Tanguy Viel. Foto: DR

DAS FAKTUM DER FIKTION

Tanguy Viels in die Ironie wie ins Erzählen verliebter Roman »Das Verschwinden des Jim Sullivan«

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Unter eiskalt texttheoretischen Aspekten ist die Rezension eines Romans so gut ein Text wie der Roman selbst, ein Text über einen Text halt, ein Metatext. Allerdings kann ein Roman seinerseits den Charakter eines Metatextes annehmen, wie wir gleich sehen werden. Und dann wird es schwieriger. Ein Text über einen Text wird leider nicht so begeistert gelesen wie der Text selbst; um Abhilfe zu schaffen, müsste man eine Rezension ganz anders beginnen, viel romanhafter: mit der Beschreibung des Wetters, des Ortes, einiger Figuren wie der das Rezensionsexemplar ausliefernden Postbotin… Und schon hätte man sich in das matruschkaeske Bauprinzip verwickelt, mit dem der französische Autor Tanguy Viel die Textebenen seines Romans »Das Verschwinden des Jim Sullivan« vor sich ausbreitet, übereinanderlegt, schräg ineinandersteckt, umgruppiert usw. Und hätte als Rezensent großen Erfolg.

Natürlich dürfte man sich dabei nicht zu weit von seinem Gegenstand, dem Roman, entfernen – doch wo, stellt sich die Frage, ist eigentlich dieser Roman? Materiell gesehen zwischen zwei sehr schön gestalteten Buchdeckeln, aber ideell, geistig? »Das ist die erste Szene meines Buchs«, lesen wir (erst!) auf Seite 12: »ein Mann sitzt in einem weißen Wagen da, bei abgestelltem Motor, in winterlicher Kälte«. Und ein paar Zeilen weiter: »In dem Schnee, der an den Rädern klebte, schrieb ich, (…) konnte er Stunden auf diesem Posten verbringen«. Und dann: »Doch all das, schrieb ich, all diese Dinge, die er wie im Traum durch die Windschutzscheibe seines Dodge sah, waren sozusagen an einem sehr fernen Ort verschlossen«. – »Schrieb ich«? Wie jetzt, fragt man sich, gibt es da also noch einen weiteren, einen ersten oder ureigentlichen Roman, jedenfalls einen anderen als den, der hier vorliegt?

Dass im Zeitalter der Krise des Erzählens und der Agonie des Autors gern präliminarisch herumgehampelt wird, bevor es losgeht, das kennt man ja. So auch hier: Das Buch beginnt damit, dass ein französischer Autor (»ich«) erzählt, wie er beschließt, einen Roman nach amerikanischem Muster zu schreiben, einen dieser den Atem frei machenden »internationalen Romane«, die die amerikanischen Romane automatisch immer sind. Er kauft sich also eine Karte der USA, wählt einen Ort aus, Detroit, eine Hauptfigur, Wayne Koster genannt, und lässt ihn einen Midlife-kriselnden, frisch geschiedenen Universitätsprofessor für Literatur sein, weil er gemerkt hat, dass das in amerikanischen Romanen immer so ist. Er – der Erzähler – versucht sich außerdem in Detailreichtum, weil auch dies in amerikanischen Romane so ist und, angefüllt mit Amerikabildern, wie wir sind, auch nicht schwer fällt. Vor allem lässt er laut und deutlich die Zeitgeschichte hineinkrachen: Kennedys Ermordung, den Irak-Krieg. Er stellt Rückblenden ein, in denen er (als Autor!) etwas erfährt über die Familie Koster: »so entdeckte ich beispielsweise, dass Moll Koster, Dwaynes Mutter, einen Liebhaber hatte«. Als Leser kommt einem das alles so vor, als raune immerzu eine Stimme: ›Eigentlich hatte ich vorgehabt, meinen Roman so und so zu erzählen, aber dann …‹ Aber dann! Dann nämlich folgt Szene auf Szene, es lässt sich nicht aufhalten, die raunende Stimme verebbt, die metafiktionale Absicht einer Romankonstruktion à la Américaine kommt auf die Beine des Erzählens, und los galoppiert das Buch in die internationalen Weiten des amerikanischen Romans.

Wie von selbst widerfahren Wayne Koster: eine leidenschaftliche Affäre mit einer jungen Studentin; der Rauswurf durch Ehefrau und Uni; ein Aufenthalt in der Psychiatrie; die Verwicklung in Irak-Raubkunst- und -Waffengeschäfte samt FBI; schließlich Flucht in die Wüste von New Mexico an den Ort, an dem 1975 Jim Sullivan spurlos verschwand. Der war (echt jetzt!) ein Rocksänger (»U.F.O.«), emphatisch gern gehört von Koster in seinem anfangs tagelang vor dem Haus seiner Exfrau Susan stehenden und am Ende durch Amerika rasenden weißen Dodge Coronet – durch Amerikas unendliche Nacht (denn auch das ist Amerika, ein film noir). Welche endet, als Koster – aber das soll Tanguy Viel selber erzählen. In seinem meisterhaft geschriebenen, in Wahrheit sehr französischen (und französisch schlanken) Roman.

Tanguy Viel: »Das Verschwinden des Jim Sullivan. Ein amerikanischer Roman.« Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel; Wagenbach Verlag, Berlin 2014. 120 S., 16,90 Euro

Lesung: 12. November 2014 in Essen, Buchhandlung Proust

 

Literatur
11 / 2014

DAS FAKTUM DER FIKTION

Von: ULRICH DEUTER


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