Pissarro in seinem Atelier in Eragny. © Musée Camille Pissarro, Pontoise

Camille Pissarro: Der Gärtner, 1899. © Staatsgalerie Stuttgart

Camille Pissarro: Schneelandschaft in Louveciennes, 1872. © Museum Folkwang, Essen

OHNE SAUCE

Wuppertal macht gründlich bekannt mit dem kompromisslosen Maler und begabten Kommunikator Camille Pissarro. Die Retrospektive des Von der Heydt-Museums rückt ihren Protagonisten dabei in den Kreis der Kollegen – veranschaulicht so den künstlerischen Austausch und hebt Pissarros Qualitäten als Netzwerker hervor, der immer bedacht war auf den Zusammenhalt der avantgardistischen Clique.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Er gibt sich gelassen. Erscheint würdevoll und weise mit seinem lichten Haar, dem vollen weißen Bart. So blickt einem der Maler im ersten Saal der Ausstellung entgegen. Camille Pissarro war 43, als er sich auf diese Weise in Szene setzte. Doch wirkt er locker zehn, wenn nicht zwanzig Jahre älter. Gerade mit Blick auf dieses, sein erstes Selbstporträt, mag man Paul Cézanne verstehen. »Was den alten Pissarro angeht, so war er wie ein Vater für mich«, bemerkte der jüngere Kollege einmal. »Er war ein Mann, den man zu Rate zog und der etwas war wie der liebe Gott.«

»Père Pissarro«, dieser väterliche Beiname kursierte damals unter den Künstlerfreunden. Und wird nun auch aufgegriffen von die Retrospektive, mit der das Von der Heydt-Museum die Reihe seiner großen, viel beachteten und bestens besuchten Impressionisten-Ausstellungen fortsetzt. Als »Vater des Impressionismus« wird Pissarro dort gefeiert. Hoch in den Ausstellungstitel hängt man in Wuppertal den Ehrennamen jenes Malers, der am Rande des Existenzminimums auf dem Lande lebte. Der sich von selbst angebautem Gemüse ernährte und mit seiner Arbeit schwerlich sorgen konnte für seine Frau und die vielen gemeinsamen Kinder, insgesamt waren es acht. Der aber trotzdem immer weiter malte. Unbeirrt, wie ein Besessener.

Um die 2.000 Gemälde und etwa ebenso viele grafische Arbeiten hat Pissarro im Laufe seines 73 Jahre langen Lebens geschaffen. Gut 120 verfolgen nun auf dem Rundgang den Weg des Malers, der sich offenbar am wohlsten in der Natur fühlte. Die Landschaft im wechselnden Licht der Tages- und Jahreszeiten war zweifellos sein liebstes Motiv: Verschneite Felder, verträumte Flussläufe, idyllische Obstgärten. Auf der »Route de Versailles« tilgt die tiefe Wintersonne letzte Schneereste. Am Ufer der Oise sind dunkle Wolken aufgezogen, die der Szenerie einen rundherum tristen Anstrich geben. Ganz anders in der Ebene von Pontoise, wo nach einem Wolkenbruch alles klar und in den allerschönsten Farben leuchtet – bunt bis zum Regenbogen am Horizont.

KEINE MANIEREN

Keinen Grund zur Aufregung bieten solche Bilder – heute. Viele von Pissarros Zeitgenossen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verurteilten diese Art von Malerei jedoch als »Vergehen gegen die künstlerischen Manieren, gegen die großen Meister und die Form«. Das Fehlen tiefgründiger Inhalte und die Verweigerung kultivierter Maltechnik brachten das bürgerliche Publikum auf die Palme. Und so entpuppt sich der gesetzte Familienvater vom Lande rasch als malender Revolutionär. Als einer, der für seine künstlerische Überzeugung darben musste, und mit ihm die ganze Familie. Pissarros Ehefrau Julie – als ehemalige Dienstmagd durchaus keinen Luxus gewohnt – war zeitweise so verzweifelt, dass sie freiwillig aus dem Leben scheiden wollte.

Die väterliche Sorge ließ »Père Pissarro« also eher den Künstlerfreunden angedeihen. Und der großen Idee einer eingeschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter. Immer wieder ergriff Pissarro die Initiative. Er war maßgeblicher Initiator für den ersten gemeinsamen Auftritt der späteren Impressionisten 1874 im Atelier des Pariser Fotografen Nadar. Er hielt die Truppe trotz des desaströsen Miss- erfolgs bei der Stange. Und machte von Anfang an immer wieder gemeinsame Sache mit den Kumpels – begab sich etwa zusammen mit Claude Monet auf die Spuren der Maler von Barbizon, führte über Jahre einen anregenden Dia-log mit Paul Cézanne, pflegte früh Kontakte zu Auguste Renoir und Alfred Sisley.

ABER ANREGUNGEN

Zwar war Pissarro mit einigem Abstand der älteste in jener Avantgarde-Clique. Doch übernahm er nicht so sehr die Rolle des Lehrers, die ihm Cézanne zugeschrieben hatte. Eher ist das Miteinander vom Austausch bestimmt: Pissarro gab Anregungen, war aber ebenso aufgeschlossen für Impulse von außen.

Das Geben und Nehmen zu veranschaulichen, präsentiert die Wuppertaler Ausstellung ihren Protagonisten in Gesellschaft der Freunde und Kollegen – hebt so auch seine Rolle als Netzwerker, als eine Art Kraftzentrum des Impressionismus hervor. Eine gute Idee. Zumal sich etliche seiner Gefährten sowieso in der Sammlung des Von der Heydt-Museums finden, man also nicht lange suchen und leihen musste. Stattdessen wieder einmal die gute Gelegenheit nutzen konnte, eigene Schätze in neuem Licht zur Geltung zu bringen.

Auf dem chronologisch angelegten Parcours begleiten die Weggefährten Pissarro auf Schritt und Tritt. Zuerst ist es der Landsmann Fritz Melbye, mit dem der junge Ausreißer in Venezuela erste klassizistisch geprägte Malversuche unternahm. Camille, 1830 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie mit dänischer Staatsangehörigkeit auf der Antillen-Insel Saint-Thomas geboren, hatte schon in jungen Jahren seine Liebe zum Zeichnen und Aquarellieren entdeckt und entging dem elterlichen Widerstand gegen seine künstlerischen Ambitionen durch den Ausbruch in die Fremde.

Die nächste Station auf dem Weg heißt Paris: Mit 25 Jahren kam Pissarro hierher mit dem festen Vorsatz, die Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Man zeigt ihn nun Seite an Seite mit Künstlern wie Camille Corot, Gustave Courbet oder Charles-François Daubigny, deren erdschwere Malerei es dem Neuling offensichtlich angetan hatte. Im Von der Heydt-Museum hängt ein eher unscheinbarer Esel, den Pissarro schon 1859 beim »Salon« unterbringen konnte, damals das offizielle Maß aller Dinge. In den folgenden Jahren wird er immer wieder einmal die Gunst der konservativen Jury finden und das ein oder andere Werk auf einer der riesigen Kunstausstellungen im Palais de l’Industrie oder im Grand Palais platzieren.

Dort findet 1868 Emile Zola Gefallen an dem Newcomer und seiner Malerei »ganz ohne reißerische Effekte, ohne Sauce.« Diese Bilder zeigten, so bemerkt der Literat und Kunstkritiker, »die Realität der Natur in all ihrer herben Mächtigkeit.« Sensationen und Effekte werden Pissarro auch in Zukunft fremd bleiben. Wenngleich sich die »herbe Mächtigkeit« etwas lockert und der Maler im Austausch mit Monet, Sisley, Renoir zu leuchtenderen Farben und einer leichteren Malweise findet. Eine nicht unwesentliche Rolle hat dabei sicher auch Pissarros in Wuppertal kurz gestreifter Abstecher nach London während des französisch-preußischen Krieges 1870/71 gespielt – konnte der Maler dort doch Werke von William Turner und John Constable studieren.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Exil schafft Pissarro Bilder, die als Meilensteine auf dem Weg zum Impressionismus gelten können. Was ihn aber nicht daran hinderte, später auch neue Anregungen zu suchen. Anders als Sisley, der sich nach 1875 kaum mehr bewegte, lieber festhielt an dem einmal Entwickelten, zeigt sich Pissarro auch mit über 50 noch äußerst flexibel. Den jungen Kollegen Georges Seurat und Paul Signac folgend, tat er sich in den 1880er Jahren als Verfechter des »Pointillismus« hervor. Die Wuppertaler Ausstellung zeigt einige von Pissarros Versuchen auf diesem Gebiet, die allerdings etwas unentschlossen wirken. Offenbar stellten sie auch ihn selbst nicht recht zufrieden – die penible Pünktchenmalerei machte ihn wohl ungeduldig. Sie lähme und schade der Unmittelbarkeit der Empfindung, so der rastlose Maler, der sich weder auf einen Stil noch auf ein Sujet festlegen lässt.

Die Landschaft war sein großes Thema, hier liegen seine Stärken. Doch zeigt ihn die Ausstellung auch als weniger inspirierten Stilllebenmaler. Und sie legt Schwächen in der weiblichen Akt-Darstellung offen. Ein größeres Kapitel stellt Pissarro als Figurenmaler vor, der in Bildern von Mägden und Gärtnern seinem Interesse für wenig privilegierte Schichten nachkommt. Wegen seiner anarchischer Ader könnte man politische Hintergedanken vermuten. Doch lassen sich aus den durchweg freundlichen Gemälden schwerlich kritische Töne herauslesen. Die kämpferische Note fehlt ihnen. Eher schon klingt sie in einigen von Pissarros grafischen Blättern an, die nicht zuletzt von der täglichen Mühsal erzählen.

Auch der Künstler selbst sah sich als harten Arbeiter, ausgestattet mit einer bäuerlichen, melancholischen Natur. Sein guter Freund Vincent van Gogh hat genau dies erkannt und geschätzt: Die »rustikale Qualität« in Pissarros Kunst. Weil sie »unmittelbar

 

 

Von der Heydt-Museum, Wuppertal. Bis 22. Februar 2015. Tel.: 0202 / 5636231. www.von-der-heydt-museum.de

 

Kunst
11 / 2014

OHNE SAUCE

Von: STEFANIE STADEL


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