»Tango de la Mort«. Illustration von Ulf K.

»Dolomiti Jahre«. Illustration von Ulf K.

TANZEN BIS ZUM SCHLUSS

Von Sternen, die an Fäden hängen, von Liebe und Tod: Ulf K. erschafft in seinen Comics und Illustrationen eine ganz eigene Welt voll sachlicher Romantik, Zauber und Skurrilität – so auch in den gerade erschienenen Comicbänden »Tango de la Mort« und »Dolomiti Jahre«. Ein Schulterblick am Zeichentisch.

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Der Tod ist einer von uns. Er fährt Straßenbahn, spielt Geige, putzt sich die Zähne und liest im Café nebenan Oscar Wilde. Und – er verliebt sich sogar. In Ulf K.s Comics gehört er zum festen Personal. Kein dunkelgekleideter Weltschmerz-Goth öffnet die Tür zum Atelier, sondern ein freundlicher Mann mit lichten Haaren, kleiner Brille und Mehrtagebart. Ulf K., wobei das K. für Keyenburg steht, geboren 1969 in Oberhausen, Comiczeichner und Illustrator. Seit ein paar Jahren ist er Wahl-Düsseldorfer und arbeitet in einem Hinterhof-Atelier im Stadtteil Bilk. Eine Außentreppe führt erstmal ins Dunkle, endet aber in einem hellen Raum mit Blick über Garagendächer und Schornsteinhorizonte. Zwei Zeichentische – auf dem einen steht ein Leuchttisch für die handwerkliche Arbeit, auf dem anderen ein Flachbildschirm zur technischen Feinabstimmung.

Aber: »Es ist schöner, am Leuchttisch zu sitzen und schmierige Finger zu haben«, betont K. Ansonsten: Behagliche Atelier-Atmosphäre – eine Bücherwand aus Comics und Bildbänden, dazu einige Stapel von Belegexemplaren der eigenen Werke. Immer im Rücken: Die »Wall of Fame«, gerahmte Comiczeichnungen und Skizzen – in Petersburger Hängung – seiner großen Vorbilder wie Serge Clerc oder Yves Chaland, dessen Comics stilistisch eine zynisch-übertriebene Mischung aus »Tim & Struppi« und »Spirou« für Erwachsene sind. Die franko-belgische Comic-Kultur hat K. von Anfang an geprägt und begeistert. Schon mit 14 Jahren wusste K., dass er Comiczeichner werden wollte. Auch die Zukunft hat Platz in seinem Atelier; die Modelle der rotkarierten Mondrakete aus »Tim & Struppi« und »Bender«, dem fluchenden Roboter aus Matt Groenings »Futurama« stehen direkt nebeneinander.

Während seines Kommunikationdesign-Studiums in Essen zog Ulf K. konsequenterweise und voller Erwartung für ein Auslandsemester nach Paris, um nach einigen Monaten entnervt zurückzukehren. Ein winziges Zimmerchen, die Anonymität, der Gestank auf den Straßen – »nicht gerade das, was ich mir vorgestellt habe«, bekennt K. In seinem jüngst erschienenen Band »Tango de la Mort« findet sich »Das Leben des Träumers Wunsch«; die Geschichte von Herrn Wunsch, der erkennen muss, dass das reale Leben eben anders ist als in seinen Träumen. Das schöne Mädchen aus der Bibliothek entpuppt sich als plappernde Langweilerin, und auch die große Metropole, in die Herr Wunsch zieht, wird zu einer enttäuschten Liebe, so dass er traurig in seine kleine Stadt zurückkehrt. Natürlich ist Herr Wunsch Ulf K. selbst, und trotz der Enttäuschung kommt er im letzten Bild als Riese nach Oberhausen zurück, dessen Häuser und Fördertürme nun in Spielzeug-größe zu seinen Füßen liegen. Auch die beiden Geschichten »Die erste Nacht« und »Ma Chère« thematisieren diesen biografischen Einschnitt, den Wunsch und die Wirklichkeit.

»Tango de la Mort« ist ein Sammelband jener Comics, die Ulf K. einst als kleine, selbstkopierte, gestempelte und gummibandgebundene Heftchen unter die wachsende Fan-Szene gebracht hat; im Eigenverlag »Ubu Imperator«, dessen Name sich auf ein Gemälde von Max Ernst bezieht. K. hat diese Werke mit Tusche in harten, massiven Schwarz-Weiß-Kontrasten gezeichnet, was auch der besseren Kopierbarkeit geschuldet ist. Diese Bildergeschichten sind morbide-mysteriös, aber auch voll Poesie und handeln vom Leben, der Liebe und, immer wieder, vom Tod. »Das sind die zwei Herzen des Zeichners«, sagt Ulf K. »Auf der einen Seite das Poetische – und dazu zählt für mich auch der Tod –, und auf der anderen Seite mag ich eigenartige Kriminalgeschichten mit mystischen Figuren.« Keine leichte Kost – in »Mon Cœur« soll ein Herz verzehrt werden, die Klavierlehrerin »Madame Clavicybalu« verschlingt ihre Schüler und in »Der Retter der Welt« wird die Erde von riesigen Robotern zerstört. Dann wieder sieht man zwei »Sternenwächtern« bei ihrer Arbeit zu; ein als Schnuppe abgestürzter Stern muss wieder zurück an seinen Platz am Nachthimmel gebracht werden, wo er, wie die anderen Sterne, an Bindfäden im Firmament hängt. Diese Motive finden sich auch in Ulf K.s erstem Comicband »Der Mondgucker« (1998) wieder, und doch kann K. auch ganz anders.

»Dolomiti Jahre« zum Beispiel – helle, farbdurchflutete Comics, Erinnerungen an eine »wunderbare Kindheit«: Drachensteigenlassen, indiskutables Mittagessen nach der Schule (Möhrengemüse!), die Fußballgeschichte »Das Jahr in dem wir Weltmeister wurden« und ein Arzt, der sich beim Impftermin in ein Monster verwandelt; alles in dieser optimistischen 70er Jahre-Farbpalette aus Orange, Grün und Hellblau, die K. bewusst ausgewählt hat. Eine weitere Entwicklung erkennt man in dem Band »Sternennächte – Ein Bilderbuch für verliebte Melancholiker«. Keine durchgehende Geschichte, sondern eine Sammlung von Illustrationen voll sachlicher Romantik: Ein Mann bringt sein gebrochenes Herz zur Schneiderin, die gerade ein anderes Herz zusammennäht; ein weiterer Herr holt seiner Liebsten einen Stern vom Himmel und wird von einem Passanten ermahnt, darf aber, nachdem er ein Bild seiner Angebeteten gezeigt hat, beherzt weiterziehen. Alle Szenen sind in das Blau heller Nächte getaucht, sanft und ohne Kitsch.

Für Ulf K. sind die »Sternennächte« der »größtmögliche Kontrast zum Bisherigen, weg vom Suchen und unglücklich Verliebtsein«. »Die Suche ist abgeschlossen«, sagt er mit einem Lächeln, mittlerweile hat er geheiratet und ist Vater geworden.

Mit der Bilderbuchreihe »Lasse«, auf dickem Karton gedruckt, schlägt er scheinbar wieder eine neue Richtung ein; ein Eindruck, den er aber direkt korrigiert: »Das ist eigentlich kein Unterschied, auch das sind Comics. Ich lass’ bloß keinen sterben.« Und richtig: Es sind kleine, charmante Geschichten aus dem Alltag zwischen Vater und Sohn; Geschichten, die zudem den Eltern das beruhigende Gefühl vermitteln, ihrem Nachwuchs keinen kindischen Quatsch vorzusetzen.

Wem das zu farbenfroh-optimistisch ist, dem sei die Lektüre seines Comics »Der Anfang nach dem Ende« (2009) empfohlen, der, genau wie sein literarischer Comic-Krimi »Der Exlibris«, im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist. »Das war ein Experiment«, sagt Ulf K. rückblickend. »Ich glaub’, ich hab den Lesern echt viel zugemutet. Die Leute haben immer nach dem Gag am Ende gesucht!« Kein Wunder, erwartet man doch bei einem Fortsetzungs-Comic den punktgenauen Story-Anschluss am nächsten Tag. Oder zumindest Sprechblasen. Nichts von alledem, und gerade das macht diese Geschichte einer Liebe zwischen dem Tod und der Blumenladenbesitzerin Anna Blume so sehenswert. Der Tod ist ein Angestellter im schwarzen Anzug, der Tag für Tag routiniert die Sterbeaufträge erfüllt, bis er auf Anna Blume trifft, die seinem »Leben« einen neuen Sinn gibt. Ein ungewöhnlicher, zart-morbider Comic, der mit liebevollen Details überrascht und an dessen Ende unweigerlich die Frage steht, was länger dauert – die Liebe oder die Ewigkeit. Also doch ein Happy End, bis dass der Tod euch scheidet? Vielleicht. Nur soviel sei verraten: Der Tod lächelt. Wie so oft in den Comics von Ulf K.

 

Ulf K.: »Dolomiti Jahre«, »Tango de la Mort«, »Sternennächte«, erschienen in der Edition 52. / »Der Exlibris«, Reprodukt, Berlin / »Der Mondgucker«, Edition Panel, Bremen

Weiteres und »Der Anfang nach dem Ende« als komplettes PDF unter: http://mondgucker.blogspot.de

 



 

 

 

Kunst, Design, Köpfe in NRW
07 / 2012

TANZEN BIS ZUM SCHLUSS

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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