BRUDERHERZ

Der Australier Steve Toltz berichtet auf 800 Seiten über »Vatermord und andere Familienvergnügen«, zieht für seine ausschweifende Phantasie alle Register und hat selbst einen Heidenspaß daran.  

TEXT: ANDREAS WILINK  

Der Held sitzt im Gefängnis – ein sattsam bekanntes literarisches Motiv. In der Unfreiheit macht das Schreiben seines Lebensberichtes ihn frei. Nun hat es aber bei der Familie Dean, einer mit seltsamen Talenten vom Himmel gesegneten und von der Hölle fluchhaft beladenen Familie, besondere Bewandtnis mit dem Gefängnis, speziell mit jenem ihrer Heimatstadt in New South Wales. Jasper Dean, der Erzähler in dem Roman-Debüt von Steve Toltz, ist keineswegs das schwarze Schaf seiner Sippe. Vielmehr besteht die nur aus Sündenböcken und Schuldlämmern – in mehreren Generationen.

Jaspers Großvater hat selbst Hand angelegt, als der Knast erbaut wurde und lebt fortan in Sichtweite des Zwingers. Später soll dessen Sohn Terry dort als Häftling scheinbar in den Flammen verbrennen, nachdem er zum berühmtesten Verbrecher des fünften Kontinents geworden war, während sich sein Bruder Martin (Jaspers unseliger Vater) eher für die Theorie, darunter ein Handbuch des Kriminellen, zuständig zeigt.

Aber der Reihe nach, obgleich es aussichtslos ist, den Katastrophen-Report in sieben Teilen auch nur annähernd nachzuzeichnen. Es bleibt bei einem »Bruchteil vom Ganzen« (so das gegenüber dem deutschen Titel weit intelligentere Original). Beginnend mit einer Flucht vor dem Holocaust nach Shanghai, Rückkehr und Mord durch einen polnischen Mob, wandert die überlebende werdende Mutter des Knaben Martin nach Australien aus, wo sie den Nachfahren eines aus England Verbannten heiratet, der Martins Stiefvater und leiblicher Vater von Terry wird.  Martin fällt als Vierjähriger für Jahre ins Koma, was Terry ebenso traumatisiert wie seine durch Verletzung früh beendete Sportlerkarriere, die das Wunderkind bereits zum Idol hatte werden lassen. Als Kompensation mutiert er zum Räuber, Mörder und Rächer, der sich dem Fair Play verpflichtet fühlt und Auswüchse von Korruption und Bestechung im Sport blutig ahndet.

Meistens bekommt Martin nur das Kleingedruckte ab, während Terry die Schlagzeile beherrscht. Andererseits bringt Martin – der Ältere, Unansehnliche, Verspottete und Geächtete, der Misanthrop und Soziopath, Feind des Allgemeinplatzes, Demiurg und Gotteszweifler, der Gutmensch, Reformpolitiker und bestgehasste Australier – die Dinge ungewollt ins Rollen. Ein Oskar ohne Trommel, ein Felix ohne Fortune. Martin spielt Schicksal, entfacht kleine Weltenbrände und wird mit seinem Eingreifen zum Katalysator für den mit sich in Harmonie lebenden Terry – wie umgekehrt dieser für ihn: Brüder oder die Balance des Unglücks.

Das Erbe setzt sich fort, wenn Martin seinen um Abgrenzung kämpfenden und doch spiegelbildlich sich entwickelnden Sohn Jasper erzieht, wobei dessen in Paris in die Luft gesprengte Mutter sowie weitere Dean-Gespielinnen ein Kapitel für sich darstellen. Jasper verbringt seine frühen Jahre in Verwahrlosung, mal im Heim, mal in einem Haus im Busch, das Dad mit einem Labyrinth unzugänglich macht, zwischen Schüler-Selbstmorden und als illegaler Exilant mit seiner Sippe in Thailand.

Der weltläufige, in Sydney geborene und in Paris lebende Steve Toltz ist ein raffinierter Fabulierer wie John Irving, Anthony Burgess oder Marquez, auch wenn die Methode narrativer Überbietung und Erregungs-Steigerung bis zur nächsten Klimax nicht eben literarische Avantgarde bedeutet. Immerzu reißt Toltz den Vorhang beiseite für einen noch tolldreisteren Akt. Er hat einen Heidenspaß an seiner galligen und kauzigen Saga, für die er eine robuste, bisweilen angestrengt rotzige Sprache findet, die er mit Wortwitz, Maximen und schlauen Sprüchen lockert  und mit Zitaten von Pascal, Nietzsche, Emerson, Pessoa, Céline oder Borges reichlich spickt.

»Vatermord und andere Familienvergnügen« ist eine éducation sentimentale, passionierter Ideen- und Entwicklungsroman und nicht zuletzt eine Travestie der mythischen Rivalität von Kain und Abel, Jakob und Esau, Laios und Ödipus, Hamlet und Claudius. Im Wechselspiel von Gesundheit und Krankheit, Wahrheit und Lüge, Anpassung und Exzentrik kreist der Dean-Clan in fanatischer Selbstbespiegelung und Größen-wahn um sich selbst bis zur Selbstfindung – wir wirbeln mit.   


Steve Toltz, »Vatermord und andere Familienvergnügen«, Roman, aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann, DVA, München, 2010; 790 S., 22,95 €.

Literatur
05 / 2010

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