Buch des Monats: »Zeithain«

Der verlorene Befreiungs-Krieg: Michael Roes schreibt einen großen Roman über Hans Hermann Katte und den Jungen Fritz.

REZENSION ANDREAS WILINK 

Dieses stupende Buch über Hans Hermann von Katte, dessen Lebensgeschichte eines Kleist-Dramas würdig war, ist  – wie von dem gelehrten Michael Roes nicht anders zu erwarten – mehr als historische Recherche und Biografie, wobei das schon reichlich wäre. Die (Re-)Konstruktion von »Zeithain« addiert manches dazu: als Sitten- und Empfindungsgeschichte des 18. Jahrhunderts, (erotischer) Reise- und Bildungsroman, leicht übertemperierte homosexuelle Bekenntnis-Literatur, tief berührter Trauergesang – und gegenwärtige Berlin-Fantasie, in die der Flügelschlag von Engeln eine surreal blutige Spur zieht. 

»Katte bezahlt die Schuld«, die Kronprinz Friedrich zumindest insofern erspart wird, als er am Leben blieb, schreibt Fontane in seinen »Wanderungen«. Hans, Offizier der Gens D’armes, wird dem jüngeren unsoldatischen Fritz zum Lebensfreund, mit dem er einmal gar heimlich ins sächsische Leipzig zur Uraufführung der Matthäuspassion ausbüxt, um dann 1730 mit 26 Jahren in Küstrin vor dessen Augen geköpft zu werden. Friedrich plante die Flucht vor dem väterlichen Despoten und eingebläuten Prinzip Preußen und machte Katte zum Mitwisser der »Verschwörung«. 

Die stärksten der sieben Kapitel dieser Passionsgeschichte sind die »Zeithain« und »Glaucha« überschriebenen: ersteres über die herzrührende Bindung der beiden, ihre Treue und die Zumutungen der Freundschaft; das andere und frühere über das Pädagogium Regium, das der Eleve Hans durchduldet. Aus den Franckeschen Anstalten mit ihrer protestantischen, dickhäutig-virilen Disziplin und Knochen gefrieren lassenden Dressur, ihrer leibfeindlichen, alles Schöne verneinenden Ordnung von Strafen und Überwachen rettet Katte sich in das adoleszente Klima eines blutsbrüderlichen Bundes mit einem halben Dutzend sehr verschiedener Freunde. Mehr als einer von ihnen wird in dem Zucht-Haus den Tod finden. Auch begegnet er in der freudlosen Umgebung, wo das Knabenkraut mit Stumpf und Stiel ausgerissen werden soll, dem Gegengeist in Person von J.S. Bach und des kunstsinnigen Fürsten Leopold von Anhalt-Cöthen. Grazie statt Gehorsam. Verfeinerung statt Grobschlächtigkeit. Lieben statt Befehlen.  

Auf einer zweiten Zeitschiene und Erzählebene, die die 300 Jahre ältere durchwirkt, treffen wir einen Nachfahren Kattes (und in einigen Teilen wohl Alter Ego des Autors), Philip Stanhope, dessen Genealogie aufzurollen hier zu kompliziert wäre. Dieser mit allen Vorzügen und Makeln der Spätgeburt behaftete Rotschopf – snobistisch, kritisch, kapriziös, exzessiv wollüstig und zudem mit dem Stigma Epilepsie behaftet – folgt Kattes Kavaliersreise auf seiner eigenen Grand Tour u.a. nach Königsberg, Paris, London und Berlin. 

Väter opfern ihre Söhne: Kattes verhärteter »Herr Vater«, der begüterte Junker, Generalmajor und Militär-Gouverneur, und der grausame, jähzornige, psychisch defekte Soldatenkönig, der seine Langen Kerls adoriert und seinen Thronerben traktiert. Kattes freisinnige Künstlernatur und Stanhopes ästhetische Dekadenz spiegeln sich ebenso ineinander wie die Themen von Roes’ literarischem Programm, dessen großer Bogen auch seinen zwölften Roman einspannt. Stoffe und Motive fand und findet er dafür in der Bibel, im Jemen, in Nordafrika, Wales, China – oder in Brandenburg. 

Roes hat höchstens den Fehler, zu viel zu wissen und zu wollen, sodass die Detailsucht und Fülle offener oder verdeckter Zitate zwischen Lessing und Lenz, Wilde und Genet, der Aperçus und Aphorismen sich (und uns) manchmal überanstrengen. Sein süffisant geistreiches Flanieren, das Imitieren des Rokoko-Konversationstons, innige Wehmut, durchzuckt von ironischen Blitzen, chronikalische Genauigkeit, die ins Mystische gleitet, verdichten sich zur Gefühls-Ethnologie. Ideale, Leidenschaften, Tugenden, Erscheinungen von Glück und Qual werden durchmustert und nach anderen Kategorien als den normativen – damals wie heute – als lebenswert begriffen. »Zeithain« ist Klage, Anklage und herausforderndes Lob der Ausnahme.

Michael Roes, »Zeithain«, Roman, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2017, geb. 808 S., 28,80 Euro. Lesetermin: 30. Oktober, Universität Paderborn.

Literatur
10 / 2017

Buch des Monats: »Zeithain«

Von: Andreas Wilink


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