Sachiko Stegmüller beim Schreiben. Foto: Sabitha Saul

Mal schauen, was passiert

Jochen Gerz’ Projekt »2-3 Straßen« schickt Künstler zu normalen Menschen in die Stadt.

//   80 Fremde mietfrei in drei Stadtvierteln des Ruhrgebiets einquartieren und dann mal schauen, was passiert – so schlicht könnte man Jochen Gerz’ 2010-Projekt »2-3 Straßen« umschreiben. Man kann es auch eine Versuchsanordnung nennen oder eine »soziale Plastik«. Was am Ende von diesem Kunstwerk wie zu sehen sein wird, ist völlig offen. Und der Künstler will das so. Kaum hatte er die Sache angestoßen, zog er gleichsam die Hände zurück: laufen lassen.

Schon der Titel des Projekts klingt wohl bewusst unbestimmt. Denn seit langem ist klar: Es sind nicht zwei bis drei Straßen, sondern mindestens drei, weil auf drei Städte verteilt. Nun sind es noch mehr: eine in Mülheim-Stadtmitte, zwei in Duisburg-Hochfeld, und mindestens zwei am Dortmunder Borsigplatz. Zentrumsnahe Viertel sollten es sein, gern auch mit gesellschaftlichem Verbesserungspotenzial. Das hat auch praktische Gründe. Denn in Hochfeld, in Mülheims Hochhäusern und am Borsigplatz fanden Wohnungsgesellschaften schnell leerstehende Wohnungen, die sie für ein Jahr entbehren konnten.

Die Kandidatensuche war nicht eben so, wie man sich dergleichen vorstellt. Schon das Wort »Einladung« klingt Jochen Gerz eigentlich zu sehr nach Aufforderung zu irgendetwas. Wer nach üblicher Art seine Vita glänzen ließ und für das Jahr im Ruhrgebiet eilfertig eine Liste mit Projekten entwarf, stieß damit eher auf Reserve. Und wer sich vergewissern wollte, dem antwortete Jochen Gerz: »Ich weiß nicht, was ich von Ihnen will.« Mit einer Ausnahme: Jeder Neubewohner bekommt einen Laptop, auf dem er jeden Tag einen Text schreiben soll, der das Leben in den 2-3 Straßen reflektiert.

Mit dem Schreiben wird das so gehen: Wer einen Textabschnitt schließt und abschickt, sieht ihn erst mal nie wieder. Das Stück wird auf einem Server gespeichert, zwischen einem unbekannten Vorgänger und einem unbekannten Nachfolger. Das Gleiche passiert, wenn man acht Minuten lang nichts eingibt. Fürs Speichern auf dem eigenen Laptop hat die Software keine Funktion, ebenso wenig fürs Ausdrucken. Weg ist weg. Dass man sein Textstück vom Bildschirm digital fotografieren könnte, zwecks späterer Anknüpfung, gibt Gerz fast unwillig zu – als störe ihn die Möglichkeit, in den Prozess einzugreifen, der zu einem Flickenteppich-Text von joycescher Komplexität und kempowski-eskem Umfang führen soll. Denn nicht nur die 80 Wohn-Stipendiaten sollen schreiben. Sondern möglichst auch Altbewohner der Viertel – und Besucher, die dieses Kunstwerk anschauen. Auf jeden Fall will Gerz alles drucken lassen. Mit Verlagen ist er in Kontakt. Ein Lektor liest – »damit jemand sagen kann, ich habe es gelesen.« Gekürzt und editiert wird nicht.

Die Resonanz der Versuchsanordnung in den Stadtvierteln ist natürlich zentrales Element einer »sozialen Plastik« – und gleichzeitig der unbekannteste Faktor. Die Menschen, die Straßen verändern will Jochen Gerz eigentlich nicht. Sondern sichtbar machen, was dort an Potenzial verborgen ist, mit den Neu-Mietern als Enzymen oder Katalysatoren. Gerz stellt sich vor, dass die »Altbewohner« in Kontakt kommen mit den Neulingen. Dass Museen Besichtigungen der Viertel und Besuche bei den Mietern in ihre Programme aufnehmen. Ganz dem Zufall wird das nicht überlassen. In jedem der Viertel gibt es drei Mitarbeiter: einer als Ansprechpartner für Neu- wie Altmieter, einer für die technische Betreuung der Laptops und einer für Öffentlichkeitsarbeit, damit die Straße sich innerhalb der Stadt ins Gespräch bringen kann. »Bespaßung« und organisierte Zusammenkünfte aber wird es nicht geben; wie die Leute tatsächlich zueinander finden sollen, das ist am Beginn des einjährigen Projekts noch ungewiss. Allerdings haben sich einige der ausgewählten Neu-Kreativen im Internet schon als routinierte, WG-erfahrene Kuscheltiere geoutet, haben über gemeinsame Küchen gebloggt und dass man sich bestimmt bald besuchen werde.

Zu diesen Wohlvernetzten zählt Achim Stegmüller nicht, seit Anfang Oktober erster Neu-Mieter in der Saarbrücker Straße, Duisburg-Hochfeld. Dass er mal dort landen würde, war aus dem bisherigen Leben des 31-Jährigen nicht herauszulesen. In Heidelberg geboren, hat er im Literaturinstitut Leipzig das Schriftstellern gelernt. Ist wie viele andere nach Berlin gegangen und hat dort an einem Sachbuch gearbeitet. Aber das war es nicht. Stegmüller wollte nach Japan; die Literatur faszinierte ihn. Er machte ein kurzes Aufbaustudium in Tübingen und Kyoto, mit dem Ziel der »interkulturellen Japankompetenz«. Man kann wohl sagen, dass es geklappt hat damit, denn er lernte dort seine Sachiko kennen, heiratete sie und lebte drei Jahre mit ihr in Japan.

Dann aber beschlossen sie, der Balance halber auch mal in Deutschland zu leben. Stegmüller las in »Spiegel-Online« von den 2-3 Straßen, schickte die gewünschten Mails über seine Motivation und wurde akzeptiert. Dass er Sachiko Deutschland ausgerechnet in der Gestalt Duisburg-Hochfelds nahe bringen wollte, sei sicher ein Wagnis gewesen, räumt er ein. Bislang scheint’s zu klappen. Sachiko Stegmüller hat einen gut dotierten Job in Japan gekündigt, und ehe sie sich in Düsseldorfs Japan-Kolonie um einen neuen bemüht, möchte sie sich in Hochfeld erst mal wieder der Malerei widmen, die sie studiert hat. Sie lernt Deutsch und ihre Umgebung kennen. Und Achim Stegmüller will sich neuen Buchprojekten widmen. Die geforderten täglichen Texte sind für ihn kein Problem: »Darauf freue ich mich.«

Fotograf Martin Gensheimer, 31, sieht das Schreiben mehr als ungewohnte »Herausforderung«, aber auch als eine willkommene Chance, »meine Umgebung bewusster wahrzunehmen«. Gensheimer ist dabei, sein Studium in Dortmund mit dem Diplom abzuschließen – und damit auch seine Dortmunder Zeit. Mit den neuen Nachbarn in Hochfeld hat er, wie Stegmüllers auch, bislang nur sporadischen, wenn auch freundlichen Kontakt. Von den anderen Neu-Mietern kennt er noch niemanden. Aber seine Freundin wohnt schon in Duisburg, und so kann Gensheimer sich durchaus vorstellen, die neue Wohnung nach Ablauf der Versuchsanordnung auf eigene Kosten zu behalten.

So ähnlich wünscht Jochen Gerz sich die Reaktion der Städte auf sein soziales Kunstwerk: »Das wäre für mich das größte Kompliment, wenn eine Stadt nach einem Jahr sagt: Wir machen das weiter, ohne den Künstler.« Mal schauen, was passiert..   //

Von Januar bis Dez. 2010 (oder darüber hinaus). www.2-3strassen.eu

Kunst
12 / 2009

Mal schauen, was passiert

Von: Martin Kuhna


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