Dieter Wellershoff. Foto: Hans Weingartz

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Dieter Wellershoffs imaginärer Museumsrundgang »Was die Bilder erzählen«

 

TEXT: ANDREJ KLAHN

Museumsdirektoren dürften angesichts der Sammlung, die Dieter Wellershoff für sein »imaginäres Museum« zusammengetragen hat, neidisch werden: Werke von Botticelli und Caravaggio hängen neben denen von Bosch, Dürer oder Velázquez. Munch, Picasso und Gerhard Richter fehlen nicht. Über 230 Gemälde von rund 80 Künstlern hat der 88-jährige Schriftsteller zusammengetragen, um sie zum Sprechen zu bringen. »Was die Bilder erzählen« ist sein Rundgang betitelt, der weder Anspruch auf kunsthistorische Vollständigkeit erhebt, noch epochalen Notwendigkeiten folgt. Wellershoffs Umgang mit den Bildern ist nicht der eines Experten. Als Schriftsteller nähert er sich den Gemälden.

Angeregt wurde das Buch durch die Anfrage, ob er sich vorstellen könne, in einem einzigen Satz etwas Treffendes über ein Bild zu sagen. Ihn habe dann die »sprachlose Anmutung« interessiert, mit der die Begegnung mit einem Bild beginne, so schreibt Wellershoff im kurzen Vorwort. Wer mit ihm durch die imaginären Säle schlendert, wird Zeuge, wie Bilder durch Worte verlebendigt werden. Mal notiert Wellershoff knappe Assoziationen, dann wieder poetisch konzentrierte Bildbeschreibungen oder kulturgeschichtliche Kurzkommentare. In van Goghs »Allee bei Arles« etwa sieht Wellershoff das »Orchester der Sommerfarben« mit einem Tutti einfallen, um ein Lied anzustimmen, das »dasein hiersein jetzt« heißt. Kürzer lässt sich das Gefühl bei der Betrachtung eines van Goghs kaum beschreiben.

Leise echot Wellershoffs literarisches Lebenswerk in manche Bildbeschreibung hinein. Nicht als Thema oder Motiv, sondern als Haltung, aus der heraus Kunst entsteht. An Zwängen und Prägungen arbeite diese sich ab. Als »panische Lebensangst« sei das etwa in den Bildern Edvard Munchs zu spüren. In Abwandlung eines Zitat aus Wellershoffs letztem Roman »Der Himmel ist kein Ort« ließe sich sagen: Das Malen kann – wie das Schreiben – ein Geländer sein, an dem entlang man durch den Abgrund gehen kann, der sich Leben nennt.

Dieter Wellershoff: »Was die Bilder erzählen«; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 368 Seiten, 39,99 Euro

Am 4.12. stellt Dieter Wellershoff »Was die Bilder erzählen« im Walraff-Richartz-Museum im Gespräch mit dessen Direktor Markus Dekiert vor.

 

Literatur
12 / 2013

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Von: ANDREJ KLAHN


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