Unordnung und Struktur

Zu Gast im Kölner Atelier des Fotografen Boris Becker, der seine Arbeiten in Bonn zeigt.

Text Stefanie Stadel

Bei Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Akademie ging er einst in die Schule – wie so manch ein hochangesehener Kollege. Auch Boris Becker zählt inzwischen zu den Stars. Anders als viele der Erfolgsfotografen kommt er aber nach wie vor ohne digitale Spielereien und effektvolle Manipulationen aus. Kurz vor seiner großen Ausstellung in Bonn besuchte k.west den stillen »Bildfinder« in seinem Kölner Atelier.

Das letzte Foto? Er muss kurz überlegen. Dann schiebt Boris Becker den alten Korbsessel zur Seite und zieht eine Schublade im Grafikschrank auf. Der Abzug darin zeigt ein Kettenkarussell – aber keinen Rummel drum herum; die Kirmes ist vorbei. Becker hat das heruntergekommene Fahrgeschäft auf einem verlassenen Industriegelände in Slowenien stehen sehen. In dieser unwirtlichen Umgebung abgelichtet, strahlt es nun eine merkwürdige Poesie aus. Und es macht sehr anschaulich, was der Fotograf meint, wenn er sich selbst »Bildfinder« nennt. Meistens sind es ganz alltägliche Dinge, die er sieht und durch den Sucher seiner Kamera neu entdeckt.

Die er frei von Manipulationen vor Augen führt, wie man sie – ohne sein Foto – wohl nie gesehen hätte. Wiesen und gefurchte Felder ohne Horizont. Eine Brücke, deren Gestänge gleich einem grafischen Muster ins Nichts läuft. Die gekachelte Fassade als abstrakte Komposition. Jenes stillgelegte Karussell, das trotz seines desaströsen Zustands in der verwahrlosten Umgebung eine gewisse konstruktive Ordnung aufrechterhält. Dieser jüngste »Bildfund« in Slowenien liegt nun schon beinahe ein halbes Jahr zurück. Seither fehlte ihm die Zeit zum Fotografieren. Auch an diesem Tag trifft man Becker nicht auf der Suche, sondern im Souterrain eines hübschen Altbaus.

In Köln, wo er 1961 als Sohn des Lyrikers Jürgen Becker zur Welt kam und wo er bis heute mit seiner Familie lebt. Das Studio ist nicht ohne weiteres zu finden, denn es versteckt sich hinter Nähmaschinen und Schaufensterpuppen: Der Fotograf teilt sich die Räume mit seiner Frau, die im eigenen Mode-Atelier entwirft und schneidert. Nebenbei haben die beiden fünf Jahre lang den Projektraum »Sprungturm« für Kunst, Mode, Buch, Design und Film bespielt. Bis ihnen die Arbeit über den Kopf wuchs und sie die Galerie in der Kölner Innenstadt vor ein paar Wochen schlossen.

Weiter aber besteht der gleichnamige Verlag, in dem Boris Becker zunächst kleinere Kunstkataloge und inzwischen auch Literatur herausgibt. Außerdem arbeitet er mit bewegten Bildern – 2012 kam dabei in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Christoph Gottwald gar ein kompletter Kinofilm heraus. Viel zu tun. Auch mit der Ausstellung im LVR Landesmuseum Bonn, wo der Künstler in wenigen Tagen um die 40 seiner Bilder zur Ausstellung arrangieren wird. Becker sucht eine Handvoll Beispiele heraus und legt sie auf den Tisch – das oberste überblickt die mit Satellitenschüsseln besetzten Flachdächer von Aleppo. Ein Zufallsfund, der ihm 2010 gelang, als er aus dem Fenster seines Hotels über die syrische Metropole schaute. Heilloses Durcheinander herrscht da – aber nur auf den ersten Blick.

Denn sehr schnell werden im Bild die ordnenden Strukturen augenfällig: All die kreisrunden TV-Empfänger, wie sie sich mit exakt derselben Neigung in eine einzige Richtung wenden. Die geometrischen Dachflächen, zueinander gefügt wie in einem Setzkasten, dazwischen geradlinige Schneisen als Straßen. Und die glatten sandfarbenen Fassaden, regelmäßig gegliedert durch Fenster, die mit ihren herabgelassenen Rollläden zu planen braunen Quadraten werden. »Heute steht wahrscheinlich keines der Häuser mehr«, bemerkt Becker. »Und das Bild gewinnt eine ganz neue Bedeutung.« Oft findet er seine Bilder auf Reisen – nach Syrien, Slowenien, in die Sahara. Aber genauso gern lässt er sich auf seine unmittelbare Umgebung ein. Das zweite Bild auf dem Tisch im Atelier verdankt Becker einem Besuch im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Als er dort an das große Eckfenster trat, um auf den Dom zu schauen, bemerkte der Fotograf ein eigenartiges Arrangement im Ausgrabungsschacht am Quatermarkt. Bevor die Baureste im freigelegten jüdischen Viertel wieder zugeschüttet wurden, hatten die Archäologen Mauern und Böden sorgsam gesichert. Nur wenige Tage bot sich dieses sonderbare Bild, so der Künstler. Ohne Beckers erläuternde Worte ließe sich das Drunter und Drüber in seinem Foto, das Auf und Nieder von schneeweißen Planen und reihenweise schwarzen Sandsäckchen wohl kaum entschlüsseln.

Das spannende Miteinander oder Gegeneinander von Unordnung und Struktur, die Regel in der scheinbaren Regellosigkeit beschäftigt den »Bildfinder« nun schon seit einigen Jahren. 2012 etwa entdeckte er das Phänomen beim Mechaniker, der sein Auto reparierte – und machte sich mit der Kamera gleich daran, im Werkstatt-Wirrwarr aus Kabeln, Kneifzangen und Schraubenschlüsseln ein System zu erkennen. Schwerer tut sich das ordnende Auge in der Küche des Bekannten – zwischen umgestülpten Espressotassen, Buntstiften im Weinglas und einer Topfpflanze auf dem Boiler ist kaum mehr Methode auszumachen. Wer nur könnte dieses Chaos angerichtet haben?

Menschen zeigt der Künstler so gut wie nie in seinen Bildern – weder den Mechaniker, noch den unordentlichen Freund. Vielleicht, weil er ein wenig das Geheimnis wahren, das Rätsel nicht ganz entschlüsseln will. Denn offenbar gefällt es ihm, wenn jeder seine eigenen Geschichten um die Bilder herum baut. Die Mitarbeiter im Fotolabor seien dabei fast kriminalistisch vorgegangen, so der Fotograf. Aus dem Chaos rund um die Küchenspüle des Bekannten hätten sie den Menschen und seine Lebenssituation herausgelesen – und mit ihrer Rekonstruktion verblüffend nahe an der Realität gelegen. 

»Total Desaster«, unter diesen Titel hatte der Fotograf seine jüngste Werkgruppe einmal gefasst. Für seine Schau in Bonn wählte er aber ein anderes Motto; vor allem wegen der vielen Köln-Motive, die er im Landesmuseum zeigen will – Oper und Archiv inklusive. »Das totale Desaster ging mir zu sehr in eine Kaputtrichtung«, so Becker. In Köln sei ja in letzter Zeit ziemlich viel schief gelaufen, und er wolle nicht als Chronist des Scheiterns dastehen. Deshalb nennt er seine Ausstellung »Staged Confusion«.

Becker sucht die »inszenierte Verwirrung« drinnen und draußen, im Möbellager, unter der Brücke, auf der Baustelle. Im Detail oder mit Blick aufs große Ganze. Und wenn er sie findet, schlägt er zu. Mittlerweile auch mit der Digitalkamera, aber immer noch gern analog. Dabei reichen ihm für gewöhnlich eine oder zwei gründlich vorbereitete Aufnahmen. Der allseits beschworenen Bilderflut antwortet Becker mit der schlichten Bemerkung: »Ich fotografiere nicht viel«. Früher sei das anders gewesen – als er sich noch an typologisch angelegten Bildreihen abgearbeitet habe. Damals zu Studienzeiten an der Düsseldorfer Akademie, als Becker, seinen Lehrern Bernd und Hilla Becher nacheifernd, einen Hochbunker nach dem anderen ablichtete. Oder später bei den Wohnhäusern, die er Anfang der 90er Jahre in Serie fotografierte.  

Viel zu langweilig sei ihm das heute. Weil man beim dritten Bild schon wisse, wie das fünfte aussehen werde. Längst hat das treffende Einzelbild die Endlos-Reihe abgelöst. Geblieben ist jedoch die Strenge und Wahrhaftigkeit seines Blicks. Während sich einige der einstigen Kommilitonen mit großen Formaten und digitalen Manipulationen überschlagen, während sie alles, was drin steckt im Bild, auf volle Lautstärke schrauben, bleibt Becker auf dem Boden und spürt der Faszination im genauen Beobachten von Alltäglichkeiten nach. Es können auch Ziegenställe in der Westsahara sein. Die Wüstenlandschaft dort sei voll von solchen aus Müll und Schrott zusammengehauenen Verschlägen. Der Künstler hat sie vor einigen Jahren aufgenommen und dabei doch noch einmal auf das verworfene System der Serie zurückgegriffen. 

Wenig später, als man gemeinsam das vollgestopfte Lager besichtigt, stößt er auf den Stapel mit Abzügen von dem Sahara-Trip – auch jene wunderbar schrägen Ställe will er im Bonner Landesmuseum an die Wand bringen. Und wenn die Schau steht? Hat er schon Fotopläne für die Zeit danach geschmiedet? Ja, einige Termine stünden bereits. Bei einem Orgelbauer in Bonn möchte Becker auf Bildersuche gehen, in einem französischen Textillager und … – er hält inne, schaut sich um zwischen Bildern, Büchern, Mappen, Möbeln und lächelt: »Warum bin ich eigentlich nie darauf gekommen, im eigenen Durcheinander zu suchen?« Kein schlechter Gedanke. Vielleicht verbirgt sich ja auch in seinem Chaos ein System.

LVR Landesmuseum Bonn, »Boris Becker – Staged Confusion«, bis 20. März 2016, Tel.: 0228/2070 351

Kunst
02 / 2016

Unordnung und Struktur


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