»Die Hochhausspringerin«

Buch des Monats: Julia von Lucadou erzählt in ihrem Debüt »Die Hochhausspringerin« vom Kampf um die Freiheit.

Science-Fiction findet nicht in Reihenhaus-Siedlungen statt. Sondern in riesigen Metropolen voller himmelsstürmender Wolkenkratzer – man denke an die frühe  Vision von »Metropolis« oder die verregnet-melancholische Stadtlandschaft in »Blade Runner«. Auch Julia von Lucadou hat ihren Debüt-Roman »Die Hochhausspringerin« in einer solchen uferlosen Stadt angesiedelt, mit tausend Meter hohen Hochhäusern, die kein Tageslicht mehr in die künstlich beleuchteten Straßen lassen. 

Die Türme sind der Arbeitsplatz der Hochhausspringerin Riva, einer jungen Sportlerin in einem silbrigen Fly-Suit. Riva stürzt sich, zur Unterhaltung der Massen, scheinbar todeskühn in die Straßenschluchten, um kurz vor dem Aufprall durch den Flugmodus ihres Anzuges artistisch zurück Richtung Himmel zu schießen. Von ihren Fans umjubelt, lebt sie wie alle in dieser unbestimmten Zukunft ein absolut gläsernes und technologieüberwachtes Leben. Eine vorhersehbare, durchgestylte und selbstoptimierte Existenz – bis sie beginnt, sich dagegen aufzulehnen, sich weigert zu trainieren und ihre Luxuswohnung zu verlassen. Daraufhin wird die Datenanalystin Hitomi beauftragt, Riva wieder auf den systemkonformen Weg zu bringen. 

Julia von Lucadou wurde 1982 geboren, ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete als Regie-Assistentin und Fernsehredakteurin. In ihrem dystopischen Roman dreht sie die fortschreitende Vernetzung unserer Gegenwart geschickt weiter. Mit durchgekühlten, schnörkellosen Sätzen beschreibt sie aus der Sicht von Hitomi eine klinische und datentransparente Welt. Kinder werden von Geburt an in Childcare-Instituten normgerecht auf ihr späteres Leben optimiert, ihre »Bio-Eltern« sehen sie nur selten, virtuelle »Parent-Bots« ersetzen die familiäre Wärme. »Activity-Tracker« überwachen Körperfunktionen und Gesundheitszustand. Fällt jemand emotional aus dem Raster, setzt es zwangsverordnete Therapiegespräche; bei zwischenmenschlichen Rendezvous sucht das System selbstverständlich den Partner und Ort aus.

Diese Überwachungs- und Gesundheitsdiktatur scheint nicht mehr so utopisch. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass wir uns und unsere Daten für ein wenig Lifestyle bereitwillig ausliefern? Dass wir kein Problem damit haben, unsere Mobiltelefone mit Retina-Scans und Daumenabdruck zu aktivieren, aber protestieren, wenn Google Maps unsere Häuser fotografiert? Fitness-Tracker gibt es längst, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese freiwilligen Fußfesseln die Gesundheitsdaten direkt an die Krankenkassen übermitteln. Ist irgendwann der Punkt erreicht, wo nur noch eine Totalverweigerung wie bei Riva dagegen hilft? Sicher ist nur eins: Die Zukunft ist näher, als man denkt.

Julia von Lucadou: »Die Hochhausspringerin«, Hanser Verlag, 288 Seiten, 19 Euro 

Lesung am 16. November 2018 im 1Live-Haus, Köln (im Rahmen von »1Live Klubbing«)

Literatur
11 / 2018

»Die Hochhausspringerin«

Von: Volker K. Belghaus


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