Ece Temelkuran. Foto: Onedio

1001 NACHT MEETS TWITTER

Ece Temelkurans Roman »Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann«

 

TEXT: HANNES KRAUSS

Vier Frauen begegnen sich 2011 zufällig in Tunis: eine aus politischen Gründen entlassene türkische Journalistin, eine aus den USA zurückgekehrte tunesische Tänzerin und Internet-Aktivistin, eine ägyptische Wissenschaftlerin sowie eine ältere Dame mit rätselhafter Vergangenheit. Die überredet die drei Jüngeren zu einer abenteuerlichen Reise, die sie aus dem erstarrten postrevolutionären Alltag Tunesiens durchs bürgerkriegsgeschüttelte Libyen nach Alexandria und schließlich nach Beirut führt. Figuren, Orte, Verkehrsmittel (alter Mercedes, Jeep, Kamele, Helikopter, Luxusjacht) und haarsträubende Abenteuer sind der Stoff für ein exotisches Roadmovie oder einen rasanten Actionfilm.

Wer nur die WDR-Hörspielversion (vom 9. August 2014) kennt, muss sich damit begnügen. Wer sich aber an das Buch heranwagt, wird belohnt mit Leseerlebnissen der besonderen Art. Die türkische Journalistin und Autorin Ece Temelkuran entfacht in ihrem zweiten Roman ein Feuerwerk aus atemberaubender Spannung, schräg-präzisen Alltagsbildern, Geschichte des Abend- (und des Morgen-) Landes, Religionsanamnese und Komik. Die Erlebnisse dieser vier Frauen – auf der Flucht (vor ihrer Vergangenheit, vor den Männern, vor sich selbst?), auf der Suche (nach einer vernünftigen Gesellschaft, nach Liebe, nach sich selbst?) – öffnen den Blick auf kulturelle Traditionen, die in unserem durch Fernseh- und Zeitungsnachrichten verfestigten Weltbild verschüttet sind unter Ideologien und Vorurteilen. Scheinbar spielerisch werden Politik, Religion, Mythologie, Feminismus, Medienkritik und metafiktionale Selbstreflexion zu einem Erzählpanorama gefügt, das überlieferte Traditionen mit modernen Kommunikationsformen verknüpft: 1001 Nacht meets Twitter.

Frauenliteratur, die auch für Männer geeignet ist. Und ein – vorzüglich übersetztes – Plädoyer für die Fantasie, das gleichermaßen Nachdenklichkeit beschert und Vergnügen bereitet.

Ece Temelkuran: »Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann«; aus dem Türkischen von Johannes Neuner; ›Atlantik‹ im Hoffmann und Campe Verlag 2014, 399 Seiten, 22 Euro

Lesungen im Rahmen der 10. Buchmesse Ruhr: 4. November 2014 in der Volkshochschule Neuss; 5. November Belgisches Haus, Köln; 6. November Landtag, Düsseldorf; 7. November Universität Münster; 8. November Grillo Theater, Essen; 9. November Schauspielhaus, Dortmund

 

Literatur
11 / 2014

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Von: HANNES KRAUSS


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