Buch des Monats: »Blaupause«

Theresia Enzensberger erzählt in ihrem Debüt-Roman vom Leben und Studieren am Bauhaus der 20er Jahre – aus Sicht der Architektin Luise Schilling.

Die drei jungen Frauen stecken ihre Köpfe übermütig durch das Geländer des Balkons, Wind zerzaust ihre Haare, sie blinzeln lächelnd in die Kamera, die vom Dach des Gebäudes nach unten gerichtet ist. Unten, vor dem Haus, sitzen weitere Studenten auf einer Mauer, die ebenfalls nach oben blicken. Ihre Schatten liegen lang und schwarz auf dem Beton. Wahrscheinlich ist es Spätsommer. Das Foto, das für den Umschlag von Theresia Enzensbergers Debüt-Roman »Blaupause« verwendet wurde, ist vom Bildaufbau und der ungewöhnlichen Perspektive dermaßen modern und gegenwärtig, dass man sich nicht sicher ist, von wann es stammt. Aber wie sollte es anders sein – das Bild entstand 1927 am Bauhaus, damals noch als Schwarz-Weiß-Abzug, der für das Cover sanft nachkoloriert wurde.

Die scheinbar leichte, unbeschwerte Atmosphäre des Fotos passt zu Enzensbergers Schilderungen des Lebens und Studierens am Bauhaus der 20er Jahre. »Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen« – Luise Schilling hat als spätere Architektin kühne Pläne im Kopf und auf dem Papier. Sie kommt 1921 aus Berlin ins überschaubare Weimar. Das damalige Bauhaus wird von Gropius, Kandinsky, Klee und Itten geprägt. Luise verschlägt es in die Studentengruppe um den Farbtheoretiker Itten, in den Kreis der »Kuttenträger« mit sektenhaftem Gebaren. Wegen Jungschwärmerei, versteht sich. Die Architektur muss warten, auf elterlichen Druck hat Luise das Bauhaus zu verlassen, kehrt aber gereifter zurück – 1927, in das »neue« Bauhaus nach Dessau.

Die anfängliche Leichtigkeit verfliegt schnell, zum einen durch enttäuschte Lieben, falsche Freunde, Egoismen, Mobbing und Machotum bis zur häuslichen Gewalt. Zum anderen durch das Misstrauen der Gesellschaft gegenüber den Bauhäuslern, sowie dem aufziehenden Nationalsozialismus und Kommunismus, die auch unter den Studenten ihre Anhänger finden. Das künftige Unheil liegt noch latent unter der Oberfläche. Im Sommer 1921 macht man einen gemeinsamen Spaziergang in die Umgebung: »Die dünnen Buchen bilden eine hohe, blätterlose Wand. Wir sind völlig allein, niemand spricht mehr, nur die Bäume knarren im Wind.« In der Nähe bemerkt Luise ein großes Gebäude, das Schloss Ettersberg. Enzensbergers Andeutung ist ein zarter Hinweis darauf, dass die Nazis 1937 an dieser Stelle mit der Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald beginnen werden und es deshalb so nennen, weil die Namen KZ Ettersberg oder KZ Weimar aufgrund des Respekts vor Goethe und der deutschen Klassik nicht in Frage kamen. Auch wenn man später vom Marktplatz den Rauch der Schlote sehen wird.

Luise Schilling siedelt schon nach ihrem Diplom, 1927, nach New York über. Indirekte Flucht vor dem kommenden Terror und Flucht vor sich selbst, fremdgewordenen Freunden und dem Elfenbeinturm Bauhaus, der am Ende nicht mehr strahlt, sondern »gräulich und fahl« wirkt. Luise Schilling war zu stark, zu eigenständig für ihre Zeit. Am Ende des Romans findet sich ein echter Brief aus New York, datiert im September 1962, von Luise an ihre Bauhaus-Freundin Maria: »Es gefällt mir, mich unter die jungen Leute zu mischen. Sie erinnern mich an uns und daran, wie unsere Freiheit als Provokation aufgefasst wurde.«

Theresia Enzensberger »Blaupause« Hanser Verlag, München, 2017, Roman, 256 Seiten, 22.- Euro

Lesungen am 8. September 2017 im Museum Haus Lange Haus Esters, Krefeld (im Rahmen der »15. Krefelder Architekturtage«, Moderation Dorian Steinhoff) sowie am 12. September 2017 in der Bernstein Verlagsbuchhandlung Gebrüder Remmel, Siegburg

Literatur
09 / 2017

Buch des Monats: »Blaupause«

Von: Volker K. Belghaus


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