der Armory Show in New York international bekannt – sogar als Postkartenmotiv machte sie damals die Runde. 


»100 Jahre Lehmbrucks Kniende – Paris 1911« Lehmbruck Museum, Duisburg 24. Sept. bis 22. Januar 2012. Tel.: 0203/2833294. www.lehmbruckmuseum.de

Kunst
09 / 2011

KUNST AUF KNIEN

Von: STEFANIE STADEL


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