Weltliche Gebete

Das Programm von Johan Simons’ zweiter Ruhrtriennale

Die drei Begriffe sind getrennt. Jeder steht – auf Plakaten und Flyern, vor allem als Konzept und Idee – für sich und ist mit einem Fragezeichen versehen: »Freiheit? – Gleichheit? – Brüderlichkeit?«. Die Werte-Trias, die einem gewissermaßen in Blau-Weiß-Rot (ob längs- oder quergestreift) vor Augen steht, ist das Leitmotiv der Ruhrtriennale 2016. Zu überprüfen gilt, was von diesem Versprechen eingelöst oder überhaupt noch übrig ist. Johan Simons und sein Team wollten nicht zurück hinter die Wucht der hehren Schiller/Beethoven-Formel »Seid umschlungen«. Sie wird ergänzt um den Kampfbegriff für Aufklärung, Bürger- und Menschenrechte. Geordnet nach fünf Genres (plus Forum & Dialog), stehen gut 30 Positionen auf dem Programm des »Festivals der Künste« von Mitte August bis Mitte September. Vertraute Namen, Stoffe, Konstellationen, Fortsetzungen, Anknüpfungen. 

Johan Simons steigt zur Eröffnung in der wetterfesten Jahrhunderthalle Bochum, passend zur Kohle-Förderung, in die Unterwelt herab für Christoph Willibald Glucks mythische »Alceste«, die die Gattentreue in den Hades führt (musikalische Leitung: René Jacobs). Im Musiktheater folgen noch zwei Uraufführungen: die Fortschreibung von Albert Camus’ »Der Fremde« durch Kamel Daoud – wer sühnt den von einem gleichgültigen Mörder getöteten Araber? – mit Kompositionen von Ligeti und Kagel (auch von Simons inszeniert u.a. mit seinen Schauspiel-Favoriten Elsie de Brauw, Sandra Hüller und Benny Claessens); und drittens der musikalisch-literarisch-filmische »Earth Driver« (Heinrich Schütz / Nikolaus Brass / Erwin Mortier). 

Die Sparte Schauspiel bringt neben anderem – nach »Die stille Kraft« 2015 – einen weiteren Roman des großen niederländischen Erzählers Louis Couperus, wiederum adaptiert von Ivo van Hove & der Toneelgroep Amsterdam – ein Familiendrama über das Alter, unvergangene Schuld und »Die Dinge, die vorübergehen«. Luk Perceval setzt mit »Geld« seine Zola-Trilogie fort. Susanne Kennedy platziert Birgit Minichmayr in die »Medea.Matrix«. Und nochmals Johan Simons, der – dem Arbeits-Ethos und Ora et labora verpflichtet – »Urban Prayers« (von Björn Bicker / Malte Jalden) u.a. mit dem ChorWerk Ruhr für eine Revier-Tour durch sechs Gotteshäuser der Weltreligionen fit macht. 

Im Tanz bringt der schon von Gerard Mortier engagierte Alain Platel aus Gent  in einem »Mahler-Projekt« den alten Kontinent Europa aus dem Geist des Historikers Philipp Blom zum Taumeln. Ebenso geladen sind: Anne Teresa De Keersmaeker, die Shakespeare und Brian Eno mit »Golden Hours« Referenz erweist, Richard Siegal (»In Medias Res«), Meg Stuart (»Sketches / Notebook«) und Eleanor Bauer (»Meyoucycle«). Beim Konzertangebot reicht das Spektrum von Bachs h-Moll Messe bis Stockhausen, Boulez und Pintscher und bis zum elektronischen Ritournelle, zu Techno und dem Kammer-Pop der britischen Tindersticks. 

Bleibt der Bereich Installation zur Schnittstelle Bildende Kunst, die freilich auch Susanne Kennedy und andere Produktionen berühren. Julian Rosefeldts filmisch opulente Mammut-Präsentation »Manifesto« mit Cate Blanchett dürfte während der Festivaldauer in der Duisburger Kraftzentrale zum Magneten werden. Das Atelier Van Lieshout schlägt wieder sein Kunstdorf »The Good, the Bad and the Ugly« auf, Rimini Protokoll und Urbane Künste Ruhr sind im mobilen Einsatz mit dem Truck Tracks Ruhr Album quer durch Duisburg. So steckt die Ruhrtriennale weiterhin die Landkarte des Ruhrgebiets neu ab. (AWI)

12. August bis 24. September 2016.

Kunst
05 / 2016

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