Govert Flinck: Rembrandt als Schäfer, 1636. © Rijksmuseum, Amsterdam.

Godefridus Schalcken: Selbstporträt, 1695, Leamington Spa Art Gallery and Museum.

Niederländische Verlockungen

Kleve holt Govert Flinck hervor, Köln feiert Godefridus Schalcken.

Text Stefanie Stadel

Zu Lebzeiten hochverehrt und teuer bezahlt, heute schlicht vergessen. Dieses Schicksal trifft so manch einen aus der Masse der Maler, die das »Goldene Zeitalter« der Niederlande mit Bildern versorgt haben. Zur Zeit werden in NRW-Museen gleich zwei einstige Stars auf die Bühne gehoben: Kleve holt Govert Flinck hervor, Köln feiert Godefridus Schalcken. Was ist von den beiden »Wiederentdeckungen« zu erwarten?

Die breite Nase, der Wuschelkopf, etwas dunkler Flaum auf der Oberlippe. Es muss Rembrandt sein, der da so gedankenverloren aus dem Bild schaut. Nur das Habit irritiert. Denn Govert Flinck zeigt den Kollegen mit Flöte zwischen den Fingern, Stab unter dem Arm und Blätterkranz in der Lockenpracht – als verträumten Hirten. Nicht aber als jenen aufstrebenden Malerstar, dem die Herzen in Amsterdam zuflogen. Das Publikum liebte Rembrandt. Wer Karriere machen wollte auf dem boomenden Kunstmarkt, imitierte die Manier des Meisters, so gut es ging.

Zu den Besten in Rembrandts großer Schülerschar zählte jener Govert Flinck, der 1615 in Kleve zur Welt kam und dort zu seinem 400. Geburtstag mit einer recht überschaubaren Ausstellung geehrt wird. Rund 30 Gemälde – überwiegend Porträts –  und ebenso viele Grafiken sind im Museum Kurhaus zusammengekommen. Darunter auch das idyllische Rembrandt-Bildnis mit Flöte und Blätterkrone aus Amsterdams Rijksmuseum.

Man könnte leicht auf die Idee kommen, dass Flinck den Meister nicht ganz ohne Grund im  Hirten-Kostüm den harten Realitäten entrückt. Dass er Rembrandt mit Bedacht in arkadische Gefilde verpflanzt, wo der Maler sich unbelastet von gesellschaftlichem Anpassungsdruck entfalten möge. Rembrandt hat das durchgezogen. Andres Govert Flinck – der wollte oder konnte sich diese Freiheit nicht nehmen. Er hielt sich fest auf dem Boden der kunstmarktwirtschaftlichen Tatsachen. Flinck folgte den Vorlieben der Kundschaft, immer flexibel, mit Geschick und handwerklicher Meisterschaft, an der man sich auch in Kleve erfreuen kann.

Keine Frage, der Mann hatte alle malerischen Mittel im Griff – und die eigene Karriere fest im Blick. Schon als Jüngling erkannte er offenbar, dass Kleve dafür nicht das richtige Pflaster war, und suchte nebenan in den Niederlanden sein Glück. Da überschlug sich der Kunstmarkt. Das »Goldene Zeitalter« war in Blüte und trieb die künstlerische Produktion in ungesehene Höhen. Um die 70.000 Gemälde verließen Jahr für Jahr die niederländischen Ateliers – und fanden Abnehmer.

Mit nicht einmal 20 Jahren und einem untrüglichen Blick für die Moden seiner Zeit heftete Flinck sich in Amsterdam an die Fersen des neun Jahre älteren Rembrandt und lernte seine Lektion so gut, dass die eigenen Gemälde bald kaum von jenen des Lehrers zu unterscheiden waren. Anders als Rembrandt, der bald mit immer schlechteren Manieren die Gunst potenter Kunden verspielte, machte der Konkurrent sich mit Schicklichkeit und tadelloser Arbeit in allerbesten Kreisen beliebt. 

Neben die Tür zum Atelier hängte das Marketingtalent 1643 ein gekonntes Selbstporträt, das unverkennbar Rembrandts malerische Sprache spricht. Mit gewagtem Pinselstrich bringt Flinck sich selbstbewusst in Pose. Jeder der kam, konnte das gemalte mit dem realen Antlitz vergleichen und sich der Meisterschaft des aufstrebenden Künstlers vergewissern. Das funktionierte.

Während Rembrandt, der mit Furor und zunehmend groben Malattacken zu Werke ging, seinen Stern bald sinken sah, erkannte Flinck die Zeichen der Zeit. In Kleve kann man mit ansehen, wie er um die 1645er Jahre umschwenkte, um sich fortan ans flämische Vorbild zu halten und bei Malern wie Rubens und van Dyck Anregung zu finden. Rembrandts dramatisches Hell-Dunkel machte in seinen Bildern nun einer konturbetonten Klarheit Platz. Nicht zuletzt diesem Schachzug hatte Flinck wohl auch die prestigeträchtigen Großaufträge bei der Ausgestaltung des neuen Amsterdamer Rathauses zu verdanken.

Ausführen konnte er sie nicht mehr. Im Februar 1660 starb er nur ein paar Tage nach seinem 45. Geburtstag – reich und angesehen auf dem Gipfel des Ruhms. Wenn Kleve 50 Jahre nach seiner letzten größeren Ausstellung Govert Flinck noch einmal eine Bühne bereitet, ist das schön und gut. Zumal er ein Sohn der Stadt ist. Doch wer eine wichtige »Wiederentdeckung« erwartet, verspricht sich zu viel. Flinck war ein Star, hat aber nicht das Zeug dazu, einer zu bleiben. Dazu fehlt ihm jene geistige und künstlerische Freiheit, die er selbst seinem Vorbild Rembrandt zuschrieb, als er ihn ins Hirtenkostüm steckte.

Von Kleve nach Köln zur zweiten »Wiederentdeckung« dieses Herbsts: zu Godefridus Schalcken im Wallraf-Richartz-Museum. Anders als der Klever Rehabilitierungsversuch stützt sich diese Ausstellung auf eine wirklich repräsentative Werkauswahl. Gut 80 Gemälde führen auf einem liebevoll arrangierten Parcours durch Werk und Leben des 1643 in Dordrecht geborenen Pfarrerssohns.

Als Godefridus seine Lehre begann, hatte Rembrandt längst Konkurs angemeldet; als seine Karriere Fahrt aufnahm, waren die wirtschaftlichen Bedingungen bei weitem nicht mehr so rosig wie in den Jahrzehnten zuvor. Es kriselte. Schalcken schaffte es trotzdem, dank Talent und Gespür. Schon mit 19 bewies der Maler sein Empfinden für den Zeitgeist, als er zur Schulung das Atelier des Rembrandt-Schülers und gefeierten Leidener Kollegen Gerard Dou aufsuchte. Einer der bestbezahlten Meister jener Zeit, der mit seiner Feinmalerei den Kunstgeschmack bis weit ins 18. Jahrhundert hinein prägen sollte.

Mit Leidenschaft für minutiöse Details und vollendet feinem Pinselstrich arbeitete sich Schalcken in die erste Riege der Publikumslieblinge vor, nicht nur daheim. Er malte etwa für die Medici, für die Londoner High Society und im Auftrag des Kurfürstlichen Hofes in Düsseldorf. Überall machte er von sich reden mit seinen zur höchsten Perfektion getriebenen Nachtstücken  im Kerzenschein. Kein anderer reicht in dieser Sparte an Schalcken, seine Brillanz und Varianz heran.

Seine oft winzigen Kabinettbilder wurden gern wie Preziosen in Kästchen präsentiert. Was machte diese Kunst so anziehend, so verführerisch? Köln hält viele Antworten breit. Man bewundert, wie gekonnt und galant der Maler diverse Gattungen bedient: Historie, Allegorie, Porträt, Landschaft, Stillleben. Allenthalben gibt es köstliche Kleinigkeiten zu entdecken. Etwa ein Mini-Baby im Uringlas, das dem Quacksalber zur Schwangerschaftsdiagnose dient. Oder ein profaner Tropfen Pfirsichsaft, der unschicklich am Kinn der Göttin Ceres herabrinnt. In seinen Genrebildern verlässt Schalcken gern das niedere Milieu. Tauscht die bäuerlich-derbe Tracht gegen höfische Mode. Selbst die Heringsverkäuferin zeigt sich prunkvoll herausgeputzt und aristokratisch veredelt.

Besonders schätzten Schalcken-Fans die erotischen Spielereien, wenn er sich mit Hingabe etwa der dahingegossenen Venus widmete und mehrfach die halbentblößt büßende Maria Magdalena bei Nacht besuchte. Schalckens Nachtstücke im Kerzenschein boten die Bühne für intime Szenen. Dabei verstand er es aufs Beste, sich den Betrachter zum Komplizen zu machen. Ihm die Rolle des Voyeurs zuzuspielen und ihn hinter den heimlich zurückgezogenen Vorhang schauen zu lassen. Noch Goethe war verzückt und meinte im dunklen Hotel-Zimmer sogar das »schönste Bild von Schalcken« zu erblicken: »von dem ich mich nicht losmachen konnte, so dass es mir allen Schlaf vertrieb.«

Im 19. Jahrhundert kehrte sich das Urteil um. Schalckens Kunst der unterhaltsamen Verführung kam nicht mehr an. Der feinen Pinselführung zog man nun den freien Strich vor, statt höfischer Eleganz suchte man bäuerliche Derbheit und bürgerliche Bodenständigkeit, Dramatik statt witziger Plänkelei, Leidenschaft statt erotischer Anspielungen. Modernität statt handwerklicher Präzision. Und heute? Mit Frans Hals, Rembrandt oder Vermeer im Hinterkopf wirken Schalckens Bildchen arg lieblich, etwas oberflächlich und wenig bewegend. Die Kölner »Wiederentdeckung« wirkt zwar verlockend. Verführt aber nirgends dazu, die Kunstgeschichte umschreiben zu wollen.

 

»GOVERT FLINCK – REFLECTING HISTORY«: MUSEUM KURHAUS KLEVE, BIS 17. JANUAR 2016, TEL.: 02821 750 10

 

»SCHALCKEN. GEMALTE VERFÜHRUNG«, WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM & FONDATION, CORBOUD BIS 24. JANUAR 2016, TEL.: 0221 221 21119

 

Kunst
11 / 2015

Niederländische Verlockungen

Von: Stefanie Stadel


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