Buch des Monats: »Was zu dir gehört«

Garth Greenwell erzählt in seinem Romandebüt von der obsessiven Beziehung zwischen einem Amerikaner in Sofia und einem bulgarischen Stricher.

REZENSION SASCHA WESTPHAL

Zum ersten Mal begegnen sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler und Mitko, das Objekt seiner launischen Begierde, in einem Toilettenraum im Keller des Nationalen Kulturpalasts. Eine klassische Cruising-Situation, intensiv aufgeladen. Neben dem Verlangen liegen auch Bedrohungen und Warnungen in der »Luft, die man atmet«. Und wie die Luft sind auch sie »allgegenwärtig und so unentrinnbar, dass sie zum Teil all jener werden, die diese Orte aufsuchen, und zur wesentlichen Komponente des Begehrens, das sie dorthin führt«. Aber zugleich lockt den US-Amerikaner, der als Lehrer für Literatur an einer elitären Schule in Sofia tätig ist, noch etwas anderes in den feuchten, kalten Keller. Hier herrscht eine Freiheit, wie sie sonst im konservativen, homophoben Bulgarien unvorstellbar ist. Bei diesem Sex fallen die Grenzen, soziale wie nationale. Plötzlich reduziert sich alles auf das nackte Verlangen und den Austausch von Geld. Anonymität und Intimität, Geschäft und Begierde, fließen in einem Spiel der Masken und einstudierten Regungen ineinander. »Doch«, gesteht sich der Erzähler freimütig ein, »hat nicht jede unserer Umarmungen etwas Theatralisches?«.

Wie sein Ich-Erzähler hat Garth Greenwell einige Jahre als Lehrer an einer amerikanischen Schule in Sofia verbracht, und wie sein fiktives Alter Ego ist auch er in einem der republikanischen Südstaaten aufgewachsen und hat von frühester Jugend gelernt, seine Neigungen als verachtenswert zu empfinden. So erzählt »Was zu dir gehört« von einer schwierigen, nie ganz abgeschlossenen Befreiung. Einmal wird der in gesicherten Verhältnissen lebende Amerikaner dem tief und tiefer in Krankheit, Armut und Sucht geratenen Mitko erklären, dass er durch seine Homosexualität nicht erpressbar ist: »Aber Mitko, sagte ich sanft, nicht aus Furcht, sondern aus Mitleid, ich lebe das offen aus, ohne Geheimnisse, jeder weiß, was ich bin.« Aber das ist nur die eine Wahrheit des Romans. Der heutigen Freiheit des westlichen Lebens stehen Prägungen einer anderen Zeit gegenüber. Sie sind Teil dessen, »was zu dir gehört«.

Im zweiten der drei Teile seines Debüts erinnert sich Greenwells Ich-Erzähler der traumatischen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend. Während er sich in Szenen und Bildern der Vergangenheit verliert, versinkt er auf einem Streifen Niemandsland im Morast. In solchen Momenten verdichten sich Greenwells präzise Alltagsbeobachtungen und die von kaum kontrollierbarer Wut durchdrungenen Jugend-Reminiszenzen des Lehrers zum lyrischen Porträt der Fremdheit. Der Erzähler ist ein Zerrissener, der sich und seine Gefühle zum einen ständig analysiert und doch wiederum blind für seine eigenen Privilegien ist. Seine Erzählungen und Beschreibungen nehmen einen gefangen, aber trauen sollte man ihnen nicht. Denn letztlich ist das, was bei Greenwell ungesagt bleibt, so eindringlich und aufschlussreich wie das, was erzählt wird.

Garth Greenwell: »Was zu dir gehört«, Aus dem Englischen von Daniel Schreiber, Hanser Berlin, Berlin, 2018, Roman, 240 Seiten, 22,-- Euro

Lesung am 11. März im Comedia Theater (Roter Saal), Köln (im Rahmen der lit.Cologne)

Literatur
03 / 2018

Buch des Monats: »Was zu dir gehört«

Von: Sascha Westphal


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