Foto: Literaturhaus Stuttgart

»AM STAMMTISCH PLAUDERN WIR NEUERDINGS MANDÄISCH«

Der Schriftsteller Thomas Kapielski ist diesjähriger Literaturhaus-Preisträger. Im Gespräch mit K.WEST plaudert er über Dinge der Demut, Romanoschis und Linksabbieger.

 

INTERVIEW: ANDREJ KLAHN

Er ist ein Verteidiger des Stammtisches, Verächter der Kunstbetriebsamkeit, wurde vom Feuilleton als »Popliterat für Philosophen« wegsortiert und der »Westberliner Literaturbohème« zugeschlagen. Dabei sucht die Kunst des 1951 in Berlin geborenen Thomas Kapielski ihresgleichen. Kapielskis Bücher sind klug, witzig, anarchisch, egozentrisch, uneitel, selbstironisch, unverfroren und häufig angereichert mit Fotos von rätselhaften Skurrilitäten und kleinbürgerlichen Idyllen. Bildungsbürgerliche Fundstücke haben hier genauso wie wilde Kalauer ihren festen Platz.

Im Berliner Merve-Verlag legte Kapielski Ende der 1990er Jahre mit »Davor kommt noch« und »Danach war schon« heute einschlägige »Gottesbeweise« vor, die vor allem durch praktizierte Weltzugewandtheit und lässiges Understatement überzeugen: »Wohlgemerkt, wir haben nichts gegen Intelligenz, aber tagsüber genehmigten wir uns doch lieber ein ordentliches Bier.« An der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig bekleidete der erklärte Nicht-Theater-Gänger von 1998 bis 2004 eine Gastprofessor für Performance, ohne so recht zu wissen warum. Zwei Jahre später erschien das »Gesamtluftwerk« Kapielskis in Form einer aufklappbaren Buchattrappe, einer aufblasbaren Plastik-Werkausgabe und einem »Anblasen« betitelten Band mit Texten zur Kunst.

Thomas Kapielski ist der diesjährige Träger des Preises der Literaturhäuser. Seine literarischen Werke nehmen sich »alle Freiheiten, das sinnliche Gewirr der Gegenwart zu ertasten« heißt es in der Begründung. »Geprägt von großem Beobachtungs- und Meinungsreichtum, mischen Kapielski-Notate unterschiedlichste Text- und Bildformen und betrachten die Welt mit dem nötigen Ernst und der unverzichtbaren Komik.«

Am 17. Mai 2010 wird Thomas Kapielski im Kölner Literaturhaus auftreten.

K.WEST: Der Verlag Zweitausendeins hat Ihnen eine Sondertüte mit Ihrem Porträt spendiert. Was macht Sie glücklicher: diese Papiertragetasche oder der Preis der Literaturhäuser?

KAPIELSKI: Schwer zu sagen; beides ja durchaus Dinge der Demut. Einmal hilft man fast persönlich den Leuten, Bücher durch die Gegend schleppen; und der Preis, der muss in diesem speziellen Falle ja schwer verdient werden: eine Ochsentour ist damit verbunden, eine Magical Mysery Tour durch elf Literaturhäuser mit tagtäglich anschließenden Preisfeiern. Da geht es der Tüte fast schon besser.

K.WEST: Professor, Mitglied des Kreuzberger Nasenflötenorchesters, Kolumnist, Fotograf, Blogger, Schriftsteller, Bildender Künstler, Mitglied im »Interessenverband zum Schutze und immerwährenden Erhalt der Gaststätte Zum Goldenen Hahn« – gibt es etwas, was diese verschiedenen Tätigkeiten zusammenhält?

KAPIELSKI: Aus Überlebensgründen muss ich die Firma spartenbreit halten. Wenn ich früh in den Spiegel gucke, sehe ich auch noch eine marode Putzfrau. Putzen kann ich aber auch ganz gut. Theater und Ballett lasse ich lieber sein. Alles kann man dann doch nicht!

K.WEST: Sie haben sich mal selbst als »Neupionier des lichtbildgestützten Vortrages« bezeichnet. Sie sind mit dem Diaprojektor herumgereist und haben Freunde auf der Bühne zu Demonstrationszwecken mit Urlaubsfotos bedruckte T-Shirts überstreifen lassen. Worauf darf sich das Kölner Publikum einrichten?

KAPIELSKI: Auf die gediegene Lesung eines nunmehr ordentlich dekorierten Literaturhausonkels. Vielleicht schütte ich noch mein Herz aus und verrate Betriebsinterna. In Köln bin ich ja noch recht unbeschädigt. In Hamburg wird alles anders sein: Da habe ich dann schon acht Mal hintereinander den Preis feiern müssen mit jeweils ganz frischen Literaturhausmannschaften. Rostock, die letzte Etappe, wird einen Beschädigten, einen betriebsbedingten Saufaus oder gar Wahnsinnigen erleben. Man sollte also nach Köln unbedingt auch Richtung Rostock wallfahren. Denn da gibt es noch einen Knüller: Da wird meine Frau Laudator sein. Möglicherweise wird sie Anlass haben, den wirr und weinfroh gewordenen Preisträger coram publico auszuschimpfen.

K.WEST: Der Preis der Literaturhäuser gilt ja nicht zuletzt dem Schriftsteller als Vortragenden seiner Werke: Wie sollte Kapielski gelesen werden?

KAPIELSKI: So wie Nietzsche es für sich erbat: wiederkäuend. Oder meinetwegen auch gar nicht. Macht jeder nach Gusto. Da mische ich mich nicht ein.

K.WEST: »Da mir im Leben das meiste unwichtig ist, kann mich so gut wie alles an ihm begeistern«, heißt es in ihrem zuletzt erschienenen Buch »Mischwald«. Interesseloses Wohlgefallen am Alltag – grob philosophisch formuliert heißt das: Das Leben ist schön?

KAPIELSKI: Es ist ganz schön anstrengend. Aber der Mensch weiß ja um des Lebens unwiderlegbaren Feierabend. Und so kann man alles doch sehr genießen.

K.WEST: In ihren Büchern wird gern, viel und schon vormittags bevorzugt Bier getrunken. Fehlschluss, dass Bier eine wichtige Inspirationsquelle ist?

KAPIELSKI: Das ist fester abendländischer Kultur- und Inspirationsbestandteil, wie auch das Rauchen. Und ein Tag ohne Bier ist eben wie einer ohne Wein und Zigarette. Das sage ich als Nichtraucher. Für mich gilt jetzt allerdings auch, dass ich in meinem Leben genug gegessen und getrunken habe. Ich bin da jetzt entlastet. Mich kann jetzt mehr die Askese begeistern.

K.WEST: »Merve für Doofe«, so haben Sie sich selbst immer wieder im theoriefreudigen Merve-Verlag verortet, wo Ihre Bücher neben denen von Derrida, Lyotard oder Luhmann stehen. Nun sind Sie Teil der Suhrkamp-Kultur und haben zudem ein Werk beim erlesenen Lyrik-Verlag Urs Engeler platziert. Biegen Sie jetzt auf die Zielgerade eines langen Weges durch höchstkulturelle Institutionen ein?

KAPIELSKI: Bei Suhrkamp bin ich, schauen Sie sich da mal um, ja, ich meine, Abitur hat ja nun jeder, da bin ich doch jetzt mal Suhrkamp für Geistgewiegte, für Weltkluge, Suhrkamp für Schlaue. Und damit ich die da nicht ganz aus der Ordnung und Eintracht bringe, habe ich mein erstes Pastorale, die Ortskunde, zum Lyrikverlag Urs Engeler apportiert.

K.WEST: Wo führt Sie dieser Weg hin?

KAPIELSKI: Um die meist kalten Höhen zu erklimmen, um sie auszuhalten, geht man besser mal wieder etwas bergab. Deshalb habe ich das letzte Buch, den »Zeitbehälter«, wieder Merve gegeben. Dann ist Suhrkamp am Zug.

K.WEST: Dass es um das Abendland kulturell nicht gut bestellt ist, und es dessen Bewohnern an Tradition, Formen und Bildung mangelt, erfährt der Leser Thomas Kapielskis immer wieder. Es ist ein  Jammer, für den Humoristen aber keine schlechte Ausgangslage, oder?

KAPIELSKI: Von wegen. Es verflüchtigen sich mir die Leser. Wenn ich wirklich klug wäre, weniger klug also, dann würde ich doch besser so Roman-Oschis basteln, mit erfundenen Namen, so Courths-Mahler für WGs, oder geschwollene Groschenhefte, die im Messenomaden-Milieu spielen mit Sex und Rauschgift.

K.WEST: Fühlen Sie sich zurecht mit dem Etikett »wertkonservativ« beklebt?

KAPIELSKI: Dumpfer Sortierwahn. Jedenfalls kommen mir heute so Neomarxisten, Ökoleute und alle diese sich fortschrittlich und links Dünkenden vor wie die letzten altvordern Spießer. Dort dröhnt und dräut die Konserve, die Bartwickelmaschine. Um einer Karriere willen rate ich aber allen jungen Menschen, ordnungsgemäß links abzubiegen und mitzuwickeln.

K.WEST: In Ihren letzten Büchern hat die Länge der Texte deutlich ab-, die Gelehrsamkeit aber zugenommen. Braucht es künftig das Latinum, um Thomas Kapielski zu lesen?

KAPIELSKI: Am Stammtisch plaudern wir neuerdings Mandäisch. Allen Ernstes. Nur die Geweihten verstehen sich da.

www.literaturhaus-koeln.de

 

Literatur
05 / 2010

»AM STAMMTISCH PLAUDERN WIR NEUERDINGS MANDÄISCH«

Von: ANDREJ KLAHN


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